1976 war das Jahr, als Punk explodierte – dank legendärer Bands wie den Sex Pistols und The Damned. Unser Autor sprach zum 50. Jubiläum mit britischen Punk-Pionieren über die Anfänge einer kulturellen Revolution, die darauf aus war, das Aufgeblasene, Steife und Pompöse in der Musik und der Gesellschaft zu vernichten.
Vor 50 Jahren wurde London von einer neuen Jugendkultur erschüttert – wild, laut, respektlos. Mittendrin: Malcolm McLaren (†2010), umtriebiger Selbstinszenierer zwischen Mode und Musik. 1974 übernahm er das Management der Proto-Punkband New York Dolls, kehrte im Mai 1975 nach London zurück – und setzte dort mit Vivienne Westwood (†2022) eine Initialzündung in Gang: Die legendäre Boutique „SEX“ wurde zum Geburtsort des radikalen Punk-Looks. Fast nebenbei nahm McLaren sich einer Band namens The Swankers an. Im Spätsommer 1975 sollten daraus die Sex Pistols werden.
Steve Jones, Gitarrist der Sex Pistols, ist heute 70 und erinnert sich noch gut an diese bewegte Zeit: „Ich, Glen (Matlock), Paul (Cook) und dieser andere Typ namens Wally (Nightingale) spielten 1974 eine Show als ,The Swankers‘, und ich spürte, dass die Singerei nichts für mich ist. Ich hatte einfach nicht das Zeug zum Frontmann. Malcolm erkannte das und meinte, ich solle lieber die Gitarre übernehmen und Wally loswerden. Und dann luden wir Leute zum Vorsingen ein. Auf diese Weise fanden wir John (Lydon). Mit ihm waren die ,Sex Pistols‘ komplett. Damals gab es so etwas wie Punk noch nicht. Der Begriff kam erst später auf. Aber John sah einzigartig aus. Er war ein Star, er hatte etwas Besonderes. Ein sehr intelligenter Typ mit einem kreativen Geist, der großartige Texte schrieb. Damals war er einfach der Beste.“ Mit seiner Ästhetik der Hässlichkeit inklusive Sicherheitsnadeln in der Wange avancierte der damals 19-jährige John Lydon alias Johnny Rotten schnell zur Ikone einer Gegenkultur. Die Songs der Sex Pistols waren Manifeste gegen Kommerz, Bürgerlichkeit und „langweilige alte Fürze“. Sie verzichteten bewusst auf jede Form von Virtuosität. Im Juli 1976 spielten sie ihre heute legendären Konzerte in der Lesser Free Trade Hall in Manchester. Unter den Zuschauern befanden sich zukünftige Mitglieder von Bands wie Joy Division, New Order, The Smiths, The Fall, Simply Red, Magazine und Buzzcocks.
Die Sex-Pistols-Debütsingle „Anarchy In The U.K.“ erschien am 26. November, und am 1. Dezember 1976 trat die lebendig gewordene Provokation in der damals sehr populären Bill-Grundy-Show live im BBC-Fernsehen auf. Und plötzlich rutschte es Steve Jones heraus: „You dirty fucker!“ Dieser spontane, an den konservativen Moderator Grundy gerichtete Spruch sollte für die Sex Pistols alles verändern. „Es war eine verrückte Sache, die einfach passiert ist“, erzählt Steve Jones dem Autor dieser Zeilen. „Ich hatte zuvor ein paar Gläser Wein getrunken, was mir wahrscheinlich ein bisschen geholfen hat. Aber Bill Grundy war wirklich ein Arsch. Vieles davon war sicher großartige Werbung für die Band, aber ich glaube, es war auch der Anfang vom Ende. Denn danach war es ein einziger Zirkus. Glen verließ die Sex Pistols und für ihn bekamen wir Sid (Vicious), der überhaupt nicht spielen konnte. Für mich war es nur eine Frage der Zeit, bis wir einfach implodieren würden. Und genau das ist später ja auch passiert.“ Rockmusik mit punkähnlichen Merkmalen gab es bereits in den späten 1960ern und frühen 1970ern von Bands wie The Velvet Underground, Iggy Pop & The Stooges, The MC5 oder The New York Dolls. Der Bassist Tony James (73) war einer dieser Pioniere. Bevor er zu Generation X stieß, gründete er im März 1975 die kurzlebige Proto-Punk-Rock-Formation The London SS, zusammen mit dem späteren The-Damned-Gitarristen Brian James (†2025) sowie Mick Jones und Terry Chimes (formierten 1976 The Clash). Gemanagt wurde diese laute und energiegeladene Band von Malcolm McLaren und Bernie Rhodes, der später für The Clash tätig war.
„Großartige Werbung und der Anfang vom Ende“
„Malcolm war unglaublich wichtig für meine Karriere, und auch sein Partner Bernie“, glaubt Tony James. „Sie haben mir die Augen geöffnet. Wenn man sich die New York Dolls und die anderen Gruppen ansieht, die wir damals so liebten, dachten wir nicht, dass diese Art von Musik jemals eine größere Bedeutung haben könnte. Bernie Rhodes gab mir eine Leseliste mit Büchern von Jean-Paul Sartre und empfahl mir die Kunst von Jasper Johns. Er meinte: ,Solange ihr nichts Originelles zu sagen habt, habt ihr überhaupt nichts zu sagen‘.“
Als Teenager verdiente Tony James sich ein bisschen Geld mit Babysitting für Neil Aspinall, Roadmanager der Beatles und Manager von Apple Records. Eines Tages saß Tony neben George Harrison auf dem Sofa. Der stille Beatle ermutigte ihn, Musik zu machen. Auch in der Nacht, in der die Episode der Bill-Grundy-Show mit den Sex Pistols gesendet wurde, war James in Aspinalls Haus. Dort gab es bereits einen Videorekorder, mit dem der Skandal aufgezeichnet wurde. „Wir fanden es wundervoll, dass die Sex Pistols respektlos umgingen mit dieser eher geradlinigen Fernsehsendung“, konstatiert Tony James.
Jubiläumsreihe zu 50 Jahre Punk
Der Bill-Grundy-Skandal sorgte dafür, dass die Untergrundbewegung Punk in die Boulevardmedien eindrang und in Großbritannien zum Staatsfeind Nummer eins erklärt wurde. Für Malcolm McLaren ein Traum, aber für die beteiligten Bands eher ein Albtraum. Denn jetzt hatten sie es mit den etablierten populistischen Medien zu tun, was sehr schwierig war für einen unerfahrenen jungen Menschen. Für den Briten John Robb markierte der Bill-Grundy-Skandal einen Wendepunkt – allerdings nicht nur im positiven Sinn.
„Anstatt diese faszinierende, vielfältige Bewegung voller ganz unterschiedlicher Bands zu sein – von denen viele eigentlich sehr subtil und künstlerisch waren –, wurde Punk plötzlich auf eine einzige Sache reduziert: Fluchen im Fernsehen“, sagt der Autor der neuen Bücher „How Punk Rock ruined my Life“ und „Punk Rock – Die ganze Geschichte“ (beide Ventil Verlag). „Bis heute glauben viele, Punk sei dumm oder Punks seien begriffsstutzig. Das geht zum großen Teil auf den Vorfall mit Bill Grundy zurück. Johnny Rotten dagegen war ein brillanter Sänger und herausragender Texter. Jedes Interview mit ihm war faszinierend: Er war witzig, intelligent und unglaublich schlagfertig – ein frecher Junge aus der Arbeiterklasse, der sich weigerte, Autoritäten zu gehorchen.“
Kein Ruhestand für die U.K. Subs
Robb zählt zu den renommiertesten englischen Musikjournalisten. Er führte das erste Interview mit Nirvana, spielte eine wichtige Rolle bei der Entdeckung der Stone Roses, prägte den Begriff „Britpop“ und veröffentlichte ein viel beachtetes Buch über Oasis. Gemeinsam mit dem Musiker und Filmemacher Mark Reeder bringt er im September die Veranstaltungsreihe „A Life without Punk“ auf die Bühne. Anlässlich des 50. Jubiläums von Punk diskutieren dort prägende Akteurinnen und Akteure aus England und Deutschland über Geschichte, Einfluss und Vermächtnis der Bewegung. Zu den Gästen zählen Musikerinnen und Musiker von Wire, Penetration, Adam & The Ants, Siouxsie & The Banshees, Hans-A-Plast und Einstürzende Neubauten. Auch die U.K. Subs um den agilen Punk-Opa Charlie Harper (82) haben für November eine umfangreiche Deutschlandtournee angekündigt, obwohl sie sich vom Herumreisen eigentlich längst verabschiedet hatten. Es sieht also nicht nach einem wirklich geruhsamen Lebensabend aus. Im Gepäck hat Harper seine Autobiografie „An Anarchy Of Demons“ (Earth Island). Sie erzählt die Geschichte eines Sängers, der Anfang 1976 zum Punk kam und seit diesem ersten Moment die Flamme am Brennen gehalten hat, ohne sich von ein bisschen Ruhm verunsichern zu lassen. Nicht zu vergessen das neue, 26-teilige CD-Boxset „The A-Z of The U.K. Subs“ (Demon Music Group) mit allen bislang erschienenen Studioalben der Band von „Another Kind of Blues“ bis „Reverse Engineering“.
Welche Aufgabe hat Punkrock heute? Charlie Harper: „Heutzutage ist alles so dumm geworden. Musik hat die Aufgabe, die Gesellschaft zu retten. Wie in den 1960er-Jahren, als es die Friedensbewegung gab.“