Zwischen klassischer Trattoria und Fine Dining verbindet das „Ponte 2.0“ herzliche Gastfreundschaft mit einer aromatischen Küche, die tief in den Traditionen Italiens verwurzelt ist.
Lammkeule mit Auberginenkaviar und Aprikosensenf - Foto: Emmanuele Contini
Ich lese gerne Speisekarten. Es soll ja Menschen geben, die das stresst, allein schon, weil sie am Ende eine Entscheidung treffen müssen. Bei mir lösen Speisekarten oft Gefühle aus. Leisen Ärger, wenn sich Fehler häufen. Verwunderung bei manchen Preisen. Meistens aber Neugier, Appetit – und hin und wieder eine kleine Reise im Kopf. Im „Ponte 2.0“ passiert noch etwas anderes: Plötzlich höre ich Musik. Die Namen auf der Karte haben Klang, Rhythmus und Gefühl – ein wenig Verdi schwingt mit.
Gnocco fritto all’Emiliana – das klingt nach einem fröhlichen Auftritt des Opernchors, melodisch und mit ordentlich Schwung. Conchiglie alla Norma? Wie ein sehnsuchtsvolles Duett, weich, melodisch, ein bisschen schwelgerisch. Und spätestens bei Quaglia ripiena alla diavola übernimmt die leidenschaftliche Arie. Italiener und alle, die die Sprache beherrschen, werden vielleicht den Kopf schütteln. Sie wissen schließlich, dass sich hinter den schönen Klängen eine Vorspeise, ein Pasta-Gericht und eine gefüllte Wachtel verbergen. Ich dagegen gebe mich der Melodiefantasie hin. Dann stellt sich mein liebstes Gefühl beim Lesen von Speisekarten ein: Vorfreude.
Der Kunst des süßen Nichtstuns fröhnen
Die ersten Vorboten davon spüre ich schon kurz nach der Ankunft. Das „Ponte 2.0“ liegt in der Regensburger Straße, nur ein paar Schritte vom Viktoria-Luise-Platz entfernt. Schöneberg zeigt sich hier von seiner besonders schönen Seite. Der Ku’damm ist nicht weit weg und fühlt sich trotzdem erstaunlich fern an. Vor allem im kleinen Gastgarten. Hohe Hecken schirmen ihn ab, durch die offenen Glasfronten fällt der Blick in den Gastraum und auf die Bar. Drinnen stilvoll eingedeckte Tische, bequeme Ledergarnituren, dunkle Holzvertäfelungen. Das Restaurant bezeichnet sich selbst als „Salotto“, italienisch für „Wohnzimmer“.
Valérie von Arx ist die Nachfolgerin von Valter Mazza, dem vor zwei Jahren verstorbenen Patron des legendären Ristorante „Ponte“, das sie nun in der 2.0-Version führt. An ihrer Seite: Küchenchef Bruno Palmieri und ein Team, das sich mit großer Herzlichkeit um das Wohl der Gäste kümmert. Nicht aufgesetzt, sondern aufmerksam und persönlich. Valérie ist präsent, begrüßt, empfiehlt, fragt nach, ihr Lächeln strahlt Freude aus. Viele Stammgäste kennt sie seit Jahren. Hinter der Bar regiert Luis, ebenfalls mit Charme und sichtbarer Freude daran, etwas Passendes ins Glas zu bringen. Auch an diesem warmen Sommerabend. Alkohol zum Auftakt? Lieber nicht. Luis empfiehlt Crodino, den italienischen alkoholfreien Aperitifklassiker mit herb-bitterer Orangennote. Ein Aperitif, der in der Abendsonne glitzert, ganz ohne Promille, aber mit viel Geschmack. Ich lehne mich zurück. Für einen Moment passiert nichts – und genau das fühlt sich gut an.
Ich bekomme eine Ahnung von „dolce far niente“, wörtlich dem süßen Nichtstun. Gemeint ist nicht Faulheit, jedenfalls fühlt es sich nicht danach an. Eher nach dem Genuss, einmal nichts zu müssen. Keine Aufgabe wartet, die Uhr darf egal sein, man sitzt einfach da, isst, trinkt, schaut und bleibt ohne schlechtes Gewissen im Augenblick. Eine ziemlich sympathische Kunst, die man viel zu selten übt. In Berlin gelingt sie nicht oft, im „Ponte 2.0“ erstaunlich schnell. Vermutlich sogar bei Regen. Dann sitzt man eben drinnen im Salotto.
Aus der Küche kommt zunächst ein kleines cremig-knuspriges Häppchen mit Ricotta. Gerade genug, um den Appetit anzustupsen. Dann empfiehlt Valérie Insalata di spinaci – Spinatsalat. Das klingt für mich zwar passend für den Sommer, aber nicht nach dem kulinarischen Erlebnis, das ich suche. Ein paar Minuten später ist das Vorurteil passé: Roher Spinat, Speck, Ei, Champignons und Parmesan machen aus dem schlichten Blattgemüse ein Gericht mit erstaunlich viel Kraft. Vor allem aber: Geschmack. Sehr viel Geschmack – Bruno Palmieri komponiert souverän. Gerichte wie Cosciotto di agnello – über Holzkohle gegrillte Lammkeule mit Auberginenkaviar und Aprikosensenf – zeigen, wie fein er Aromen aufeinander abstimmt.
Der passionierte Koch stammt aus Neapel und hat zuvor unter anderem in Sternerestaurants gearbeitet. Seine Küche trägt diese Erfahrung, ohne sie vor sich herzutragen. Hier landet kein Chichi auf dem Teller, nur um technische Kunststücke zu zeigen. Bruno Palmieri bleibt nah am Produkt und an den Gerichten seiner Heimat, arbeitet mit Feingefühl und einem sicheren Gespür für Aromen. Das wird auch bei den Spaghetti Vongole von der Tageskarte deutlich. Neapel sendet kulinarische Grüße. Über den perfekten Gargrad von Pasta lässt sich leidenschaftlich diskutieren. Wer wissen möchte, was „al dente“ tatsächlich bedeutet, bekommt im „Ponte 2.0“ eine überzeugende Antwort. Erst weich, dann dieser kleine Widerstand beim Biss. Genau richtig. Die Soße bleibt leicht, fast zurückhaltend, nur ein Hauch Knoblauch, die Muscheln erzählen leise vom Meer. Nichts ertrinkt in Öl. Alles darf nach dem schmecken, was es ist.
Zufriedene Gesichter allerorts
Und weil gutes Essen noch besser werden kann, wenn im Glas das Richtige ist, frage ich Luis nach einer Empfehlung. Er verschwindet kurz und kommt mit zwei Flaschen und zwei Gläsern zurück. Probieren lassen statt belehrt werden – sympathisch. Ein Sauvignon Blanc zeigt sich duftig und elegant, für die Muscheln fast ein bisschen zu verspielt. Der Chardonnay ist mineralischer, dazu zarte Anklänge von reifem Apfel. Treffer. Er wird mein Wein des Abends. Die Weinkarte gehört zu den Stärken des Hauses. Valérie schaut bewusst auch auf Regionen, die nicht überall die erste Geige spielen: Kampanien, Sizilien und Friaul.
Am Nebentisch kommen Fiori di zucca ripieni auf den Tisch – gefüllte Zucchiniblüten, die schon beim Hinsehen den Sommer feiern. Ich sehe zufriedene Gesichter allerorts. Ein kleiner Gastgarten in Berlin lässt italienisches Lebensgefühl erahnen, ohne Folklore, ohne Kitsch, ohne Schnulzen. Stattdessen gutes Essen, Wein, Wärme und dieses Gefühl, dass der Abend gerade wichtiger ist als alles, was morgen unbedingt erledigt werden muss.
Schon die Namen klingen nach Zugabe
eim Hauptgang bleiben wir in Kampanien. Branzino alla scapece: Wolfsbarsch, dazu frittierte und marinierte Zucchini sowie eine Kartoffelkrokette. Der Fisch ist auf den Punkt gebraten, saftig, delikat. Die Zucchini bringen Säure und Frische, die Krokette überrascht unter ihrer dünnen Knusperhülle mit cremigem Inneren. Vor allem drängt sich nichts in den Vordergrund. Nicht die Beilage, nicht das Gemüse, nicht irgendein Effekt. Alles hat seinen Platz auf dem hübschen Geschirr. Die Produkte sind hochwertig, die Aromen klar. Auch nach mehreren Gängen bleibt das Essen angenehm leicht. Somit ist noch Platz für ein Dessert.
Im „Ponte 2.0“ ist das Tiramisu für mich eine logische Konsequenz, auch wenn Panna Cotta und weitere Dolci auf der Karte stehen. Es kommt klassisch, akkurat geschnitten, mit einer wunderbar luftigen Mascarponecreme. Ein Dessert, bei dem die professionelle Beschreibung obsolet ist. Stattdessen: Lust an der Hingabe.
Inzwischen ist der Abend weit fortgeschritten, es ist dunkel geworden. Luis bleibt aufmerksam, schenkt Wasser nach und immer wieder ein freundliches Lächeln dazu. Valérie bezaubert als Gastgeberin.
In der Küche feiert Bruno Palmieri italienische Küchenkunst. Und wieder fällt mir „dolce far niente“ ein. Vielleicht braucht es dafür gar keinen freien Nachmittag am Meer oder einen perfekt inszenierten Sonnenuntergang. Vielleicht reicht ein Ort, an dem ein Essen Zeit haben darf. An dem Gastgeber ihre Gäste wirklich gern bewirten.
Trattoria? Fine Dining? Das „Ponte 2.0“ beantwortet die Frage beiläufig und baut eine Brücke zwischen beidem. Ob der Name Ponte deshalb besonders gut passt? Vielleicht. Das Restaurant schafft einen angenehm eigenen Zwischenraum. Anspruchsvoll, aber nicht steif. Elegant, ohne kühl zu werden. Genussvoll, ohne Schwere. Und sehr, sehr herzlich.
Kurz vor dem Gehen nehme ich die Getränkekarte noch einmal in die Hand. Ein letzter Blick, nur aus Interesse natürlich. Bei den Digestifs geht die Musik weiter: Amaretto Disaronno, Sambuca, Limoncello, Fernet Branca, Ramazzotti, Averna, Amaro Nonino, Grappa, Vecchia Romagna. Schon die Namen klingen nach Zugabe. Jeder wäre ein Grund, noch ein bisschen länger im Garten sitzen zu bleiben und das süße Nichtstun zu pflegen. Ob das auch mit Espresso funktioniert? Ich entscheide mich für den kleinen Koffeinkick – und tatsächlich: Da ist er wieder, dieser Dolce-far-niente-Moment.