Warum bei mir zu Hause nix dergleichen verstauben kann
Haben Sie bei den Bundesjugendspielen jemals eine Ehrenurkunde gewonnen? Und hat Sie das weitergebracht im Leben? Aber der Reihe nach.
Sportlich war ich seit jeher talentfrei. Bis heute triggern bei mir blaue Turnmatten Kindheitstrauma-Symptome, und noch immer laboriere ich an einer Weitsprungsandgruben-Phobie. Am deutlichsten zeigten sich meine sportlichen Defizite in der Turnhalle: Wollten meine Mitschüler die Wortbedeutung von „unästhetisch“ erfassen, mussten sie mir nur beim Versuch zusehen, in den Handstand zu kommen. Kein wesentlich besseres Bild gab ich beim Freiluftsport ab, siehe Bundesjugendspiele.
Bei den Leichtathletik-Bundesjugendspielen, an denen alle Kinder und Jugendlichen bis zur 10. Klasse teilnehmen müssen, heißt es Rennen, Springen, Werfen. Dann gibt’s – je nach den in den drei Sportarten erreichten Punktzahlen – eine Ehren- oder Siegerurkunde. Oder, seit 1991, für diejenigen, bei denen es für keine dieser Urkunden reicht, eine Teilnahmebescheinigung. Um’s gleich vorwegzunehmen: Bei mir zu Hause nehmen keinerlei Sporturkunden Platz in den Schubladen weg, und erst recht fangen keine Pokale Staub ein.
Einmal hätte es bei mir beinahe für eine Siegerurkunde gereicht (an eine Ehrenurkunde war im Traum nicht zu denken). Ich bin gesprintet, dass mir schwindlig wurde, hab ’nen Hüpfer bis in die Sandgrube geschafft, lag damit punktemäßig einigermaßen auf Kurs, schaffte es dann aber beim Weitwurf tatsächlich dreimal hintereinander, den Ball so zu werfen, dass er höher flog als weit. Hoch zählt nicht, nur weit. Im nächsten Jahr produzierte ich auch beim Kugelstoßen eine im Prinzip ähnliche Flugbahn. Beim Zusammenrechnen der Punkte antwortete der Lehrer auf meine Frage: „Wie jetzt, wieder keine Siegerurkunde?“ – ich zitiere wahrheitsgemäß: „Na, wenn du auch wirfst wie ein Mädchen.“ Das war natürlich hochgradig diskriminierend, vor allem für die Mädchen – von denen die meisten weiter warfen als ich.
Mich hätte es durchaus motiviert, nicht einfach Weit-, sondern Zielwurf zu machen, aber die Disziplin gibt’s bis heute nicht. Wäre das ein Spaß, wenn für den Ballwurf ein Parcours mit lebensgroßen Pappfiguren bestimmter Lehrer aufgestellt würde, am besten mit aufsteigender Punktzahl: 20 Meter: Mathelehrer, 25 Meter: Chemielehrer und 30 Meter: der Sportlehrer.
Aber um Spaß geht es nicht bei den Bundesjugendspielen – hat noch nie einer behauptet, dass das Freude bereiten soll. Außer vielleicht denen, die am Ende eine Ehrenurkunde abkriegen. Sondern da geht’s um Leistung, messbare Wettkampf-Leistung!
Und genau das wird aktuell infrage gestellt: Sollte man heutzutage immer noch Jugendliche zwingen, in einem Bundesjugendspiele-Wettkampf sportliche Leistungen zu messen? Hierzu möchte ich lediglich – ohne die Frage beantworten zu können – zwei Aspekte nennen, die mir trotz meiner frustrierenden Ergebnisse positiv in Erinnerung geblieben sind: Erstens: Ich war schon als Kind gerne an der frischen Luft und fand es letztlich angenehmer, bei den Bundesjugend-Sommerspielen die Kugel eben höher als weit zu stoßen, als stattdessen im Chemiesaal oder Matheunterricht zu sitzen. Sie sehen, es gab neben Sport weitere Fächer, in denen ich nicht recht zu glänzen vermochte.
Und zweitens sah ich früh ein, dass andere – genauer gesagt die meisten meiner Mitschüler – in der Turnhalle und auf dem Sportplatz besser sind und ich eben eine Sportniete bin. So konnte ich mich früh auf andere Dinge konzentrieren und sonst wo nach meinen Stärken suchen. „Dann werde ich eben Kolumnenschreiber“, muss ich mir damals schon unterbewusst gedacht haben. Überhaupt stelle ich mir vor, dass in vielen Redaktionen die Wände mit Bundesjugendspiele-Teilnahmebescheinigungen tapeziert sind.
Im Gedichteschreiben zum Beispiel hätte ich bestimmt besser abgeschnitten. „Du schreibst wie ein Mädchen“ hätte dann vielleicht als echtes Kompliment gegolten. Sonderbarerweise ist bisher noch keine Schulbehörde draufgekommen, Bundesjugendspiele in musischen und kreativen Fächern zu veranstalten, wenigstens einmal im Schuljahr: Basteln, Malen, Gedichte und Geschichten schreiben, Singen (Chor und Solo), Tanzen und so weiter – am besten ganz ohne Wettkampf, alle gemeinsam und einfach nur zum Spaß.