Wo aus Meinungen wieder Menschen werden können
Früher begegnete man zunächst einem Menschen. Heute begegnet man oft zuerst seiner vermeintlichen Haltung. Ein Kommentar zur Migration, zur Energiewende oder zum Nahostkonflikt genügt –
und binnen Sekunden beginnt das Sortieren: links, rechts, woke, konservativ. Plötzlich scheint man zu wissen, wer der andere ist. Dabei kennt man meist nur einen einzigen Satz von ihm. Aus einem Menschen wird ein Etikett.
Das Fatale daran: Etiketten haben keine Biografie. Sie haben keine kranke Mutter, keinen Lieblingssong, keinen schrägen Humor und keinen schlechten Tag. Genau deshalb fällt es so leicht, sie abzulehnen. Wer durch soziale Netzwerke scrollt, erlebt dieses Muster täglich. Über Argumente wird häufig kaum noch gesprochen. Stattdessen geht es darum, welchem Lager das Gegenüber wohl angehört.
Dabei fehlt oft genau das, was Vorurteile ins Wanken bringt: die Begegnung. Eine Gesellschaft hält nicht zusammen, weil alle dieselbe Meinung haben. Sie hält zusammen, weil Menschen trotz unterschiedlicher Überzeugungen gemeinsame Erfahrungen machen. Weil sie merken, dass hinter einer politischen Haltung kein Feind steht, sondern ein Mensch mit einer eigenen Geschichte. Der Mann, der nach Feierabend seinen demenzkranken Vater pflegt. Die junge Unternehmerin, die nachts nicht schlafen kann, weil sie sich um ihre Mitarbeitenden sorgt.
Genau diese Erfahrungen werden seltener. Viele leben in ähnlichen Wohnvierteln, bewegen sich in vergleichbaren Freundeskreisen und konsumieren Medien, die den eigenen Blick auf die Welt eher bestätigen als hinterfragen. Das Edelman Trust Barometer zeigt, wie tief das Misstrauen inzwischen reicht: 81 Prozent der Deutschen geben an, Menschen mit anderen Werten oder Informationsquellen nur eingeschränkt zu vertrauen.
Vielleicht war deshalb auch das frühe Ausscheiden der deutschen Mannschaft bei der Fußball-WM mehr als eine sportliche Enttäuschung. Mit ihm verschwanden vielerorts auch die Public Viewings – Sommerabende, an denen Tausende gemeinsam jubeln, leiden oder sich über ein aberkanntes Kopfballtor ärgern, ohne vorher wissen zu wollen, wen der Fremde neben ihnen gewählt hat.
Natürlich gibt es Versuche, dieser Entwicklung etwas entgegenzusetzen. Die Wochenzeitung „Die Zeit“ bringt mit „Deutschland spricht“ Menschen mit gegensätzlichen Ansichten an einen Tisch, das ZDF verfolgt mit „Unbubble“ einen ähnlichen Ansatz. Das sind kluge Formate. Gleichzeitig machen sie deutlich, wie ungewöhnlich solche Begegnungen geworden sind. Sie werden bewusst organisiert.
Umso wertvoller erscheinen Orte, an denen Menschen ganz selbstverständlich zusammenkommen – nicht, um ihre Unterschiede zu diskutieren, sondern weil sie ein gemeinsames Interesse teilen.
Wo geschieht das heute noch? Vielleicht im Ehrenamt. Gemeinsam für andere da sein. Im Sportverein. Ein Tor in der Nachspielzeit – wer es schießt? Egal! Oder auf Festivals. Ein magisches, zeitloses Gitarrenriff. Der Hipster aus Berlin-Mitte schließt neben einer Schreinerin aus der Kleinstadt die Augen. Der Investmentbanker wartet neben dem Psy-Trance-Fan auf den Einlass. Man spricht auf dem Zeltplatz über den verpassten Zug, das süffigste Bier oder den nächsten Act, nicht über Parteiprogramme. Mit etwas Glück lernt man sich sogar näher kennen – auf ganz persönlicher Ebene.
Ob Festivals Vorurteile tatsächlich aufweichen oder wir sie im Nachhinein romantisieren, möchte ich nicht vom Schreibtisch aus beantworten. Deshalb werde ich das Sziget-Festival in Budapest besuchen. Unter dem Motto „Island of Freedom“ kommen dort Menschen aus ganz Europa und darüber hinaus zusammen. Das Programm spannt den Bogen von Metalcore mit Bring Me The Horizon über Singer-Songwriter-Pop mit Lewis Capaldi und Hip-Hop mit Loyle Carner bis zu Minimal-Techno von Richie Hawtin. Mich interessiert jedoch weniger das Line-up als eine andere Frage: Gelingt hier etwas, das unserer Gesellschaft zunehmend schwerfällt? Begegnen sich Menschen tatsächlich jenseits ihrer eigenen Milieus? Die Antworten gibt es in meiner nächsten Kolumne.