Der Kader für die Bundesliga-Saison nimmt Konturen an, vollständig ist er aber noch nicht. Zwischen außergewöhnlichen Talenten, bewährten Aufstiegshelden und einem komplizierten Transfermarkt muss die SVE eine Mischung finden.
Als Luca Pfeiffer in der 90. Minute für die SV Elversberg traf, lag in einem gewöhnlichen Testspiel der Schlusspfiff bereits nahe. Gegen NEC Nijmegen wurden jedoch zweimal 60 Minuten gespielt. Der Treffer setzte den passenden Schlusspunkt unter eine intensive Trainingswoche in Barneveld. Das 1:0 gegen den niederländischen Erstligisten und Champions-League-Qualifikanten wird im August nicht mehr zählen. Es zeigte aber, dass sich Elversberg auch gegen stärkere Gegner behaupten kann.
Nach dem Trainingslager und einigen freien Tagen hat die entscheidende Phase begonnen. Die Mannschaft muss sich auf Tempo und Qualität der Bundesliga einstellen, während Sportdirektor Christian Weber den Kader weiter ordnet. Vieles ist gelungen, einiges bleibt offen. Priorität besitzen ein Innenverteidiger und ein Stürmer. Ein zentraler Mittelfeldspieler ist eine Option, abhängig von den finanziellen Spielräumen und dem Markt.
Die Suche nach einem Angreifer
Gerade die Suche nach einem Angreifer beschreibt den schmalen Grat, auf dem sich die SVE bewegt. Die Spieler, die sportlich eine sofortige Verstärkung wären, sind teuer und halten sich wenige Wochen vor Saisonbeginn häufig andere Möglichkeiten offen. Sie warten ab, welche Perspektiven ihnen ihre bisherigen Clubs bieten und welche Alternativen ihre Berater auftreiben. Elversberg hat nach Webers Angaben für jede gesuchte Position mehrere Ideen. Doch der Verein kann weder jedes Gehalt bezahlen noch allein mit dem Etikett „Bundesliga“ automatisch jeden Kandidaten überzeugen. Der Neue muss sportlich helfen, wirtschaftlich passen und sich auf den besonderen Weg dieses Clubs einlassen.
Dass die Kaderplanung trotzdem weiter fortgeschritten ist, als vor einigen Monaten zu erwarten war, liegt an vier Verpflichtungen. Francis Onyeka und Noah Darvich wurden ausgeliehen, Maurice Krattenmacher und Cole Campbell fest gebunden. Sie gehören zu den auffälligsten Talenten ihrer Generation und stehen für jenes Modell, mit dem Elversberg in den vergangenen Jahren außergewöhnliche Erfolge erzielt hat. Nick Woltemade, Paul Wanner, Fisnik Asllani und Bambasé Conté kamen als hochveranlagte Spieler und verließen die SVE als wesentlich prominentere Fußballer. Nun soll gleich ein Quartett von diesem Umfeld profitieren.
Potenzial allein garantiert allerdings nichts. Keiner der vier hat seine Klasse bereits dauerhaft in der Bundesliga nachgewiesen. Sie müssen in die gewachsene Struktur integriert werden und zugleich lernen, auf einem Niveau zu bestehen, das Fehler noch schneller bestraft. „In der Vergangenheit ist es uns in der 2. Bundesliga sehr gut gelungen, junge Spieler schnell auf das höhere Niveau zu bringen“, sagt Weber. In der Bundesliga wird sich zeigen, ob dieses Prinzip auch unter nochmals verschärften Bedingungen trägt.
Die Verantwortung liegt deshalb nicht allein bei den Neuen. Auch die etablierten Spieler, die den historischen Aufstieg möglich gemacht haben, müssen sich weiterentwickeln. Die SVE will ihren Kern nicht austauschen, sondern aufwerten. Das ist sportlich konsequent und entspricht der Kultur des Vereins, birgt aber ein Risiko: Fast die gesamte Mannschaft betritt Neuland. Talent, Geschlossenheit und funktionierende Abläufe müssen den Erfahrungsvorsprung der Konkurrenz ausgleichen. „Da muss bei uns alles passen“, sagt Weber. Präziser lässt sich die Ausgangslage kaum beschreiben.
Im Hintergrund wird zugleich geprüft, für wen in diesem Kader noch ausreichend Platz bleibt. Grundsätzlich könnten alle derzeitigen Spieler bleiben. Für einige würde das jedoch bedeuten, nur selten im Bundesliga-Aufgebot zu stehen und Spielpraxis in der U21 zu sammeln. Mohammad Mahmoud hat den Club nach offenen Gesprächen bereits in Richtung Austria Salzburg verlassen. Auch Filimon Gerezgiher weiß, dass seine Aussichten auf regelmäßige Einsätze begrenzt sind. Die SVE versucht, solche Entscheidungen früh und transparent zu vermitteln. Niemand soll wochenlang von einer Rolle ausgehen, die intern längst nicht mehr vorgesehen ist.
Mit jedem Zugang wächst der Konkurrenzkampf. Bis zum Ende der Transferperiode sind deshalb auch Abgänge möglich. Gesucht wird Qualität in der Spitze: Spieler, die Wagner zusätzliche Lösungen bieten, ohne das stabile Gefüge zu beschädigen.
Kurze Wege bei Transfers
Bei Verhandlungen hilft die schlanke Organisation. Während Transfers andernorts mehrere Gremien durchlaufen, können Entscheidungen in Elversberg binnen Stunden fallen. Weber, der Technische Direktor Josef Welzmüller und Präsident Dominik Holzer arbeiten über kurze Wege zusammen. Das ersetzt kein höheres Budget, kann auf einem umkämpften Markt aber helfen. Ohnehin ist Kaderplanung ein fortlaufender Prozess; manche Spieler lassen sich erst nach mehreren Anläufen gewinnen.
Zeit zum behutsamen Eingewöhnen wird es nach dem Saisonstart kaum geben. Mit Bayer Leverkusen, Borussia Mönchengladbach, Bayern München und Schalke 04 wartet ein Auftakt, der die Dimension des Aufstiegs sofort sichtbar macht. Elversberg wird nicht erst nach einigen Wochen erfahren, was Bundesliga bedeutet, sondern vom ersten Spieltag an. Das Ziel ist entsprechend nüchtern formuliert. Nach dem von Wagner bemühten Bild der Reise zum Mond steht nun der Weg zum Mars an. Für Weber liegt der Mars auf Tabellenplatz 15.
Das klingt bescheiden, ist für den kleinsten Standort der Liga aber maximal ambitioniert. Elversberg will nichts verschenken, konkurrenzfähig sein und sich die Möglichkeit erarbeiten, auch die großen Clubs zu überraschen. Der Sieg gegen Nijmegen passt in dieses Selbstverständnis, ohne die Kräfteverhältnisse zu verwischen. Die SVE ist weit gekommen, weil sie Potenzial früh erkannt, Spieler besser gemacht und eine belastbare Struktur geschaffen hat. Nun muss all das gleichzeitig funktionieren: Die Aufstiegshelden müssen den nächsten Schritt gehen, die Talente schnell Wirkung entfalten und die letzten Transfers sitzen. Der Kader besitzt Fantasie. Ob er schon genügend Bundesliga-Substanz besitzt, entscheiden die kommenden Wochen – und ein Markt, auf dem Elversberg geduldig bleiben muss, obwohl die neue Liga nicht warten wird.