Die Vorsaison endete für Leopold Querfeld persönlich enttäuschend. Der Österreicher saß in den letzten Spielen auf der Bank und verpasste die WM. Um seinen Status muss er kämpfen.
Der Profifußball ist mitunter ein raues Geschäft. Erfolg und Misserfolg werden meist am bloßen Ergebnis festgemacht, der Kampf obsiegt in der Regel über die Ästhetik. Der Trainer gibt den Matchplan vor – und alle haben sich daran zu halten. Leopold Querfeld tut das gewissenhaft, als Abwehrchef des 1. FC Union Berlin hat er diesbezüglich eine besondere Vorreiterrolle. Doch in seiner Freizeit braucht der Österreicher einen Ausgleich, um seinem inneren Streben nach Kreativität nachzukommen. Seine Hobbys seien „Zeichnen, Bilder bearbeiten, mal einen Text oder ein Gedicht schreiben“, sagte Querfeld einmal: „Ich mag es, mich kreativ auszudrücken, egal auf welchem Weg.“ Das sei für ihn ein guter Ausgleich zu seinem durchgetakteten Job als Profifußballer, die Kreativität würde ihm helfen, zur inneren „Balance“ zu finden. Doch anders als Teamkollege Christopher Trimmel, der in seiner Freizeit als Tätowierer kreativ arbeitet und damit durchaus sein Geld verdienen könnte, baut sich Querfeld kein zweites Berufs-standbein auf. Er betonte: „Ich bin aber nicht Goethe oder so.“ Zuletzt postete er in den sozialen Netzwerken ein großformatiges Gemälde, auf dem bei genauerem Hinsehen Blumen zu erkennen sind. Das Bild ist im kräftigen Rot gehalten – der Farbe von Union. „Was ich neben dem Profifußball mache“, schrieb der 22-Jährige zu dem Post. Ob das Gemälde aber auch tatsächlich von ihm stammt, verriet der 22-Jährige nicht. Auch nicht, ob das Kunstwerk eine Andeutung sein soll, dass er sich zu den Union-Farben auch über das Ende seiner aktuellen Vertragslaufzeit hinaus bekennt. Denn nach Saisonende läuft sein Vertrag aus, theoretisch könnte der Innenverteidiger dann ablösefrei den Club wechseln. Ein Horror-Szenario für die Verantwortlichen. In diesem Sommer verließen schon die Abwehrspieler Diogo Leite und Danilho Doekhi, die beide einen Marktwert von mehreren Millionen Euro besaßen, den Verein ohne Ablöse. Sollte Querfeld seinen Vertrag nicht verlängern, droht in einem Dreivierteljahr mit ihm dasselbe. Sein Marktwert liegt laut transfermarkt.de bei 20 Millionen Euro. Ein Verkauf in dieser Transferperiode ist daher nicht gänzlich ausgeschlossen, zumal es im Arbeitspapier offenbar eine Ausstiegsklausel gibt: Laut der „Bild“-Zeitung kann ein Bundesligist Querfeld für elf Millionen Euro verpflichten, ein Team aus der finanzstarken englischen Premier League müsste noch mal vier Millionen Euro draufpacken. Laut des Berichts soll es zuletzt auch Anfragen wegen eines Transfers gegeben haben.
„Ich bin aber nicht Goethe oder so“
Ein Abgang wäre ohne Zweifel zunächst eine sportliche Schwächung. Querfeld hat sich seit seinem Wechsel zu den Eisernen vor zwei Jahren zu einem Leistungsträger entwickelt, in der abgelaufenen Saison kam er auf 34 Pflichtspiel-Einsätze, in denen er sogar sieben Treffer erzielte. Der kopfball- und zweikampfstarke Innenverteidiger weiß auch mit seinem Stellungsspiel zu überzeugen, zudem übernimmt er auf dem Platz Führungsaufgaben. Dass er in seiner Anfangszeit bei Union dem routinierten Kevin Vogt den Platz als zentraler Abwehrspieler in der Dreierkette erfolgreich streitig gemacht hat, spricht Bände. Doch der neue Trainer Mauro Lustrinelli will Union ein neues System mit Vierer-Abwehrkette verpassen, statt drei Innenverteidiger-Positionen gibt es nur noch zwei. Und auf die linke oder rechte Seite auszuweichen, dafür passt das Spielerprofil von Querfeld nicht. Für die beiden Neuzugänge für die Abwehr, Marvin Friedrich und Zeno van den Bosch, trifft das auch zu. Die beiden machen im Training einen guten Eindruck, der Druck auf den bislang etablierten Querfeld ist zweifelsohne gestiegen. Ein Neuanfang unter einem anderen Coach bedeutet Chancen für die einen, aber auch Risiken für die anderen. Wie es sich anfühlt, auf der Bank zu sitzen, erfuhr Querfeld schon am Ende der Vorsaison. Nachdem er sich einige Patzer in der Defensivarbeit und auch im Spielaufbau geleistet hatte, setzte ihn Interimstrainerin Marie-Louise Eta für die letzten drei Spiele auf die Bank. Beim besten Union-Spiel der Saison, dem 4:0-Heimsieg am 34. Spieltag gegen den FC Augsburg, war er lange Zeit nur Zuschauer, ehe er in der 86. Minute eingewechselt wurde. Noch schmerzhafter war die Entscheidung von Ralf Rangnick, der als Trainer der österreichischen Nationalmannschaft auf eine Nominierung des Unioners für die Weltmeisterschaft verzichtete. Der WM-Traum war geplatzt, den historischen Einzug des Teams in die K.-o.-Runde inklusive des dramatischen 3:3 zum Gruppenabschluss gegen Algerien musste er sich am Fernseher anschauen.
„Er ist unglaublich fokussiert“
Als Querfeld im Sommer 2024 zu Union gewechselt war, sah es noch anders aus. Damals stand der Österreicher nicht nur im Kader für die Europameisterschaft in Deutschland, er wurde im Alter von 20 Jahren auch der jüngste Österreicher, der je bei einer EM zum Einsatz kam. Umso stolzer waren die Verantwortlichen bei Union damals, dass sie einen der „begehrtesten Innenverteidiger seines Jahrgangs“, wie der damalige Sport-Geschäftsführer Oliver Ruhnert von Querfeld schwärmte, verpflichten konnten. Immerhin 2,5 Millionen Euro überweisen die Unioner an Rapid Wien. Eine hohe Meinung haben sie in Berlin noch immer von Querfeld, doch den Nimbus als unantastbarer Stammspieler hat er aktuell nicht zwingend. Den muss er sich unter dem neuen Trainer im neuen System und gegen neue Konkurrenten erst wieder erarbeiten. Oder vielleicht doch schon jetzt eine neue Herausforderung suchen?
Eigentlich ist Querfeld keiner, der vor schwierigen Situationen davonläuft. Im Gegenteil: Er scheint an Herausforderungen zu wachsen. „Ich strebe an, mich täglich zu verbessern und viele Erfahrungen auf höchstem Niveau zu sammeln“, sagte Querfeld einmal. Sich seinen Status neu zu erarbeiten, gehört zweifelsohne dazu. An seiner Einstellung dürfte es nicht scheitern. „Er ist unglaublich fokussiert“, sagte Freundin Hannah Szladits einmal über ihren Leopold: „Um 23 Uhr ist er im Bett. Er trackt sogar seinen Schlaf.“ Bekannt ist auch, dass Querfeld keinen Alkohol trinkt und auf Industriezucker verzichtet. Stärke findet der bekennende Christ auch in seinem Glauben. „Der Glaube festigt mich, gibt mir einen Rückhalt“, sagte er. Das gilt auch für seine Fußballer-Karriere. „Er hilft mir einerseits in guten und positiven Phasen, aber auch in Phasen, wo es vielleicht nicht so läuft.“
Dass es bald wieder besser läuft, daran arbeitet er zurzeit hart. Aktuell im Trainingslager der Unioner in der österreichischen Steiermark. Für den gebürtigen Wiener ist das quasi ein Heimspiel – doch einen Bonus hat er deswegen nicht. Auch nicht wegen seiner Verdienste in den vergangenen zwei Jahren. Sollte er bei Union wieder an alte Leistungsstärke anknüpfen und sich auch in der Viererkette als unantastbarer Führungsspieler etablieren, dürfte Querfeld auch schnell wieder für die Nationalmannschaft nominiert werden. Doch bis dahin muss er vor allem kämpfen – und seine Kreativität etwas hinten anstellen.