Die SV Elversberg kehrt mit einem Erfolg aus dem Trainingslager zurück. Das 1:0 gegen NEC Nijmegen, die Verpflichtung von Luca Sirch und der überraschende Abschied von Carlo Sickinger zeigen, wie sich der Kader für die erste Bundesliga-Saison weiter formt.
Eine Woche lang hatte die SV Elversberg im niederländischen Barneveld an den Grundlagen für ihr Bundesliga-Abenteuer gearbeitet.
Zum Abschluss wartete ein echter Härtetest: NEC Nijmegen wurde zuletzt Dritter der Eredivisie und steht vor der Champions-League-Qualifikation gegen Olympiakos Piräus. Dass die SVE nach zweimal 60 Minuten mit 1:0 gewann, war deshalb mehr als ein hübsches Ergebnis.
Elversberg trat mutig, intensiv und geordnet auf. Vor Nicolas Kristof bildeten Jan Gyamerah, Kapitän Lukas Pinckert, Maximilian Rohr und Lasse Günther die Viererkette der Aufstiegssaison.
Davor überraschte Wagner: Neben Lukasz Poreba spielte Felix Keidel im zentralen Mittelfeld. Der bisherige Rechtsverteidiger kennt diese Rolle aus früheren Jahren und wird mit seiner Schnelligkeit, Zweikampfstärke und Ausdauer zu einer ernsthaften Option auf der Sechs.
In der Offensive wurde das Potenzial dieses Kaders sichtbar. Günther und Neuzugang Cole Campbell entwickelten links enormes Tempo, Lukas Petkov sorgte rechts für Bewegung, Noah Darvich fand zwischen den Linien Lösungen.
Nur im Abschluss erinnerte die SVE noch zu sehr an die Vorsaison. Campbell traf den Pfosten, Darvich und Petkov vergaben weitere Chancen. „Die mäßige Chancenverwertung kennen wir noch aus der Vorsaison. Das war in Ordnung heute, aber das kann gerne noch besser werden“, sagte Wagner.
Filimon Gerezgiher bereitete in der 89. Minute den Treffer von Luca Pfeiffer vor. Trotz zahlreicher Wechsel blieb Elversberg das aktivere Team, Nijmegen scheiterte nach Kontern an Kristof und Tim Boss. „Wir haben nach einer intensiven Woche richtig gut gespielt. Wenn wir beim Torabschluss effektiver gewesen wären, hätten wir höher gewonnen. Für diesen Zeitpunkt sind wir gut in Form“, bilanzierte Pinckert. Francis Onyeka war wegen der U19-Europameisterschaft verspätet ins Trainingslager gereist und zeigte nach seiner Einwechslung sein Potenzial. Bei Luca Sirch lagen zwischen Vertragsunterschrift und erstem Einsatz nur fünf Tage. Der 27-Jährige kam vom 1. FC Kaiserslautern, obwohl der Zweitligist ihn halten wollte. Bei der SVE unterschrieb er bis 2030 und erfüllt sich den Wunsch nach der Bundesliga.
Seine Verpflichtung hängt eng mit dem überraschenden Abschied von Carlo Sickinger zusammen. Der langjährige Elversberger war nach Vereinsangaben mit einem Wechselwunsch auf die Verantwortlichen zugekommen. Sportlich liegt die Verbindung auf der Hand: Beide können mehrere Rollen übernehmen. Sirch spielte in Kaiserslautern vor allem in der Dreierkette, zuvor bei Lok Leipzig aber auch auf der Sechs und Acht. Gegen Nijmegen testete Wagner ihn rechts. „Wir haben einen guten Allrounder verloren und einen guten Allrounder bekommen. Passt doch super“, sagte der Trainer.
Ein Stammplatz ist Sirch damit nicht garantiert. In der Innenverteidigung vertraut Wagner bislang Pinckert und Rohr, rechts ist Gyamerah die erste Option, im Zentrum wächst die Konkurrenz. Sirchs Vielseitigkeit vergrößert aber den Handlungsspielraum in einem Kader, der über flexible Profile funktionieren soll. Ein weiterer Innenverteidiger und eine Verstärkung für das zentrale Mittelfeld stehen auf der Liste. Insgesamt sollen noch zwei bis drei Zugänge kommen.
Zwei Spieler sollen noch kommen
Das Grundprinzip der Kaderplanung bleibt unverändert. Elversberg sucht keine großen Namen, sondern Spieler, deren Entwicklung nicht abgeschlossen ist. Wagner sagt offen, dass der Verein auf gestandene Bundesliga-Profis verzichtet, obwohl ein oder zwei wirtschaftlich womöglich machbar wären.
Die Mischung besteht aus dem weitgehend zusammengehaltenen Aufstiegskader und Talenten wie Darvich, Onyeka, Maurice Krattenmacher und Campbell.
Vor allem Campbell steht für die veränderten Möglichkeiten. Für den 20-jährigen Flügelspieler soll die SVE rund sechs Millionen Euro an Borussia Dortmund überwiesen haben – eine Rekorddimension. Er bringt außergewöhnliches Tempo mit, besitzt aber noch keine gefestigte Rolle auf höchstem Niveau. Das Kalkül: nicht für fertige Prominenz zu bezahlen, sondern für Potenzial, das im eigenen Umfeld wachsen kann. Daneben setzt der Verein bewusst auf Verlässlichkeit. Poreba wurde nach seiner Leihe fest verpflichtet, Günther trotz des Interesses größerer Clubs bis 2030 gebunden. Die wichtigsten Abläufe müssen deshalb nicht neu entwickelt werden. Das erleichtert auch die Integration der Zugänge: Wenn ein großer Teil der Mannschaft weiß, was Wagner verlangt, können sich neue Spieler schneller orientieren. Diese Eingespieltheit zählt zu den wenigen Vorteilen, die Elversberg gegenüber der Konkurrenz besitzt. Die Kehrseite ist offensichtlich. Ein Großteil des Kaders kennt die Bundesliga nicht, die jungen Zugänge werden schwanken. Wagner verklärt das Risiko nicht. „Wir werden alles rausknallen, aber uns schon öfter mal eine blutige Nase holen – aber der Weg ist alternativlos“, sagt er. Das ist realistische Beschreibung und Bekenntnis zur eigenen Identität zugleich.
Nach dem Trainingslager erhielt die Mannschaft zunächst bis einschließlich Freitag frei. Danach beginnt die nächste Phase der Vorbereitung. Am 4. August wartet Racing Straßburg, vier Tage später reist die SVE zu RCD Mallorca. Am 15. August folgt bei der Saisoneröffnung an der Kaiserlinde der Test gegen den französischen Erstligisten FC Lorient, ehe im DFB-Pokal der MSV Duisburg und anschließend in der Bundesliga Bayer Leverkusen warten.
Bis dahin bleiben personelle Fragen offen, die Richtung ist aber erkennbar. Elversberg setzt auf Kontinuität, Entwicklung und offensive Courage. Der Sieg gegen Nijmegen war keine Garantie, dass dieser Ansatz im Oberhaus trägt.
Er zeigte aber, dass die Mannschaft ihre Prinzipien auch nach einer intensiven Woche gegen einen starken Gegner durchsetzen kann. Die SVE versucht nicht, für die Bundesliga ein anderer Verein zu werden. Darin liegen ihr größtes Risiko – und ihre beste Chance.