Auf den vielen Sommerfesten begegnen wir immer wieder den gleichen Leuten
Manchmal können wir uns über unsere Mitmenschen nur wundern! Da haben doch alle von den Errungenschaften des deutschen Wirtschaftswunders profitiert, das selbst unter heute ungünstigeren Voraussetzungen immer noch seine positiven Spuren hinterlassen hat: Uns geht es eigentlich ganz gut! Selbst Hinz und Kunz wohnen inzwischen im durchgestylten Ambiente, das man jederzeit in „Schöner Wohnen“ bis zum Neidischwerden veröffentlichen könnte.
Auch ganz normale Bürger wie wir speisen gern von edlem Porzellangeschirr, das – comme il faut – auf farblich abgestimmten Tischdecken platziert wird. Und verzehren von der internationalen Küche inspirierte Delikatessen, von denen unsere Altvorderen in ihren kühnsten kulinarischen Träumen nicht zu träumen wagten. Und jedermann ist fest davon überzeugt, ein perfekter Repräsentant von noblem Stil und zeitgenössischer Kultur zu sein, der die Niederungen des schlichten Alltagslebens längst hinter sich gelassen hat.
Und was machen solche äußerst stilbewussten Zeitgenossen an den Sommerwochenenden mit ihrer so kostbaren Freizeit? Sie fahren nicht etwa ins Grüne, um sich an der Natur und der vorübergehend noch intakten Umwelt zu erfreuen. Sie unternehmen auch keine kulturgeschwängerten Bildungstrips in die sehr aufwändig subventionierten Tempel der schönen Künste. Selbst prestigeträchtige Stippvisiten in die bis in die Sterne hochgelobten Gourmet-Lokale stehen derzeit nicht auf dem Wochenendprogramm.
Vielmehr verbringen diese Menschen – für uns vollkommen unverständlich, wenn nicht gar verabscheuungswürdig – ihre Wochenenden auf irgendwelchen Feld-, Wald- und Wiesenfesten, die je nach Region und Ort mal Altstadtfest, Dorffest, Marktfest, Strohhutfest, Emmes oder gerne auch mal Feuerwehr-, Ringer- und Fußballerfest heißen. Beobachtet man unvoreingenommen das dortige Treiben, drängt sich bisweilen der Verdacht auf, dass unsere lieben Mitmenschen in großen Mengen auf harten Holzbänken und an wackeligen Klapptischen unter ausgeblichenen Sonnenschirmen ihres sonst so fleißig angeeigneten Lebensstils verlustig gehen.
Sie drängen sich in brütender Hitze mühsam über gnadenlos überfüllte Festplätze, trinken aus dickwandigen Humpen laues und schlecht gezapftes Bier, atmen anscheinend begierig das muffige Gemisch aus altem Schweiß, billigen Deodorants und Holzkohlenqualm ein und muten ihrem angeblich Hechtklößchen verwöhnten Gaumen fettige, benzopyrenhaltige Schweinefleischklumpen und labberig triefende Pommes frites zu, als mache all dies das Leben erst lebenswert!
Dafür drängeln sie in langen Schlangen vor angeschmuddelten Verkaufsständen und warten darauf, dass schwitzende, küchenhygienische Laien sie aus leicht verdächtig aussehenden Kochgeräten abspeisen. Hinterher schlagen sie sich auf instabilen Papptellern mit kaum tauglichem Plastikbesteck immer wieder die gleiche Speisefolge aus maximal fünf Gerichten in den stattlichen Bauch, der hinterher recht schamlos durch das Gedränge getragen wird. Und stets sind wir aufs Neue peinlich berührt von diesem zur Schau gestellten Mangel an Lebensstil, der doch geradezu im Widerspruch zu stehen scheint zu dem ansonsten gerne an den Tag gelegten Prestige-Gehabe mit anregenden Gesprächen im Freundeskreis über Tischkultur und regelmäßige Besuche von Feinschmeckerlokalen.
Dass man auf Sommerfesten dann immer auch Leute trifft, denen man das ganze Jahr über erfolgreich aus dem Weg gegangen ist, macht das festliche Vergnügen auch nicht größer. Wir verstehen nicht, dass sich ansonsten ganz vernünftige Zeitgenossen zwischen Mai und September allwöchentlich diesen niederen Gelüsten in schäbigem Ambiente exzessiv hinzugeben vermögen und dabei anscheinend sogar noch gut gelaunt erscheinen. Manche Menschen lernen wohl einfach nicht dazu!
Und wir sind sicher, dass wir solche unverbesserlichen Typen auch am nächsten Wochenende bei unseren regelmäßigen Besuchen von Sommerfesten irgendwo wiedertreffen werden: Unser Fest-Kalender ist nämlich wieder mal rappelvoll!