In Magdeburg wird ein Topschwimmer nach dem anderen geformt. Dafür gibt es Gründe. Auch bei der EM in Paris sollen vor allem die Magdeburger den Aufwärtstrend im deutschen Schwimmsport fortsetzen – trotz erschwerter Bedingungen.
Man stelle sich folgendes Szenario vor: Beim FC Bayern wird die Trainingsanlage an der Säbener Straße aus Sicherheitsgründen gesperrt, und die Münchner Superstars Harry Kane, Michael Olise und Manuel Neuer bereiten sich deswegen auf einem kleinen Platz bei einem benachbarten Verein auf ihre Titeljagd vor – den sie sich auch noch mit Vereinen, Schulklassen und Freizeitkickern teilen müssen. Eigentlich undenkbar. Im deutschen Schwimmsport spielt sich dieses Szenario aber gerade tatsächlich so ab: Seit Weihnachten ist die Magdeburger Elbeschwimmhalle für das Schwimmtraining geschlossen, weil das Dach der Halle wegen gravierender Schäden als einsturzgefährdet eingestuft wurde. Und so müssen die Schwimmer des SC Magdeburg – seit Jahren so etwas wie der FC Bayern im Ausdauerbereich des Schwimmens – in einer kleineren Schwimmhalle im Stadtteil Diesdorf trainieren. Olympiasieger Lukas Märtens, der mehrfache Weltmeister Florian Wellbrock, Europameisterin Isabel Gose und all die anderen Spitzenschwimmer teilen sich dort die Wasserzeiten mit vielen anderen. Optimal ist das alles nicht. Auch nicht mit Blick auf die anstehenden Europameisterschaften in Paris vom 10. bis 16. August, auch wenn das Team zeitweise im Höhentrainingslager in der spanischen Sierra Nevada war.
Drama um die Elbschwimmhalle
„Dazu fehlen mir leider die Worte“, sagte Märtens zur Nachricht, dass die Elbschwimmhalle auf unbestimmte Zeit geschlossen bleibt, bis ein Sanierungskonzept ausgearbeitet und umgesetzt werden kann. „Nach über einem halben Jahr schon sucht man schnelle Lösungen, ist aber jedes Mal am Problem der deutschen Bürokratie gescheitert“, so Märtens. Der 24-Jährige gibt zu: „Es frisst Zeit und ein paar Nerven.“ Man sei zwar dankbar für die Ausweichhalle in Driesdorf, aber die Bedingungen dort seien gerade „nicht optimal“. Durch die Pendelei gehe viel Zeit verloren, kritisierte Gose. Magdeburgs Stützpunkttrainer Bernd Berkhahn, zugleich Bundestrainer, meinte zur Situation: „Ich versuche das, so gut es geht, zu ignorieren und das Training wie geplant umzusetzen.“ Wichtig sei, dass bis 2028 eine „stabile Lösung“ gefunden werde, denn: „Wir haben die Weltmeisterschaften 2027 vor uns, die bereits Qualifikation für die Olympischen Spiele sind. Und dann kommen die Olympischen Spiele 2028.“ Und dann sollen die Berkhahn-Schützlinge wieder abräumen – möglichst noch mehr als 2024 in Paris.
Magdeburg gilt seit Jahren als das erfolgreichste Trainingszentrum für die längeren Freistildistanzen. 400-Meter-Olympiasieger Märtens wurde hier genauso ausgebildet wie Wellbrock, der 2019 Doppel-Weltmeister über 1.500 Meter im Becken und über 10 Kilometer im Freiwasser wurde sowie bei Olympia 2021 Gold (10 km) und Bronze (1.500 Meter) holte. Auch Gose trainiert hier seit Jahren und reifte zu einer Olympia-Bronzemedaillengewinnerin (1.500 Meter). Zu erwähnen ist auch Oliver Klemet, der in Paris Silber im Freiwasser holte. Bis zu ihrem Rücktritt war auch Wellbrocks Frau Sarah, damals noch Köhler, auf den langen Freistildistanzen Weltklasse. Und die nächsten Schwimmstars aus der Elbestadt stehen quasi schon am Startblock: Leonie Märtens (22) und Johannes Liebmann (19). Während die jüngere Schwester von Lukas Märtens für die ganz vorderen Plätze vielleicht noch etwas Zeit benötigt, steht der Name Liebmann bei den Experten schon jetzt ganz weit oben, wenn es um die Podestplätze geht. Der 19-Jährige schaffte scheinbar mühelos den Sprung aus dem Juniorenbereich, wo er sehr erfolgreich war, und stellte jüngst einen Europarekord über 800 Meter Freistil auf. Innerhalb nur eines Jahres hat er sich auf dieser Strecke um 13 Sekunden verbessert. Und die Experten sind sich einig, dass das noch lange nicht das Ende der Entwicklung ist. Liebmann wird zugetraut, die langen Distanzen weltweit irgendwann zu dominieren. Der Weltrekord des Chinesen Zhang Lin aus dem Jahr 2009 ist nur noch knapp sechs Sekunden entfernt.
„Dass es so schnell wird, habe ich nicht erwartet“, sagte der Shootingstar. „Das alles kommt auch für mich relativ plötzlich. Selbst der Junioren-Weltrekord ist ja noch gar nicht so lange her.“ Er habe angesichts des enormen Tempos seiner Entwicklung manchmal das Gefühl, „dass ich kaum hinterhergekommen bin, bei all dem, was passiert ist“. Doch die jüngsten Erfolge haben ihn auch angestachelt: „Ich habe auf jeden Fall sehr große Lust, da oben mitzuspielen.“ Seit seinen famosen Auftritten bei den Swim Open in Stockholm Mitte April hält Liebmann die europäischen Jahresbestzeiten über 800 und 1.500 Meter Freistil. Er geht somit als Titelkandidat in die EM-Rennen – eine völlig neue Situation für den Youngster.
Eine Sache belastet ihn vor dem EM-Start nicht mehr: Den Abitur-Stress der vergangenen Monate hat er hinter sich. Und er kennt die Konkurrenzsituation bestens: In nahezu jedem Training muss er sich mit den Besten messen. Märtens, Wellbrock und Klemet schenkten dem Toptalent nichts, als er 2023 aus Elmshorn ans Sportinternat in Magdeburg gewechselt war und in der Berkhahn-Gruppe aufgenommen wurde. „Die ersten Monate waren auch hart, weil alle anderen noch zu schnell waren für mich“, erinnerte sich der Youngster. Doch er wuchs an dieser Aufgabe, wie die großen Konkurrenten im Team zuvor auch. „Ich habe immer versucht dranzubleiben. In den letzten Monaten ging es dann immer besser, ich konnte immer öfter mithalten, und in den letzten Wochen waren wir dann auf dem gleichen Level, würde ich sagen.“
„Ein großartiges Gefühl“
Das macht sich nicht nur bei den Zeiten bemerkbar, sondern auch im Selbstbewusstsein. „Es gibt mir einfach ein großartiges Gefühl, mit Oliver, Flo und all den großen Namen mitschwimmen zu können“, sagte Liebmann. Es gehört nicht viel Fantasie dazu, zu erahnen, dass er sehr bald selbst einen großen Namen in der Schwimmszene haben wird. „Er konnte sich erst einiges abschauen bei mir und sich heranpirschen. Aber ab jetzt ist er nicht mehr der kleine Johannes“, sagte Märtens über seinen fünf Jahre jüngeren Teamkollegen, der nun auch sein Konkurrent im Kampf um die Medaillen ist. Denn Liebmann glänzte auch mit einer Weltklassezeit über 400 Meter Freistil, der Paradestrecke des Olympiasiegers. Neid, Zwist oder Missgunst gibt es innerhalb des Magdeburger Teams aber dem Vernehmen nach nicht. „Ich habe Johannes sofort geschrieben und gratuliert“, verriet Märtens: „Wir haben ein super Verhältnis, sind gut befreundet.“
„Das ist ein Luxusproblem“
Am Startblock sind die Freunde aber Konkurrenten. Besonders heikel wird die Situation im 800-Meter-Rennen bei der Europameisterschaft: Märtens und Vizeweltmeister Sven Schwarz aus Hannover, der den Europarekord verloren hat, sind ebenso startberechtigt wie Liebmann und Klemet. Da aus jeder Nation aber nur maximal zwei Athleten im Finale schwimmen können, werden die Vorläufe schon zu knallharten Ausschlussrennen. „Das ist ein Luxusproblem“, sagte Märtens: „Konkurrenz tut im Sport eigentlich immer gut.“ Zumal: Es ist auch ein Ausdruck, dass sich der deutsche Schwimmsport im Aufwärtstrend befindet. Denn solche Luxusprobleme hatte es in den vergangenen Jahren eigentlich nie gegeben, da waren schon bloße Finalteilnahmen bei Titelkämpfen große Erfolge.
Auch Liebmann kennt sich damit aus, sich aus einem Tief nach oben zu schwimmen. „Bei meinen ersten norddeutschen Mehrkampf-Meisterschaften bin ich 51. von 60 geworden“, sagte er der Zeitung „Welt“: „Aber es war eine Erfahrung, sie hat mich nicht entmutigt.“ Er habe immer weiter an sich gearbeitet und sei mit dem Trainingsfleiß auch besser geworden. Das habe ihn motiviert, dranzubleiben und noch mehr zu investieren. „Erst in Flensburg, dann durch den Umzug mit meiner Familie in Elmshorn. Von dort ging es dann ja etwas später für mich nach Magdeburg.“ Und dort traf er auf eine Trainingsgruppe, die ihn maximal forderte, und auf einen Trainer, der ihn maximal förderte. Berkhahn ist ohne Zweifel ein Schlüssel, warum in Magdeburg ein Topschwimmer nach dem anderen aus dem Becken gezaubert wird.
„Er ist einfach ein Mensch, der diesen Sport lebt“, erklärte Märtens. Berkhahn kam 2012 nach Magdeburg und arbeitete an dem Standort so erfolgreich, dass dieser sechs Jahre später zum Bundesstützpunkt ernannt wurde. Doch damit nicht genug: Als sich der DSV im Zuge der Umstrukturierung und Professionalisierung nach dem Standort für ein nationales Schwimmzentrum umsah, fiel die Wahl nicht zufällig auf Magdeburg. Dort steht schon jetzt die Medaillen-Schmiede des deutschen Schwimmsports, und dort soll in Zukunft noch mehr Edelmetall produziert werden. Die Finanzierung in Höhe von 51 Millionen Euro ist bereits gesichert, doch bis zur Eröffnung werden noch mehrere Jahre vergehen. Eine kurzfristige Lösung für die Probleme mit der Elbeschwimmhalle ist das Großprojekt nicht.
Insgesamt nominierte der DSV für die EM in der Pariser Olympia-Halle 15 Beckenschwimmerinnen und 25 Beckenschwimmer. „Die Olympischen Spiele in Paris und auch die Weltmeisterschaften in Singapur haben uns zuletzt viel Rückenwind verschafft, den wir nun auch bei der Rückkehr in Frankreichs Hauptstadt für uns nutzen wollen“, sagte DSV-Leistungssportvorstand Christian Hansmann. Den Erfolg der WM wolle er aber nicht nur an den Medaillen messen, sondern auch daran, ob jüngere Talente ihre Chance nutzen. So gehören mit Linda Roth und Yara Fay Riefstahl zwei 18-Jährige zum vorläufigen EM-Aufgebot, die vorher schon bei den Jugend-Europameisterschaften in München für Deutschland an den Start gegangen sind. Roth gewann dort den kompletten Medaillensatz und nimmt die EM bei den „Großen“ als Bonus mit. Für die Top-Platzierungen sollen in Paris vor allem die Magdeburger sorgen.