Mit vier zwischen 1895 und 1898 publizierten Romanen, die zu Klassikern des Genres aufstiegen, legte der vor 80 Jahren verstorbene H. G. Wells den Grundstein für seinen Ruf als Science-Fiction-Pionier.
Wenn man den Erinnerungen von Herbert George Wells in dessen 1934 veröffentlichtem „Experiment in Autobiograhy“ Glauben schenken mag, so waren es zwei Unfälle, die den Lebensweg des meist nur „Bertie“ oder „HG“ genannten Schriftstellers ganz entscheidend mitgeprägt hatten. Ein Fußbruch im Alter von acht Jahren, „eines der glücklichsten Ereignisse meines Lebens“, habe ihn aus purer Langeweile erst zum intensiven Lesen gebracht. Noch weitaus folgenreicher war eine schwere Verletzung, die er sich gegen Ende seiner Studienjahre an der „Normal School of Science“ in South Kensington bei einem Fußball- oder Rugbyspiel zuzog. Eine seiner Nieren wurde dabei so beschädigt, dass er sich zur Erholung bei Freunden in Stoke-on-Trent einquartieren musste.
Genau hier, in den Midlands, seinem persönlichen mythischen „Etrurien“, „begann mein eigentliches Schreiben“. Wobei es sich um eine Kurzgeschichte mit dem Titel „Die Argonauten der Zeit“ handelte, die als Serienfolge in drei Ausgaben des monatlich erscheinenden Studentenmagazins „The Science Schools Journal“ zwischen April und Juni 1888 publiziert wurden. Wells ließ dabei einen genialen Physiker mittels einer selbst gebauten Zeitmaschine durch die Jahrhunderte reisen und fügte der bis dahin dreidimensional gedachten Welt mit der Raumzeit eine vierte Dimension hinzu – er war damit selbst einem Albert Einstein voraus, der im Rahmen seiner 1905 präsentierten Relativitätstheorie zur gleichen Erkenntnis kam.
Direkte Vorlage für großen Roman
Erstmals war eine Zeitmaschine in Gestalt einer antiken Uhr in einer von Edward Page Mitchell (1852–1927) verfassten Kurzgeschichte aufgetaucht, einem lange vergessenen US-amerikanischen Science-Fiction-Pionier. Sie war am 18. September 1881 unter dem Titel „The clock that went backward“ in der „New York Sun“ erschienen. Ob Wells diese Story gelesen hat, ist ebenso ungewiss wie eine etwaige Kenntnisnahme des 1887 erschienenen Romans „El Anacronópete“ des spanischen Autors Enrique Gaspar y Rimbau (1842–1902), der ebenfalls schon die Science-Fiction-Idee einer Reise in die tiefste Vergangenheit mittels einer Zeitmaschine verwendet hatte.
Wells nutzte „Die Argonauten der Zeit“ als direkte Vorlage für seinen ersten großen, 1895 publizierten Science-Fiction-Roman „Die Zeitmaschine“, dem er in kurzer Folge drei weitere Klassiker des neuen Genres folgen ließ. „Die Insel des Dr. Moreau“ erschien 1896, „Der Unsichtbare“ 1897 (auch dazu hatte Edward Page Mitchell schon 1881 mit dem Werk „Der Kristallmann“ einen literarischen Vorläufer geliefert) und „Der Krieg der Welten“ 1898. Damit legte er den Grundstein für seinen Ruf als Pionier der Science-Fiction-Literatur, wobei ihm gemeinhin der französische Grandseigneur Jules Verne (1828–1905) sowie der US-amerikanische Verleger Hugo Gernsback (1884–1967) gleichberechtigt an die Seite gestellt werden.
Standardwerk an Universitäten
Er stellte mit seinem ab 1926 herausgegebenen Magazin „Amazing Stories“ den Vertretern des jungen Genres nicht nur eine perfekte Publikationsplattform bereit, sondern hat wohl auch den Begriff „Science-Fiction“ etabliert. Wells hatte seine Werke als „scientific romances“ bezeichnet. Mit denen traf er den Nerv der Zeit, weil einerseits im Zuge der Industriellen Revolution mit ihren magischen Erfindungen wie Dampfmaschine, Elektrizität oder Telegrafie urplötzlich selbst das bis dahin schier Unmögliche als realisierbar angesehen wurde. Gleichzeitig schürte der rasante Wandel beim Übergang vom Viktorianischen Zeitalter zur Moderne bei manchen Zeitgenossen Zukunftsängste oder eine Weltuntergangsstimmung.
Beiden Aspekten wurde Wells gerecht, indem er im Gewand spannungsgeladener Abenteuergeschichten, die die wesentlichen Science-Fiction-Motive wie Zeitreise, Unsichtbarkeit, Raumfahrt, genetische Manipulationen oder die Invasion durch feindliche Außerirdische enthielten, zielbewusst auf gesellschaftliche Missstände im damaligen britischen Königreich hinwies. So prangerte er in der „Zeitmaschine“ und im „Krieg der Welten“, das von seinem Fast-Namensvetter Orson Welles im Herbst 1938 als Vorlage für ein legendäres Radiohörspiel mit der suggerierten Landung der Marsianer in New Jersey genutzt wurde, die Folgen eines entfesselten Kapitalismus an und stellte die Frage nach dem Preis des Fortschritts. In „Die Insel des Dr. Moreau“ setzte er sich mit einer von moralischen oder ethischen Regeln losgelösten Wissenschaft auseinander.
Die Startauflagen der vier Genre-Klassiker waren für einen Belletristik-Newcomer, der bis dahin neben den „chronischen Argonauten“ nur einige kleine Publikationen in diversen Zeitschriften sowie zwei 1893 publizierte Sachbücher mit den Titeln „Honours Physiography“ und „A Textbook of Biology“ vorzuweisen hatte, ziemlich beachtlich. Sein Hausverlag William Heinemann lieferte „Die Zeitmaschine“ und „Der Unsichtbare“ im Erscheinungsjahr mit rund 6.000 Exemplaren aus, beim „Krieg der Welten“ waren es schon schnell ausverkaufte 10.000 Exemplare. Inzwischen dürfte die Auflagenhöhe seiner wichtigsten Science-Fiction-Werke im zweistelligen Millionenbereich liegen. Schon „Die Zeitmaschine“ spülte ihm 1896 rund 1.000 Pfund in die Kasse, was inflationsbereinigt heute etwa 115.000 Pfund entsprechen würde. Doch sein zu Lebzeiten lukrativstes Werk, das ihn endgültig zu einem sehr wohlhabenden Mann machte, entstammte einem gänzlich anderen Genre: „Die Weltgeschichte“, 1920 veröffentlicht, stieg sogar an englischen Universitäten zu einem historischen Standardwerk auf und verkaufte sich millionenfach.
Politisch sehr engagiert
Obwohl Wells hierzulande eigentlich nur als Science-Fiction-Autor bekannt ist, beschränkte er sich keinesfalls auf dieses Genre, sondern war als ungemein produktiver Schriftsteller in mehr als 60 Arbeitsjahren mit einem Gesamtwerk von bis zu 150 Büchern und Broschüren in diversen Literaturgattungen wie Sachbüchern mit historischen oder soziologischen Sujets unterwegs. Ein Großteil seiner mehr als 55 Romane hat mit Science-Fiction nichts zu tun, sondern beschäftigte sich humorvoll mit dem Leben der unteren Mittelschicht, beispielsweise in „Tono Bungay“ 1909, „Mr. Polly steigt aus“ von 1910 oder „Wie wird man Millionär“ 1905.
Danach drehten sich seine Romane vor allem um soziale oder politische Themen. Denn der als gleichermaßen gesellige wie jähzornige Wells, der in seinem Privatleben trotz zweier Ehen mit einer Vielzahl von Frauengeschichten für Aufsehen sorgte, galt als einer der politisch engagiertesten Schriftsteller seiner Zeit. Als Anhänger sozialistischen Gedankenguts ließ er sich von der Labour Party zum Kandidaten aufstellen, wurde wegen seiner fortschrittlichen Gedanken zum politischen Ideal eines Weltstaats oder seinem Eintreten für die Menschenrechte von den Mächtigen seiner Zeit wie Lenin, Stalin, Winston Churchill oder Franklin Roosevelt empfangen und zählte zu den treffsichersten literarischen Propheten der Geschichte – von der möglichen Entwicklung der Atombombe bis hin zu seiner das Internet vorwegnehmenden Vision eines „Weltgehirns“.
Unter Letzterem hatte er eine globale, für die gesamte Menschheit verfügbare Enzyklopädie des Wissens verstanden. Mit Ausbruch des Zweiten Weltkrieges verlor der kränkelnde Wells, der am 13. August 1946 in London im Alter von 79 Jahren verstarb, jegliches Vertrauen in die Zukunft und prophezeite in seinem letzten Essay „Mind at the End of its Tether“ 1945 die Auslöschung der Menschheit.
Bei seiner Geburt am 21. September 1866 im Städtchen Bromley unweit Londons hätte niemand einen Penny darauf gesetzt, dass Herbert George Wells jemals der soziale Aufstieg aus der unteren Mittelschicht gelingen würde. Die Eltern konnten sich mit ihrem kleinen Eisenwarenladen eher schlecht als recht über Wasser halten. Wie zuvor schon seine Brüder sollte „Bertie“ den traditionellen Beruf eines Tuchmachers erlernen, ergatterte aber schließlich den Job eines Hilfslehrers und erhielt 1884 ein Studienstipendium für eine Universität im Londoner West-End. Er belegte Kurse in diversen naturkundlichen Fächern, wobei ihn vor allem die Biologie interessierte, und erwarb 1890 einen akademischen Abschluss im Fach Zoologie.
Bis zu seiner Hinwendung zur Schriftstellerei war er zwischen 1891 und 1893 als Tutor für Biologie an einem Universitäts-College für Fernstudienprogramme tätig. Von seiner Lehrmeisterei konnte er sich auch später nie so ganz verabschieden, denn er wirkte in Sachbüchern wie „Die offene Verschwörung“ 1928, „The Science of Life“ 1930 oder „Wohlstand und das Glück der Menschheit“ 1932 an der Hebung der allgemeinen Volksbildung mit. Dies alles gemäß seiner festen Überzeugung, dass die Menschheit nur dann wichtige Fortschritte erzielen könne, wenn sie sich durch den kontinuierlichen Erwerb von Wissen den sich rasant wandelnden gesellschaftlichen Umständen anzupassen vermag.