Als in Europas Comic-Universum allein die zeichnenden Künstler gefeiert wurden und niemand den schreibenden Köpfen hinter den Serien Beachtung schenkte, stieg René Goscinny vor allem dank seines Meisterwerks „Asterix“ zum ersten renommierten Comic-Autor auf. Dieser Tage wäre der Franzose 100 Jahre alt geworden.
Eigentlich standen die Chancen für den am 14. August 1926 in Paris geborenen René Goscinny ziemlich schlecht, sich seinen Jugendtraum als erfolgreicher Comic-Künstler erfüllen zu können. Dass er einmal mit seinem Meisterwerk „Asterix“ in einem Atemzug mit dem rund 20 Jahre älteren belgischen Genre-Star Hergé und dessen legendärer Serie „Tim und Struppi“ genannt werden würde, schien zu Beginn seiner Karriere nahezu ausgeschlossen. Obwohl er sich schon ganz früh in seiner neuen Heimat im argentinischen Buenos Aires, wohin die Familie 1927 umgesiedelt war, dem Zeichnen von Comics zugewandt hatte – inspiriert von französischen Klassikern sowie den diversen Schöpfungen des Disney-Universums –, mangelte es ihm ausgerechnet im künstlerischen Teil an ausreichendem Talent.
Mehr als 500.000.000 verkaufte Bücher
Das wurde ihm nach seinem Umzug nach New York 1945 deutlich vor Augen geführt, weil er dort beim Klinkenputzen in Verlagen oder Agenturen mit seinen Entwürfen eine Abfuhr nach der anderen kassierte. Daher nahm er zwischen Gelegenheitsjobs oder der Mitarbeit bei dem Kinderrätsel produzierenden Kunen-Verlag zur Verbesserung seiner autodidaktisch erworbenen zeichnerischen Fähigkeiten Unterricht beim deutschstämmigen Grafiker und Illustrator Fritz Kredel. Aber auch das konnte sein künstlerisches Manko nicht beheben. Zwar konnte er nach seiner Rückkehr 1950 nach Europa einige Comics seiner Detektiv-Parodie-Serie „Dick Dicks“ in belgischen Tageszeitungen 1951/1952 veröffentlichen, aber diese kamen nicht sonderlich gut an. Für Goscinny ein berufliches Desaster. Denn in der Comic-Branche, in der seit Ende der 1930er-Jahre mit der rasant zunehmenden Massenproduktion eine zunehmende Spezialisierung von Geschichtenerfindern/Dialogschreibern und den deren Storys visuell umsetzenden zeichnerischen Künstlern stattgefunden hatte, wurden einzig und allein die Künstler hofiert und namentlich herausgestellt. Die Profession des Comic-Autors, im Branchenjargon als Szenarist bezeichnet, gab es schlicht nicht.
Goscinny, der vor Ideen geradezu sprühte und Mitte der 1950er-Jahre seine zeichnerischen Aktivitäten einstellte, kämpfte fortan verbissen um die gleiche Wertschätzung von Autor und Künstler.
Mit Erfolg, denn er stieg zum ersten europäischen Comic-Autor auf, der ebenso bekannt wie bewundert wurde wie die berühmtesten Comic-Zeichner. „Als mir einer der ehrenwerten Alten sagte: ‚Der Beruf des Szenaristen? Das kann doch der letzte Idiot schaffen‘, verstand ich, dass ich meinen Weg gefunden hatte“, sagte Goscinny einmal. Wobei er ein glückliches Händchen bei der Auswahl der Zeichner bewies, die mit ihm gemeinsam ein Projekt realisieren konnten. Beispielsweise Albert Uderzo bei „Asterix“ oder „Umpah-Pah“, Morris bei „Lucky Luke“, Jean Tabary bei „Iznogoud“, Gotlib bei „Les Dingodossiers“ oder Jean-Jacques Sempé bei der Kinderbuch-Serie „Der kleine Nick“, die zunächst 1955/1956 als Comic in einer kleinen belgischen Jugendzeitschrift gestartet war und danach zwischen 1959 und 1964 in der französischen Regionalzeitung „Sud-Ouest Dimanche“ sowie im Buchhandel mit fünf Geschichten-Sammlungen und mehr als zehn Millionen verkauften Exemplaren für Furore sorgte.
Mit mehr als 500 Millionen verkauften Büchern, die in rund 150 Sprachen übersetzt wurden, zählt René Goscinny zu den erfolgreichsten Autoren Frankreichs und der Welt des 20. Jahrhunderts. Allein von „Asterix“ wurden bis heute mehr als 370 Millionen Alben abgesetzt, auch wenn Goscinny seit Erscheinen des ersten Bandes „Asterix der Gallier“ 1961 nur für insgesamt 24 Alben inhaltlich allein verantwortlich war und kurz vor Fertigstellung des letzten Bandes „Asterix bei den Belgiern“ verstarb. Der überraschende Tod infolge eines Herzstillstands im Alter von gerade einmal 51 Jahren ereilte ihn am 5. November 1977 ausgerechnet bei einem Gesundheitscheck, genauer gesagt bei einem Belastungstest auf einem Ergometer in der Praxis eines Pariser Kardiologen.
Asterix wurde in Windeseile Kult
Die Verwirklichung seiner kühnen Zukunftspläne blieben dem starken Raucher somit verwehrt. Goscinny soll einerseits von einer großen Karriere als Schriftsteller abseits des Comics geträumt haben. „Meine Mutter hat mir erzählt, dass er der Comic-Produktion müde geworden war und dass er vielleicht tatsächlich damit aufgehört hätte“, erzählt seine Tochter Anne. Andererseits schien er sich auch vorgenommen zu haben, eine Art europäischer Walt Disney zu werden. Aus diesem Grund gründete er 1974 gemeinsam mit Uderzo und dem Verleger Georges Dargaud die Pariser „Studios Idéfix“, deren Logo als Persiflage auf Metro-Goldwyn-Mayer gestaltet wurde. Doch bis zur Studio-Schließung 1978 konnten nur zwei Animationsfilme fertiggestellt werden: „Asterix erobert Rom“ (1976) und „Lucky Luke – Sein größter Trick“ (1978).
Mit dem Verfassen von Drehbüchern für Kino- und Fernsehproduktionen hatte Goscinny bereits in den 1960er-Jahren angefangen. Dem bekannten US-Schauspieler Peter Sellers hatte er ein Drehbuch mit dem Titel „Le Maître du Monde“ zukommen lassen. Der Mime hatte ihm darauf keinerlei Rückmeldung gegeben, aber sein Kinokassenknüller „Der rosarote Panther kehrt zurück“ (1975) wies bemerkenswerte Ähnlichkeiten mit dem eingereichten Skript auf, weshalb Goscinny eine Plagiatsklage anstrebte. Auch mit der animierten Adaption seiner berühmtesten Comic-Serie „Asterix“ hatte sich Coscinny etwa zeitgleich beschäftigt. Wobei der erste Film „Asterix der Gallier“ (1967) noch ohne Zustimmung von Goscinny/Uderzo von einem belgischen Studio produziert wurde und die beiden Urheber auch mit dem zweiten, ebenfalls vom Studio Belvision realisierten Leinwand-Abenteuer „Asterix und Kleopatra“ (1968) trotz ihres kreativen Mitwirkens nicht gänzlich glücklich waren. Für den Belvision-Film „Lucky Luke“ (1971) lieferte Goscinny das Drehbuch.
Zu den Glanzpunkten seiner Erfolgskarriere zählte fraglos auch das Magazin „Pilote“, zu dessen Gründern er 1959 gehörte und das er als Chefredakteur zwischen 1963 und 1974 ganz entscheidend durch Förderung von aufstrebenden Talenten und der Akquisition schon bekannter Szene-Stars samt ihrer besten Comic-Serien mitgeprägt hatte und zu einem der führenden französischen Comic-Journale machte. Schon die Erstausgabe von „Pilote“ vom 29. Oktober 1959 schlug wie eine Bombe ein, denn in kürzester Zeit wurden sage und schreibe 300.000 Exemplare verkauft. Geschuldet war dieser Coup vor allem dem erstmaligen Auftauchen von Asterix und seinem Kompagnon Obelix sowie den meisten anderen Figuren rund um das gallische Dörfchen, das sich der römischen Übermacht dank eines Zaubertranks erfolgreich erwehrte.
Lucky Luke erst durch ihn ein Erfolg
Die Serie wurde in Windeseile Kult, zu einem neuen französischen Nationalepos und wegen der in leichtfüßigem Stil vorangetriebenen anspruchsvollen Handlung mit vielschichtigem Humor und historischen Bezügen sowie den von Uderzo entworfenen unverwechselbaren Figuren selbst in Intellektuellen-Kreisen hoch geschätzt. Ursprünglich hatte das Duo Goscinny/Uderzo übrigens die Umsetzung des mittelalterlichen Volksmärchens rund um den listigen Reineke-Fuchs in Comic-Version geplant, was nur daran gescheitert war, dass sich schon andere Kollegen dieses Stoffs angenommen hatten. Daher war man auf der Suche nach Alternativen tief in der französischen Geschichte auf den gallischen Häuptling Vercingetorix und seinen tapferen Widerstand gegen die Römer als historische Vorlage für „Asterix“ gestoßen. Es war ein beschwerlicher Weg, den der Sohn von nach Frankreich eingewanderten osteuropäischen Eltern jüdischen Glaubens bis zur Comic-Elite zurücklegen musste. Auch nach dem Umzug der Familie nach Buenos Aires blieb Goscinny seinem Geburtsland dank des Besuchs einer französischen Schule mit Abiturabschluss im Alter von 17 Jahren verbunden. In seiner New Yorker Zeit waren es vor allem die Kontakte zu schon angesehenen Comic-Größen wie Harvey Kurtzmann, der das renommierte „Mad“-Magazin etablierte, dem Belgier Jijé oder auch dessen Landsmann Morris, die ihm bald schon nützlich wurden. Im Kreise dieser Renommierten hatte sich schnell sein untrügliches Gespür für Gags und Wortspielereien herumgesprochen. Anschließend musste er sich in Paris lange mit schlecht bezahlten Aufträgen durchs Leben schlagen. Erst als er mit seinem letzten selbstgezeichneten Comic „Le Capitaine Bibobu“ (1955/1956) endgültig dem künstlerischen Bereich den Rücken gekehrt und sich komplett auf die Szenaristen-Seite geschlagen hatte, begann nicht zuletzt dank der schon 1951 begonnenen Freundschaft mit Albert Uderzo der Aufstieg zum brillanten Comic-Autor, beginnend mit einer Comic-Serie um einen jungen Freibeuter namens „Pitt Bristol“.
Auch „Lucky Luke“ von Morris erhielt erst ab 1955 durch das kreative Einsteigen von Goscinny in die inhaltlich anfangs etwas schmalbrüstige Serie ihren unverwechselbaren Drive.