Extremschwimmer Andreas Waschburger hat beim „20 Bridges Swim“ rund um Manhattan gleich zwei Weltrekorde aufgestellt. Zwischen Gewitter, Treibholz und einer ungeduldigen Fähre blieb sogar noch Zeit für den wohl exklusivsten Skyline-Blick New Yorks.
Es gibt Menschen, die schauen sich die Freiheitsstatue vom Ausflugsboot aus an. Andreas Waschburger macht das anders: Der Saarbrücker Extremschwimmer betrachtete das Wahrzeichen New Yorks aus dem Wasser. Mit rund 100 Metern Abstand während des Sonnenaufgangs. Und auf Weltrekordkurs. „In der Nacht an der Skyline vorbeizuschwimmen, war mega. Die Gebäude rund um die Freiheitsstatue sahen im Sonnenaufgang schon ein bisschen heller aus. Das war sehr cool“, schwärmt der 39-Jährige und ist sich sehr wohl bewusst, dass nicht viele Menschen in diesen Genuss kommen.
vor beeindruckenden Kulissen - Foto: Hylo
Waschburger durfte – und wie. Beim traditionsreichen „20 Bridges Swim“ umrundete er am 15. Juni die Insel Manhattan in 5:32:14 Stunden und unterbot damit den bisherigen Streckenrekord des Mexikaners David Olvera (5:34:58 Stunden) um gut zwei Minuten. Die knapp 46 Kilometer lange Strecke führt durch den East River, den Harlem River und den Hudson River sowie unter 20 Brücken hindurch einmal komplett um den berühmtesten Stadtteil New Yorks. Mit dem Erfolg stellte der Olympia-Achte von London 2012 gleich noch eine zweite historische Bestmarke auf: Durch seine Zeiten im Ärmelkanal, im Catalina Channel vor Los Angeles und nun in Manhattan hält er mit einer Gesamtzeit von 20:15:29 Stunden auch den Rekord der sogenannten „Triple Crown of Open Water Swimming“. Die bisherige Bestmarke des Bulgaren Petar Stoychev (22:08:46 Stunden) pulverisierte er regelrecht. „Den Triple-Crown-Rekord wollte ich auf jeden Fall brechen – den habe ich jetzt um fast zwei Stunden unterboten“, bilanziert Waschburger zufrieden.
Das Manhattan-Schwimmen zählt zu den bekanntesten Freiwasserstrecken der Welt und zieht eine bunte Mischung an: ambitionierte Hobbyschwimmer, die einfach nur ankommen wollen, ebenso wie frühere Leistungssportler und amtierende Rekordhalter. „Es sind einige Namen dabei“, weiß Waschburger, der in dieser Szene längst selbst einer der ganz großen Namen ist.
„Gott sei Dank ist nichts passiert“
Dass es auch mit dem Streckenrekord klappen würde, war dagegen lange nicht ausgemacht. Denn die Vorzeichen hätten kaum ungünstiger sein können: Waschburger war zwei, drei Tage vor dem Start angeschlagen, weil sein komplettes Team krank geworden war. Der geplante Mittagsschlaf vor dem nächtlichen Start fiel trotz aller Bemühungen aus. Und dann zog auch noch ein heftiges Gewitter über New York. „Es hat extrem geregnet, geblitzt und gedonnert – sogar in die Freiheitsstatue hat es eingeschlagen“, erzählt Waschburger: „Ich habe gefragt, ob das nicht gefährlich ist. Die Antwort war, das sei nicht so schlimm. Gut, wenn die das sagen. Gott sei Dank ist nichts passiert.“ Absagen oder verschieben war ohnehin keine Option, denn wegen der Strömungsverhältnisse blieb nur ein Startfenster von 14 Minuten. Um 1:14 Uhr Ortszeit ging Waschburger am Pier A an der Südspitze Manhattans ins Wasser – in völliger Dunkelheit, begleitet von einem Kajak und einem Boot. Eine rote Signallampe an der Hüfte machte den Schwimmer im schwarzen Wasser sichtbar. Anders als sonst orientierte sich Waschburger dabei nicht am Begleitboot, sondern am Kajakfahrer, der schon frühere Rekordschwimmer durch die tückischen Gewässer gelotst hatte.
Wer nun glaubt, im Schatten der Wolkenkratzer schwimme es sich wie im Hotelpool, der irrt gewaltig. Die Gezeiten drücken durch die drei Flüsse, nachts stand zudem unangenehm unrhythmischer Wellengang. Und der Großstadtdschungel hält Hindernisse bereit, die es im Ärmelkanal eher selten gibt: Treibholz zum Beispiel. An einem ausgewachsenen Holzstamm schwamm Waschburger ebenso vorbei wie an anderem Treibgut. Die Wasserqualität hingegen überraschte ihn positiv – anders als offenbar die Organisatoren, die sich später besorgt erkundigten, ob es ihm gut gehe. „Ich fand das Wasser gar nicht schlimm. Ich war danach auch nicht krank und habe das gut vertragen“, winkt der Freiwasserschwimmer ab.
Kurioser wurde es nach rund vier Stunden, als sich eine Fähre näherte – und damit ein Duell begann, das man so nur in New York erlebt. „Ich hatte den Kajakfahrer vorher instruiert: Wenn die Fähre kommt, soll er mir Bescheid geben, damit ich Gas geben und es vor ihr schaffen kann. Das hat er gemacht – aber dann hat die Fähre eben auch mehr Gas gegeben“, berichtet Waschburger und lacht. Der Wettsprint gegen den Schiffsdiesel ging zwar verloren, kostete unterm Strich aber kaum Zeit. Die Alternative wäre unangenehmer gewesen: anhalten und warten, bis der Koloss vorbeigezogen ist. Bei einem Rekordversuch, der am Ende über gut zwei Minuten entschieden wird, können solche Sekunden den Unterschied machen.
Dass es tatsächlich eng werden würde, wusste Waschburger da längst. Über weite Strecken lag er über der berechneten Rekordzeit, zwischenzeitlich betrug der Rückstand acht Minuten. „Da habe ich gedacht: Das wird nichts mehr. Ich habe aber trotzdem nicht aufgegeben – und am Ende war die Strömung so gut, dass es geklappt hat“, erinnert er sich. Wäre er noch etwas früher gestartet, hätte er davon wohl noch mehr profitieren können, wie der Vergleich mit einem Konkurrenten zeigt: Ein Schwimmer, der kurz nach ihm gestartet war, erwischte günstigere Strömungen, kam aber trotzdem 40 Minuten später an – „Waschi“ war einfach zu schnell. Als Waschburger gegen 6:45 Uhr die Runde vollendete, ging über New York gerade die Sonne auf. Passender lässt sich ein Doppel-Weltrekord kaum ausleuchten.
Kein extremes Projekt mehr
Für den Saarbrücker ist es der nächste Meilenstein einer beispiellosen zweiten Karriere. 2023 schwamm er Weltrekord im Ärmelkanal, im September 2025 vollendete er als 42. Mensch die „Ocean’s Seven“, die Durchquerung der sieben bekanntesten Meerengen der Welt – mit einer Gesamtzeit von 49:37:40 Stunden ebenfalls schneller als jeder andere zuvor. Nach eigenen Angaben steht er nun bei insgesamt zehn Weltrekorden: sechs im Freiwasser rund um Ocean’s Seven, Triple Crown und Manhattan, drei im Eisschwimmen – zweimal einzeln, einmal in der Staffel – sowie ein früherer bei einem Spendenmarathon. Man verliert da schnell mal den Überblick, der Rekordhalter selbst nimmt es gelassen.
Und jetzt? Erst einmal durchatmen. „Das war eigentlich das letzte große Projekt“, sagt Waschburger, der sein Training nun herunterfahren will. Im Januar würde er gerne noch die Weltmeisterschaft im Eisschwimmen bestreiten. „Ich schließe nicht aus, dass es vielleicht noch ein Projekt geben wird – aber nicht mehr so extrem“, stellt er klar: „Die wichtigsten Sachen im Freiwasser sind der Ärmelkanal und die Ocean’s Seven. Da habe ich im Moment nichts mehr im Kopf.“ Die Fähren von New York wird es freuen.