Die erste Weltmeisterschaft mit 48 Mannschaften war größer, länger und teurer als jede Endrunde zuvor. In den USA, Kanada und Mexiko wurde der Fußball bis an seine Belastungsgrenze vermarktet. Doch nach 104 Spielen bleibt auch eine tröstliche Erkenntnis.
Als Rodri den WM-Pokal in den Nachthimmel stemmte, lag hinter dem Weltfußball ein Turnier, das beinahe alles geboten hatte: fünf Wochen Dauerbeschallung, 104 Spiele, bis zu vier Begegnungen am Tag, Außenseitergeschichten, Rekorde, Kontroversen und ein Endspiel, das erst nach 120 Minuten entschieden war. Spanien gewann gegen Titelverteidiger Argentinien mit 1:0 und krönte sich zum zweiten Mal nach 2010 zum Weltmeister. Es war ein verdienter Triumph der komplettesten Mannschaft dieser Endrunde – und ein passender sportlicher Abschluss für eine Weltmeisterschaft, deren Qualität lange unter dem Verdacht ihrer schieren Größe gestanden hatte.
Ein Turnier mit hoher Qualität
Die Befürchtungen waren beträchtlich gewesen. 48 Teilnehmer statt 32, erstmals ein Sechzehntelfinale, eine kaum überschaubare Zahl an Spielen und drei Gastgeberländer: Die XXL-WM wirkte schon vor ihrem Beginn wie der nächste Beleg dafür, dass die Fifa jede Grenze nur noch als Einladung versteht, sie möglichst gewinnbringend zu verschieben. Doch der sportliche Absturz blieb aus. Nicht jede Vorrundenpartie war sehenswert, manches Duell hätte im Gedächtnis des Turniers kaum eine Lücke hinterlassen. Insgesamt aber war die Qualität höher, als viele Kritiker erwartet hatten.
„Ich glaube, die Qualität des Turniers war sehr hoch“, sagte Arsène Wenger, der als Chef der Technical Study Group für die Fifa das Geschehen analysierte. Die Sorge, eine größere Teilnehmerzahl könne einzelne Mannschaften überfordern und zu sportlichen Desastern führen, habe sich nicht bestätigt. „Die Lücke zwischen den Großen und den Kleinen hat sich verringert.“ Für Wenger war die Erweiterung deshalb „die richtige Entscheidung“ und „ein großer Erfolg“. Das klingt nach dem erwartbaren Urteil eines Fifa-Direktors, lässt sich durch den Verlauf dieser WM aber zumindest teilweise belegen.
Die neue Größe hatte dennoch einen deutlichen sportlichen Preis. Zwei Drittel aller Teilnehmer erreichten die K.-o.-Runde. Dadurch fehlte vielen frühen Gruppenspielen die existenzielle Spannung, die eine Weltmeisterschaft eigentlich auszeichnet. Spanien konnte das 0:0 zum Auftakt gegen Kap Verde vergleichsweise gelassen hinnehmen, weil ein Ausrutscher kaum gefährlich war. Selbst der dritte Platz bot in vielen Gruppen noch eine Hintertür. Statt klarer Entscheidungen entstand eine komplizierte Rechnerei um die acht besten Gruppendritten.
Ausgerechnet dieser Konstruktionsfehler könnte der Fifa das Argument für die nächste Erweiterung liefern. Bei 64 Teilnehmern ließen sich 16 Vierergruppen bilden, aus denen nur die beiden Erstplatzierten weiterkämen. Der Modus wäre einfacher und womöglich gerechter – das Turnier aber noch gewaltiger. So erzeugt das Fifa-Prinzip des permanenten Wachstums seine eigene Begründung: Erst wird ein Wettbewerb vergrößert und ein unausgewogener Modus geschaffen, anschließend soll die nächste Vergrößerung das entstandene Problem beheben.
Neues Format sorgte für neuen Reiz
Ab dem Sechzehntelfinale entfaltete das neue Format immerhin seinen Reiz. Fünf entscheidende Treffer fielen ab der 86. Minute, drei Duelle wurden im Elfmeterschießen entschieden, zwei weitere in der Verlängerung. Die zusätzliche K.-o.-Runde brachte Partien hervor, die es im alten System nicht gegeben hätte. Wer ein Herz für Außenseiter besitzt, wird sich an diese Phase erinnern. Wer alle 104 Begegnungen sehen wollte, dürfte dagegen vor allem Erschöpfung verspürt haben.
Immerhin wurde nicht nur aufgrund der gestiegenen Spielzahl Spektakel produziert. Im Durchschnitt fielen 2,9 Tore pro Partie – so viele wie bei keiner Weltmeisterschaft seit 1970. Der Anteil der Jokertore lag bei 19 Prozent, zahlreiche Begegnungen kippten spät. Ferran Torres entschied als Einwechselspieler schließlich sogar das Finale. Auffällig war zudem die hohe Zahl erfolgreicher Distanzschüsse. Je nach statistischer Erfassung fielen 14 bis 16 Prozent der Tore von außerhalb des Strafraums. Jürgen Klinsmann erklärte den Anstieg mit den immer häufiger genutzten tiefen Abwehrblöcken: „Immer mehr Mannschaften verteidigen im tiefen Block, da ist kein Platz im Zentrum.“
Gleichzeitig nahm die Bedeutung explosiver Angreifer zu. Selbst Mannschaften wie Spanien, Frankreich und Argentinien zogen sich phasenweise weit zurück und benötigten Spieler, die nach Ballgewinnen große Räume in hohem Tempo überbrücken konnten. „Die Explosivität einzelner Spieler wird wichtiger“, stellte Wenger fest. Standardsituationen und klassisches Konterspiel spielten dagegen eine überraschend geringe Rolle. Nur 20 Prozent der Tore entstanden nach ruhenden Bällen, lediglich acht Prozent wurden als Kontertore gewertet. Klinsmann vermisste neue Ideen: „Ich habe keine neuen Varianten gesehen, die den Unterschied machten.“
Weniger überzeugend waren die fest eingeplanten Trinkpausen. Sie richteten sich nicht mehr allein nach den Temperaturen, sondern teilten die Begegnungen faktisch in vier Abschnitte. Trainer erhielten zusätzliche Möglichkeiten, taktisch einzugreifen, Sponsoren neue Werbeflächen. Die Vermutung liegt nahe, dass diese Unterbrechungen nicht nur dem Wohl der Spieler dienten. Bemerkenswert war, wie konsequent die Fifa-Experten diesem Thema auswichen. Trotz mehrerer Nachfragen wollten Wenger, Klinsmann und ihre Kollegen keine Bewertung abgeben. „Wir haben noch keine Schlüsse gezogen, wir werden das analysieren“, erklärte Wenger. Wo sportliche Entwicklung und kommerzielles Interesse unmittelbar aufeinandertrafen, endete plötzlich die sonst so ausführliche Analyse.
Überhaupt lag über dieser WM stets der Eindruck, dass der Sport nicht alleiniger Hauptdarsteller sein durfte. Fifa-Präsident Gianni Infantino und US-Präsident Donald Trump nutzten das Turnier immer wieder als persönliche Bühne. Der eine inszenierte sich als Herrscher über ein grenzenlos wachsendes Fußballreich, der andere als politischer Gastgeber eines globalen Spektakels. Besonders im sogenannten Fall Balogun wurde die gefährliche Nähe zwischen Verband und Politik sichtbar. Ob ein Anruf Trumps tatsächlich dazu führte, dass die Fifa die Rotsperre des US-Stürmers Folarin Balogun aufhob, ließ sich nicht abschließend beweisen. Infantino tat allerdings wenig, um die Zweifel auszuräumen.
Der Schaden entstand damit unabhängig davon, ob eine direkte Einflussnahme nachweisbar war. Schon der Eindruck, sportrechtliche Entscheidungen könnten nach Intervention eines Präsidenten verändert werden, beschädigt die Glaubwürdigkeit des Wettbewerbs. Infantino dürfte das politisch kaum gefährden. Bei der Fifa-Wahl am 18. März 2027 kann er mit breiter Unterstützung rechnen. Eigentlich wäre die nächste Amtszeit seine letzte. Doch in einem Verband, der seine Wettbewerbe den eigenen Bedürfnissen anpasst, wirken auch Amtszeitbegrenzungen nicht unverrückbar.
Ein zwiespältiges Fazit
Diese Weltmeisterschaft hinterlässt deshalb ein zwiespältiges Fazit. Sie war sportlich besser als befürchtet, brachte starke Außenseiter, große Spiele, viele Tore und mit Spanien einen verdienten Weltmeister hervor. Zugleich war sie ein überdimensioniertes Produkt, dessen Organisatoren aus jedem zusätzlichen Spiel, jeder Pause und jeder Emotion weiteres Geschäft gewinnen wollten. Aus ihren Schwächen werden sie kaum Bescheidenheit ableiten, sondern wahrscheinlich die nächste Expansion.
Doch die wichtigsten Bilder gehören trotzdem nicht ihnen. Sie gehören den stolzen Spielern aus Kap Verde, den rudernden Norwegern, den spanischen Weltmeistern und all jenen Fans, die den Stadien Leben gaben. Infantino und Trump konnten sich vor die Kameras drängen, die Preise erhöhen und das Turnier zur Kulisse ihrer Macht machen. Beherrschen konnten sie die Erzählung nicht. Denn am Ende blieb von dieser maßlosen WM vor allem das, was sich nicht vollständig verkaufen lässt: die Unberechenbarkeit des Spiels, die Freude der Außenseiter und die Erkenntnis, dass der Fußball noch immer größer ist als die Gier seiner Machthaber.