Der Volvo ES90 bietet ein markantes Design, kombiniert mit hoher Sicherheit und zuverlässigen Assistenzsystemen. Wäre da nur nicht der verflixte Türöffner! Der Autotest.
Du kommst hier nicht rein!“ Da steht es, dieses wunderschön designte Auto, und sperrt mich aus wie ein mürrischer Türsteher. Die elektrisch einfahrbaren Türgriffe bleiben versenkt, da hilft auch kein gutes Zureden. Und erst recht kein Rütteln. Nicht dass die Alarmanlage noch losgeht! Warum die Türen verschlossen bleiben: Der „Schlüssel“ geht nicht. Genauer gesagt: das Gerät, das man als Schlüssel benutzt, in diesem Fall ein Smartphone. Das dient beim Volvo ES90 nämlich als digitaler Türöffner. Blöd nur, wenn man vergessen hat, den Handy-Akku zu laden. Dann tut sich erst mal gar nichts.
Was fast schon wieder zum Lachen ist: Der ES90 selbst hat eine Riesenbatterie, mit der man laut Herstellerangaben fast 700 Kilometer weit kommt. Doch das nützt alles nichts, wenn man wegen einer anderen Batterie gar nicht erst losfahren kann. So startet die Testfahrt in Volvos neuer Elektro-Limousine mit einer gewissen Ernüchterung. Zum Glück ist eine Powerbank nicht weit, sodass das Handy wieder ein bisschen Strom bekommt. Allerdings stellt sich schon die Frage, ob der – sicherlich gut gemeinte – digitale Schlüssel wirklich so viel Komfort bietet, wie man sich das in Volvos Entwicklungsabteilung überlegt hat.
„Thors Hammer“ leuchtet den Weg aus
Zweifellos gelungen ist das Design des Schweden, der gar nicht mehr wirklich schwedisch ist. Volvo gehört seit 2010 zum chinesischen Geely-Konzern, genau wie Polestar und Smart. Der Ästhetik hat Volvo trotzdem die Treue gehalten: klare Linien, wuchtige Form, fast schon eckige Scheinwerfer. Wüsste man es nicht besser, könnte die Elektro-Limousine optisch auch als Benziner durchgehen. Oder wie es der frühere Bundeskanzler Konrad Adenauer auf seinen Wahlplakaten formulierte: „Keine Experimente.“
Wie bei allen Volvos leuchten vorne zwei massive LED-Scheinwerfer, genannt „Thors Hammer“. Mit dieser magischen Waffe beschützt der Wettergott die Menschen in der nordischen Mythologie. An den linken und rechten Enden der Heckscheibe wiederum ziehen sich rote Rücklichtstreifen entlang. Diese leuchten aber nur zur Begrüßung. Passend zu „Thors Hammer“ wartet der ES90 mit einer ganzen Phalanx an Sicherheitssystemen auf. Nicht nur ein Totwinkelwarner ist serienmäßig an Bord, sondern ebenso diverse Notbremsassistenten, die gegenlenken und sogar ausweichen, wenn eine Gefahr droht oder man Fußgänger oder Radfahrende zu rammen droht. Auch ein teilautonomes Fahrsystem („Pilot Assist“) inklusive Spurwechsel-Funktion spendiert Volvo dem ES90 bereits in der Grundausstattung.
Als Hundehalter freue ich mich besonders darüber, dass es etwas Ähnliches wie den „Dog Mode“ bei Tesla gibt: Will man das Auto auf Raststätten kurz verlassen, um sich etwas zu essen zu holen, bleibt die Klimaanlage auf Wunsch aktiv. Ein Innenraum-Alarmsystem erkennt sogar Atemgeräusche und verhindert, dass Kinder oder Haustiere im Fahrzeug zurückgelassen werden.
Nun aber zum Innenraum – wow! Hier sieht man sofort, warum der ES90 es mit Konkurrenten wie dem Mercedes EQE oder dem VW ID.7 aufnehmen möchte – und kann. Alles wirkt sehr hochwertig verarbeitet, schlicht und durchdacht. Vor allem entdecke ich nirgendwo nervigen Klavierlack, der Staub und Fingerabdrücke magisch anzieht. Was leider auch fehlt, sind jegliche Knöpfe. Selbst auf dem Lenkrad befinden sich glatte Touchfelder, welche die Bedienung eher erschweren als erleichtern. Selbst Grundfunktionen wie das Einstellen der Seitenspiegel muss man über den zentralen Touchscreen vornehmen. Das Handschuhfach hat nicht einmal mehr einen Griff! Das einzige haptisch bedienbare Element, das es noch gibt, ist eine Drehwalze unter jenem großen Bildschirm. Mit ihr regelt man die Lautstärke.
Panoramadach ist serienmäßig dabei
Ansonsten findet man im Innenraum all das, was man in einem Auto dieser Klasse erwartet: weich gepolsterte Armlehnen, unterschäumte Oberflächen, beleuchtete Holzelemente, Becherhalter und induktive Ladeflächen für Smartphones – wichtig für den digitalen Schlüssel. Ein Panorama-Glasdach gehört ebenfalls zur Serienausstattung – in meinem Testfahrzeug, das die teuerste Ausstattungsvariante „Ultra“ hat, lässt sich dieses sogar in eine Milchglasfläche verwandeln. Dadurch wird die Sonneneinstrahlung deutlich stärker geblockt als beim durchsichtigen Glas. Dass dies tatsächlich funktioniert, zeigt sich während meiner Testfahrt bei 35 Grad Außentemperatur. Ich habe zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass mir die Sonne den Kopf grillt. Dank Klimaanlage bleibt auch der Innenraum angenehm kühl.
Die eigentliche Stärke des ES90 zeigt sich aber erst beim Losfahren: Er ist so gut gedämmt, dass das Rauschen der Straße fast vollkommen draußen bleibt. Natürlich hört man einen 60-Tonner noch vorbeirauschen – aber deutlich leiser, als das bei vielen anderen Fahrzeugen der Fall ist. Gerade auf langen Strecken kann so etwas den Unterschied zwischen Entspannung und Erschöpfung ausmachen. Gleiches gilt für das adaptive Luftfahrwerk (ab Ausstattungsvariante „Plus“), das Unebenheiten sauber ausgleicht. Andererseits: Als ich die Federung im Menü von weich auf hart umstelle, merke ich keinen wirklichen Unterschied. Vielleicht fehlt mir aber auch nur das nötige Feingefühl.
Beim Navi setzt Volvo auf Google Maps. An sich bietet das System gute Features, indem es auf langen Strecken automatisch Ladestopps einplant und den prognostizierten Batteriestand am Ziel anzeigt. Im Detail funktioniert all das aber noch nicht perfekt. So lassen sich zwar einzelne Stromanbieter auswählen, damit man unterwegs möglichst günstig laden kann. Als ich EnBW antippe, plant er die Route trotzdem mit diversen anderen Anbietern – obwohl EnBW ausreichend Ladestationen entlang der Strecke hat.
Auch sonst leistet sich das Navi den einen oder anderen Aussetzer. Während meiner zweiwöchigen Testphase verortet es das GPS-Signal mehrfach falsch, sodass es mich auf der Nachbarstraße wähnt. Einmal ist eine Navigation auch gar nicht möglich – kein Empfang. Ähnliche Probleme zeigten sich auch während meiner Testfahrt im Polestar 3, der technisch eng mit dem Volvo ES90 verwandt ist.
Bequeme Limousine für entspanntes Reisen
Auf der Autobahn beweist die Elektro-Limousine dann noch einmal, warum sie für lange Strecken gemacht ist. Der „Pilot Assist“ erweist sich als äußerst zuverlässig: Gangwahlhebel nach unten drücken, schon aktiviert sich das System und hält automatisch Geschwindigkeit, Fahrspur und Abstand zum vorherigen Fahrzeug. Sogar die Spur wechselt es auf Wunsch automatisch: Blinker setzen, grüne Anzeige abwarten, mit einem leichten Lenken bestätigen. Dann geschieht alles wie von selbst. Anfangs finde ich die Vorstellung noch gruselig. Als ich jedoch merke, wie souverän der Volvo überholt, werde ich entspannter. Anders als manch ungeduldige Menschen zieht er nicht noch schnell raus, wenn sich von hinten ein Fahrzeug nähert. Sehr umsichtig, dieser „Pilot Assist“!
Die versprochene Reichweite erreicht er, wie üblich bei Elektroautos, nicht ganz. 450 Kilometer bei flotter Autobahnfahrt sind aber immer noch mehr als ausreichend – ich lege schon deutlich früher eine Pause ein. Was den Wert angeht, schneidet der ES90 damit etwas besser ab als der VW ID.7. Und etwas schlechter als der Mercedes EQE. Dafür hängt er die Konkurrenz am Schnelllader ab: 24 Minuten von zwölf auf 80 Prozent. Andererseits: Kommt es bei einem Tagestrip wirklich darauf an, ob ein Auto 24 Minuten braucht oder eine halbe Stunde?
Der Preis des Volvo ES90 startet bei 71.490 Euro. In dieser Variante ist im Grunde alles enthalten, was man für eine entspannte Fahrt braucht. Wer ein Head-up-Display, ein automatisches Einparksystem oder belüftete Sitze möchte, muss mehr bezahlen. Sowohl bei VW als auch bei Mercedes liegen die Einstiegspreise darunter, bei VW sogar deutlich.
Mir persönlich gefällt der ES90 richtig gut. Die Schwächen beim Navi und bei der Türöffnung sind real, aber letztlich ist das Jammern auf hohem Niveau. Was für mich zählt, ist der außerordentlich hohe Reisekomfort – selbst nach 600 Kilometern steige ich entspannt aus.