Die Drohnen-Attacke in Leipzig/Halle muss zu einer besseren Abwehr führen
An Warnungen hat es nicht gefehlt. „Wir sind nicht im Krieg, aber wir sind auch nicht mehr im Frieden“, sagte Bundeskanzler Friedrich Merz im vergangenen September. Der Kanzler reagierte damit auf vermehrte Drohnenüberflüge über Flughäfen in Dänemark und eine Uniklinik sowie ein Kraftwerk in Schleswig-Holstein. Westliche Militärexperten äußerten damals den Verdacht, dass es sich um Spionage-Versuche aus Russland gehandelt habe. Aber eindeutige Beweise gab es nicht. Was viele Bürger in Europa beunruhigte: Wer steckt hinter den Drohnen-Missionen? Und welche Abwehrmöglichkeiten gibt es?
Die gleichen sorgenvollen Fragen schossen hoch, als Mitte vergangener Woche auf dem Flughafen Leipzig/Halle nur durch Zufall eine mit Sprengstoff beladene Drohne entdeckt wurde. Doch die Bedrohung ist dieses Mal deutlich größer als vor knapp einem Jahr. Die Drohne, an der die explosive Substanz Semtex befestigt war, befand sich in der Nähe eines ukrainischen Frachtflugzeuges. Der Airport Leipzig/Halle ist eine Drehscheibe für westliche Waffenlieferungen an die Ukraine. Deutschland ist mittlerweile der größte Unterstützer des von Russland angegriffenen Landes. Wäre die Drohne detoniert, hätte dies in einer Katastrophe enden können. Ein defekter Zünder hat wohl das Schlimmste verhindert.
Sitzen die Drahtzieher in Moskau? Oder vielleicht doch in Kiew oder Teheran? Bundesinnenminister Alexander Dobrindt gab sich extrem vorsichtig. Er verzichtete auf jede Schuldzuweisung und sprach von einem „hybriden“ Angriff „fremder Mächte“. Unter einer hybriden Attacke versteht man eine verdeckte Mischung aus militärischen und nicht-militärischen Mitteln. Angreifer nutzen dabei eine Grauzone zwischen Krieg und Frieden, um Staaten und Gesellschaften zu destabilisieren, ohne einen offenen militärischen Konflikt auszulösen. Die Bundesregierung sah richtigerweise von politischen Schnellschüssen ab. Bei der spektakulären Sprengung der Nord-Stream-Pipelines im September 2022 wurde zunächst Russland verdächtigt. Im Juli hat der Generalbundesanwalt Anklage gegen einen ukrainischen Ex-Soldaten als Kopf eines Sabotage-Trupps erhoben.
Auch bei der Drohnen-Attacke in Leipzig/Halle könnte es sich theoretisch um eine sogenannte „False-Flag-Operation“ handeln – eine Aktion unter falscher Flagge. Die Tat wäre dann von interessierter Stelle so inszeniert worden, dass alles Richtung Russland deutet. In der Praxis wiegen jedoch die Indizien schwer. Zu viele hybride Angriffe wurden in der Vergangenheit von Moskau gesteuert. Im Juli 2024 fing im DHL-Logistikzentrum am Flughafen Leipzig/Halle ein versteckter Brandsatz in einem Frachtcontainer Feuer. Die Ermittler sahen darin eine Operation des russischen Militärgeheimdienstes. Im September 2025 drangen 19 russische Drohnen in den polnischen Luftraum ein.
Egal ob Drohnenüberflüge über Militäranlagen oder Luftraumverletzungen an der Nato-Ostflanke: Der hybride Krieg ist eine Spezialität des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Der ehemalige KGB-Offizier will Europa verunsichern, Zweifel säen und das Vertrauen der Bevölkerung in den Staat aushöhlen. Der russische Generalstabschef Waleri Gerassimow hatte das Wesen des hybriden Krieges bereits Ende 2013 bei einem Vortrag an der Akademie der Militärwissenschaften in Moskau beschrieben. „Im 21. Jahrhundert verwischen die Grenzen zwischen Krieg und Frieden. Kriege werden nicht mehr erklärt, und wenn sie einmal begonnen haben, verlaufen sie nach einem ungewohnten Muster“, so Gerassimow. „Die Rolle der nicht-militärischen Mittel beim Durchsetzen von politischen und strategischen Zielen ist gewachsen; in einigen Fällen ist ihre Durchschlagskraft deutlich höher als die von Waffen.“ Wenige Monate nach Gerassimows Rede besetzten Putins „grüne Männchen“ – Soldaten ohne Hoheitsabzeichen – Parlament und Regierungsgebäude in der Krim-Hauptstadt Simferopol.
Der hybride Krieg ist in Europa seit Jahren Realität. Es ist höchste Zeit, Flughäfen in Deutschland mit der modernsten Drohnenabwehr-Technologie auszustatten. Darüber hinaus muss das Kompetenz-Wirrwarr zwischen Bundespolizei, Landespolizei und Bundeswehr beseitigt, Kompetenzen müssen gebündelt werden. All dies hätte bereits lange vor dem neuesten Vorfall in Leipzig/Halle passieren müssen.