Im Sommer 2022 übernahmen sechs Gründerinnen das Frauenteam von Viktoria Berlin, um einen neuen und innovativen Weg im deutschen Fußball zu gehen. Der soll innerhalb von fünf Jahren von der Regionalliga bis in die Bundesliga führen. In der jetzt beginnenden Saison will der Zweitligist diese Vision finalisieren.
Viktoria leuchtet. In den Heimpartien laufen die Spielerinnen komplett in der Farbe des Gesamtvereins auf, in Himmelblau. Was sonst nur wenige Vereine wie Manchester City für ihre Spielkleidung nutzen. Für Farbpsychologen steht Himmelblau für Intelligenz und Kreativität, auch für Selbstvertrauen. Das ist beim FC Viktoria durchaus zu spüren. Wen man auch nach dem Ziel in der jetzt beginnenden Saison befragt – die Spielerinnen, den Trainer, die Geschäftsführerin –, die Antwort lautet immer: Wir wollen aufsteigen. Mit dem Spiel bei der TSG Hoffenheim 2 startet am Sonntag das Unternehmen Bundesliga. Spätestens nach 281 Tagen, am 9. Mai 2027, nach dem letzten Spieltag, soll es vollendet und der zweite Aufstieg innerhalb von zwei Jahren perfekt sein. Es wäre die Krönung eines Projektes, das deutschlandweit für Aufsehen sorgt.
Von Anfang an eine klare Vision
Die Gründerinnen hatten von Anfang an eine klare Vision. Sie wollten einen von Frauen geführten Verein für Frauen aufbauen, der nicht Teil eines Männervereins ist. Angeregt vom Angel City FC in Los Angeles, der 2020 als Verein für Frauen gegründet worden war. Zu den Initiatorinnen gehörten unter anderem Tennislegende Serena Williams und Schauspielerin Natalie Portman. Davon war die Journalistin Felicia Mutterer so angetan, dass sie Mitstreiterinnen suchte, um ein solches Start-up auch in Deutschland zu realisieren. Ein sehr ambitioniertes Ziel, wo doch ein reiner Frauenfußballverein wie der sechsfache deutsche Meister und zweimalige Europapokalsieger Turbine Potsdam nur noch in den Niederungen der zweiten Liga performt und mit der SGS Essen die letzte nicht an einen Männer-Verein angelehnte Mannschaft gerade aus der Bundesliga abgestiegen ist. Mutterer fand Mitgründerinnen wie die Unternehmerin Verena Pausder, die in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ über ihr Engagement sagte: „Das ist unser absolutes Herzensprojekt.“ Geschäftsführerin Lisa Währer ergänzte seinerzeit: „Wir machen das, weil uns stört, dass Fußball von Frauen noch immer in einer Nische ist, wo er nicht hingehört.“ Um das in eine GmbH ausgegliederte Team finanziell auf ein solides Fundament zu stellen, warb man um externe Geldgeber. Bereits zum Start beteiligten sich 87 Interessenten mit Investitionen zwischen 10.000 und 50.000 Euro. Das Geld wurde für die Ausrüstung genutzt, die Spielerinnen bekamen Verträge, wurden in der Berufsgenossenschaft versichert und erhielten auch eine kleine Aufwandsentschädigung. Inzwischen ist der Unterstützerkreis weiter angewachsen.
Die Abwehr als Glanzstück
Auch sportlich stellten sich Erfolge ein. Die erste Saison nach dem Neustart im Sommer 2022 beendete der FC Viktoria in der Regionalliga Nordost nach 23 Siegen in 26 Partien und 151 erzielten Toren auf Platz eins. Zwei Niederlagen in den Aufstiegsspielen gegen den Hamburger SV verhinderten jedoch den sofortigen Sprung in die zweite Bundesliga. Der gelang vor einem Jahr und war verbunden mit einem großen Umbruch im Kader, um den höheren Anforderungen gewachsen zu sein. 2025 kamen 14 Spielerinnen neu hinzu. „Neben dem Platz haben sie sich schneller verstanden als auf dem Platz“, sagt rückblickend Trainer Miren Catovic, der das Team im Januar des vergangenen Jahres übernommen und zum Aufstieg geführt hatte. Das schlug sich auch in den Ergebnissen nieder. Acht Spieltage brauchte es für den ersten Sieg. Dem 37-jährigen Trainer gelang es jedoch, Schritt für Schritt ein harmonierendes Ensemble zu formen. Das Ziel, unter die ersten sechs zu kommen, wurde mit Rang fünf erreicht. Durch die Ligarekordzahl von neun Remis fehlten am Ende allerdings entscheidende Punkte für den Aufstieg. Viktorias Glanzstück war die Abwehr, die sich mit nur 20 Gegentoren als die beste der gesamten Liga erwies. Dem Angriff dagegen fehlte es häufig an Durchschlagskraft. Deshalb ist die Devise jetzt: Stärken ausbauen – Defizite beseitigen. 75 Prozent der Trainingszeit, so sagt Miren Catovic, will er in die Verbesserung der Angriffsleistungen investieren.
Das Team wurde in diesem Sommer nur wenig verändert. Sieben Spielerinnen gingen, sieben neue kamen hinzu. Drei von Bundesliga-Vereinen. Somit kann sich der FC Viktoria in der neuen Saison auf einen Kader von 27 Spielerinnen stützen. „Ich will schönen Fußball spielen lassen, mit viel Ballbesitz“, erklärt Catovic, der nach fünf Jahren 2. Liga, erst mit Ingolstadt, jetzt mit Viktoria, endlich in der Bundesliga arbeiten möchte. „Die Spielerinnen sollen geduldig und clever sein, entscheiden, ob sie zwei oder zehn Pässe spielen, je nach Situation. Dafür braucht es eine hohe Spielintelligenz. Über diese verfügen wir im Team.“
Die Entwicklung Richtung Bundesliga wird nicht nur auf dem Rasen vorangetrieben. Seit November 2025 hat Viktoria mit Monarch Collective einen strategischen Partner aus den USA. Der auf Frauensport spezialisierte Investor übernimmt schrittweise bis zu 38 Prozent der GmbH. Die im deutschen Fußball wichtige 50+1-Regel wird davon nicht berührt. „Es ist von Anfang an als eine langfristige Zusammenarbeit aufgebaut“, sagt Felicia Mutterer, seit April Geschäftsführerin. „Es geht nicht ums schnelle Geld. Unsere Partner waren schon oft bei uns, wollen mit uns geduldig und beharrlich arbeiten. Sie bringen einen ganz anderen Blick mit und vermitteln uns dadurch wertvolle Denkanstöße. Das ist ein großes Glück für uns.“ Mit dem rund 250 Millionen US-Dollar schweren Fonds beteiligt sich erstmals ein global agierender Investor an einem deutschen Sportverein. Da die Skepsis gegenüber externen Geldgebern im deutschen Fußball grundsätzlich hoch ist, gibt es auch Kritik am Einstieg des Fonds. Manche befürchten Fremdbestimmung und einen Ausverkauf der traditionellen deutschen Fußballkultur. Es ist am FC Viktoria und seinen engagierten Gründerinnen, das Gegenteil zu beweisen.