Rot-Weiss Essen startet nach dem Scheitern in der Relegation mit einem veränderten Kader in die neue Saison. Vor allem die Abgänge von Kaito Mizuta und Torben Müsel reißen Lücken. Gleich zum Auftakt wartet beim 1. FC Saarbrücken ein erster Härtetest.
Es fehlten nur noch 90 Minuten. Rot-Weiss Essen hatte das Hinspiel der Relegation gegen die SpVgg Greuther Fürth mit 1:0 gewonnen und durfte vom Ende einer langen Durststrecke träumen. Seit 2007 wartet der Traditionsverein von der Hafenstraße auf die Rückkehr in die 2. Bundesliga. Auch im Rückspiel am Ronhof war RWE keineswegs chancenlos. Die Essener erspielten sich mehrere gute Möglichkeiten, ließen diese jedoch ungenutzt. Fürth zeigte sich vor dem Tor konsequenter, gewann mit 2:0 und ließ den Aufstiegstraum der Gäste trotz einer über weite Strecken starken Vorstellung platzen.
Große Auswahl im Angriff
Die Enttäuschung war entsprechend groß. Lange Zeit zum Grübeln blieb den Verantwortlichen allerdings nicht. Nur wenige Tage nach dem Relegations-Aus begann bei RWE ein personeller Umbau, wie ihn der Verein seit dem Wiederaufstieg in die 3. Liga kaum erlebt hat. Zahlreiche Spieler verließen den Club, mehrere neue kamen hinzu.
Besonders schwer wiegen die Abgänge von Kaito Mizuta und Torben Müsel. Beide standen für Kreativität, Tempo und Torgefahr. Mizuta gehörte zu den auffälligsten Offensivspielern der vergangenen Saison und konnte sowohl über die Außenbahn als auch im Zentrum Akzente setzen. Müsel war mit seiner Technik, seinem Spielverständnis und seinen Läufen in den Strafraum ebenfalls ein wichtiger Faktor. Ihre Qualitäten lassen sich nicht ohne Weiteres ersetzen. „Es ist legitim, dass die Spieler sich verändern. Damit mussten wir rechnen“, sagt RWE-Trainer Uwe Koschinat lapidar.
Mit beiden verliert RWE nicht nur individuelle Klasse, sondern auch einen beträchtlichen Teil seiner offensiven Produktivität. Mizuta und Müsel waren in der Lage, enge Spiele durch einzelne Aktionen zu verändern.
Auch der Abschied von Klaus Gjasula kostet Erfahrung und Robustheit. Michael Schultz gehörte zwar zu den bekannten Gesichtern des Kaders und trug zeitweise die Kapitänsbinde, hatte sportlich zum Ende der vergangenen Saison aber nur noch eine untergeordnete Rolle gespielt. Der personelle Einschnitt in der Defensive fällt deshalb weniger schwer ins Gewicht als die Verluste in der Offensive.
Der Umbau ist kein Zufall. Trainer Uwe Koschinat und die sportliche Leitung wollen das Spiel der Mannschaft verändern. Essen soll künftig dynamischer auftreten, schneller umschalten und im Ballbesitz zielstrebiger in Richtung gegnerisches Tor kommen. Der Kader wurde verjüngt, das Tempo auf mehreren Positionen erhöht.
Zu den interessantesten Verpflichtungen gehört Noah Pesch. Der Offensivspieler kommt aus dem Nachwuchs von Borussia Mönchengladbach und machte zuletzt in der Regionalliga auf sich aufmerksam. Pesch kann im offensiven Mittelfeld oder auf dem Flügel eingesetzt werden und verkörpert genau jenen Spielertyp, den Koschinat gesucht hat: jung, beweglich, technisch versiert und noch nicht am Ende seiner Entwicklung.
Ähnliches gilt für Tony Menzel und Aiman Dardari. Auf der „Acht“ sollte Menzel gesetzt sein, das sind keine guten Nachrichten für Janne Sietan, der als Leistungsträger von Waldhof Mannheim kam. Dazu wurde mit Semir Telalovic ein Spieler für den Angriff verpflichtet, der bereits Erfahrung auf höherem Niveau gesammelt hat. Er dürfte sich mit Marek Janssen duellieren. Aber Jaka Cuber Potocnik wird Ansprüche anmelden. Eventuell agiert Telalovic auch hinter einer weiteren, zentralen Spitze: „Diese Option ist denkbar“, sagt Koschinat.
Gute Entwicklung bei Ben Hüning
Im Zentrum soll Ruben Reisig für Stabilität sorgen. In der Abwehr zählen Ben Hüning, José-Enrique Ríos Alonso und Max Geschwill zu den Kandidaten für eine tragende Rolle. Besonders Hüning könnte nach den personellen Veränderungen mehr Verantwortung übernehmen. Der junge Innenverteidiger soll zu einem der Fixpunkte der neuen Mannschaft heranwachsen. „Er hat die Zweikampfhaltung aus der letzten Phase der Saison, als er sich einen Namen gemacht hat, komplett in die Vorbereitung transportiert. In vielen 50/50-Duellen ist er in der Lage, das Spiel zu unterbrechen oder für einen Ballbesitzwechsel zu sorgen. Er kann sich in so eine Partie reinfighten“, zeigte sich der Trainer begeistert.
Koschinat verfügt damit über einen Kader, der mehr Tempo und Variabilität verspricht. Gleichzeitig fehlt ihm die Erfahrung einiger Spieler, die in der vergangenen Saison über längere Phasen zum Stammpersonal gehörten. Die neue Hierarchie muss sich erst entwickeln. Wer übernimmt in schwierigen Phasen Verantwortung? Wer gibt nach Rückschlägen die Richtung vor? Und vor allem: Wer ersetzt die Tore und Vorlagen von Mizuta und Müsel?
Die Vorbereitung lieferte ein gemischtes Bild. Gegen unterklassige Gegner gelangen deutliche Siege. In den Tests gegen stärkere Mannschaften wurde aber auch sichtbar, dass die Abläufe noch nicht vollständig greifen. Gerade im letzten Drittel fehlten bisweilen Präzision und Konsequenz. Ein meinungsstarker Podcast aus dem RWE-Umfeld analysierte daher auch, dass es noch an zwei gestandenen Neuzugängen fehle.
Wie weit die neue Mannschaft bereits ist, dürfte sich gleich am ersten Spieltag zeigen. Zum Auftakt muss Rot-Weiss Essen beim 1. FC Saarbrücken antreten. Das Duell zweier Traditionsvereine gehört zu den reizvollsten Begegnungen des ersten Spieltags und besitzt bereits früh richtungsweisenden Charakter. Der FCS hat ebenfalls einen enormen Umbruch hinter sich.