Vor dem Saisonstart ist Hertha BSC in den Prognosen die „Unbekannte“. Nach einem personellen Umbruch und bislang nur einem Neuzugang herrscht rund um die Berliner große Unsicherheit.
Die Spannung stieg von Tag zu Tag, nachdem Mitte Juli der Transfer von Tjark Ernst zu Feyenoord Rotterdam vermeldet worden war. Zuvor hatte Hertha BSC bereits wie erwartet Kennet Eichhorn (für neun Millionen Euro zu Bayer Leverkusen) und Fabian Reese (acht Millionen, VfL Wolfsburg) abgegeben, dazu war der kurzfristige Abgang von Michaël Cuisance zu RC Lens (3,5 Millionen, Frankreich) eher überraschend, aber zumindest lukrativ – trotzdem blieben die Berliner als einziger Club aus den drei nationalen Ligawettbewerben beim Thema Verpflichtungen zunächst inaktiv.
Mit den fünf Millionen für den Wechsel ihres Stammtorwarts zum niederländischen Champions-League-Teilnehmer, so der Tenor schon im Vorhinein, würden sich die Verantwortlichen hinsichtlich externer Zugänge nun aber endgültig handlungsfähig zeigen können. Doch es passierte zunächst nichts: Erst am 25. Juli, keine 14 Tage vor dem Punktspielstart, wurde der erste Neuzugang für 2026/27 bekannt gegeben – und blieb bis Redaktionsschluss auch der einzige bei Hertha BSC.
Beachtliche Werte im Spiel gegen den Ball
Oluwaseun Adewumi kommt dabei auf Leihbasis vom Premier-League-Absteiger FC Burnley (dort ohne Einsatz) und steht für die von CEO Peter Görlich angekündigte Transformation im Kader weg von namhafteren Spielern und hin zu sinnvollen Ergänzungen mit Perspektive. Zwar fehlt durch die Abgänge, etwa von Michal Karbownik (ablösefrei zu Istanbul Basaksehir) und Dawid Kownacki (Leihe nicht verlängert), weitere individuelle Qualität – letztlich machte sich diese aber auch in der Vergangenheit nicht in puncto Erfolg entscheidend bemerkbar. Adewumi also vertritt quasi ein neues Anforderungsprofil bei den Hauptstädtern: jung (21 Jahre), aber mit gewisser Erfahrung (Stationen bei Dundee FC und Cercle Brügge), vielseitig einsetzbar (offensiv), schnell (37,9 km/h wurden 2025/26 bei keinem Profi in 1. und 2. Liga gemessen) sowie dribbelstark. Dazu zeigt der Österreicher beachtliche Werte im Spiel gegen den Ball, sodass er gut zum Plan von Trainer Stefan Leitl passt, in der kommenden Saison den Gegner noch energischer und früher anzulaufen – ein „Unterschiedsspieler“ aber ist er gewiss (noch) nicht.
Ansonsten blieb es bei vergeblichen Bestrebungen, gerade bei der so dringend gesuchten Verstärkung für die Angriffszentrale: Das Interesse am schwedischen WM-Teilnehmer Gustaf Nilsson (29, FC Brügge) wurde dabei nicht konkret, sodass zuletzt mit Alexis Cuello (26, San Lorenzo) bereits ein weiterer Kandidat gehandelt wurde. Der argentinische Mittelstürmer, dessen Marktwert laut transfermarkt.de bei fünf Millionen Euro liegt, würde Hertha BSC allerdings eine Ablösesumme kosten. Die wiederum könnte durch einen unerwarteten Geldsegen – so rechneten Berliner Medien jedenfalls vor – mitfinanziert werden: der Verkauf des ehemaligen Eigengewächses Noel Aseko von Bayern München an Eintracht Frankfurt spült eine zehnprozentige Weiterverkaufsbeteiligung in Höhe von 1,2 Millionen Euro in die blau-weiße Kasse.
Dass allerdings bei Einnahmen von insgesamt über 25 Millionen Euro aus Transfergeschäften bis zum vergangenen Wochenende lediglich ein Zugang auf Leihbasis für ein Jahr (ohne Kaufoption) gegenübersteht, darf mit Sorge betrachtet werden: Ob nun die Verantwortlichen trotz des großen Gewinns bei Zu- und Abgängen weiterhin penibel auf die Ausgabenseite achten müssen oder die Alte Dame mangels Finanzkraft und unklarer sportlicher Perspektive schlicht keine attraktive Adresse mehr für Fußballprofis darstellt.
Der allgemeine Personalengpass führte dazu, dass etwa Leihrückkehrer – die also ohnehin auf der Gehaltsliste stehen – wieder eingebunden werden sollen. Dabei handelt es sich zum Beispiel um Gustav Christensen, der nach anderthalb Jahren in der 3. Liga (FC Ingolstadt) als eigentlich offensiver Außenbahnspieler nun die linke Abwehrseite bespielen könnte. Leitl hatte dabei mit einer ähnlichen „Umschulung“ des heutigen Nationalspielers David Raum zu gemeinsamen Zeiten noch bei Greuther Fürth durchaus Erfolg. Zeitgleich räumte Herthas Trainer ein, dass sich solche Fälle nicht eins zu eins vergleichen lassen – und warb daher weiter für die Verpflichtung eines gelernten Linksverteidigers. Dem zweiten Rückkehrer, Jón Dagur Thorsteinsson (nach vier Monaten in Bergen/NOR), werden dagegen weiterhin nur Chancen als Ergänzungsspieler zugetraut, da mit Josip Brekalo für das offensive Mittelfeld beziehungsweise die Flügel ein Kandidat zur Verfügung steht, dessen Qualität unumstritten ist und – zumindest eine weitere gute Nachricht hinsichtlich des neuen Kaders – mit dem erst vergangene Woche Einigung über eine Vertragsverlängerung bis 2028 erzielt werden konnte.
Ist der Kader der Liga gewachsen?
Weitere Folge der Disbalance zwischen Zu- und Abgängen ist die deutlich zugenommene Zahl an Eigengewächsen der Blau-Weißen in diesem Sommer: Insgesamt sieben Spieler aus der U23 (Soufian Gouram, Jelani Ndi, Selim Telib) und U19 (Jerome Diallo, Mayso Grothe, Niklas Hildebrandt, Kian Todorovic) wurden mit Profiverträgen ausgestattet. Vor allem Gouram (20, zentrales Mittelfeld), Ndi (18, Rechtsaußen) und wegen der speziellen Problematik auf der linken Abwehrseite auch Grothe (17) konnten in der Vorbereitung unter Beweis stellen, dass man sie zumindest auch ins kalte Wasser werfen kann. Trotzdem bleibt natürlich die Ungewissheit, ob der abgespeckte Kader auf Dauer der harten Schule in der 2. Liga gewachsen ist – nicht nur Ex-Profi und TV-Experte Felix Kroos sieht so vor dem Auftakt 2026/27 an diesem Freitagabend in Bochum über dem Westend eine „dunkle Wolke schweben“. Schon das Startprogramm – das neben dem Gastspiel beim VfL und der Heimpremiere gegen den Bundesligaabsteiger 1. FC Heidenheim auch im DFB-Pokal in Saarbrücken eine Hürde mit gewisser Fallhöhe beinhaltet – ist als anspruchsvoll zu bezeichnen.
Ein verkorkster Saisonbeginn, wie er in den vergangenen Jahren des Öfteren bereits frühzeitig die Ambitionen dämpfte, ist dabei auch diesmal mindestens genauso sehr zu vermeiden – weil der gewaltige Umbruch und die damit verbundenen, weniger offensiv formulierten Ziele zum Gelingen ebenfalls möglichst keiner Nebengeräusche bedürfen. Die Generalprobe zum Start der Spielzeit gegen Bundesligist 1. FC Köln (2:2) am Freitag vergangener Woche im österreichischen Trainingslager fiel dabei wie die Expertenmeinungen zu Hertha BSC unentschieden aus.