Moderne Pflege braucht den Dialog mit der Politik. Der frühere Virologe und heutige Bundestagsdrogenbeauftragte Hendrik Streeck (CDU) besuchte den Victor’s Seniorenwohnpark Quierschied. Im Mittelpunkt standen der Austausch mit der Praxis und die Zukunft des Gesundheitswesens.
Fünfundvierzig Minuten. Mehr Zeit lässt der eng getaktete Kalender von Hendrik Streeck an diesem Nachmittag nicht zu. Zwischen Terminen in Berlin, seiner Arbeit als Bundesdrogenbeauftragter und den Aufgaben als Gesundheitspolitiker führt ihn sein Weg nach Quierschied. Für viele ist Streeck bis heute vor allem der Virologe, der während der Corona-Pandemie zu den bekanntesten Wissenschaftlern Deutschlands zählte. Heute interessiert ihn ein anderes Zukunftsthema: Wie kann Versorgung in einer alternden Gesellschaft gelingen?
Die Antwort darauf sucht er nicht im Sitzungssaal, sondern auf dem Gelände der ehemaligen Knappschaftsklinik. Dort ist in den vergangenen Jahren Schritt für Schritt ein Gesundheitscampus entstanden, der Wohnen, Pflege, medizinische Versorgung und Ausbildung miteinander verbindet. Gemeinsam mit dem saarländischen Bundestagsabgeordneten Roland Theis wird Hendrik Streeck von Dr. Daniela Kirsch und Isabella Müller-Jakobs, beide Mitglieder der Geschäftsleitung der Victor’s Group, sowie dem Residenzleiter Armin Maurer und dessen Assistenten Fabrice Peter begrüßt. Nach einem kurzen Empfang übernimmt die Residenzleitung die Führung durch den Seniorenwohnpark.
Schon nach wenigen Minuten wird deutlich, dass der Begriff Seniorenwohnpark nur einen Teil der Geschichte erzählt. Im Mittelpunkt steht nicht die Pflege, sondern das Leben davor. Die 150 barrierefreien Ein- bis Drei-Zimmer-Apartments für Betreutes Wohnen werden bewusst unmöbliert übergeben. Wer hier einzieht, soll nicht in eine Einrichtung wechseln, sondern das eigene Zuhause mitbringen, mit vertrauten Möbeln, Erinnerungen und einem möglichst selbstbestimmten Alltag. Unterstützung steht dort bereit, wo sie benötigt wird: durch einen ambulanten Pflegedienst, tägliche Wohlfühlanrufe, Freizeitangebote und kurze Wege innerhalb des Hauses. Erst wenn mehr Hilfe erforderlich wird, schließt sich die stationäre Pflege mit 98 Einzelzimmern nahtlos an.
Während des Rundgangs erläutern Fabrice Peter und Armin Maurer das Konzept des Hauses. Im Mittelpunkt steht der Gedanke, Menschen möglichst lange ein eigenständiges Leben zu ermöglichen und ihnen zugleich die Sicherheit zu geben, bei wachsendem Unterstützungsbedarf in ihrer vertrauten Umgebung bleiben zu können.
Doch der Seniorenwohnpark ist nur ein Baustein eines deutlich größeren Projekts. Wo früher die Knappschaftsklinik das Bild prägte, entsteht heute ein Gesundheitscampus. Bereits angesiedelt sind das Medicus Gesundheitszentrum, die Europäische Fachschule für Pflege sowie die Fachschule für Podologie. Mit dem derzeit entstehenden Medicus Center soll dieser Weg konsequent fortgesetzt werden. Geplant sind zusätzliche moderne Praxisflächen und neue Versorgungsangebote. Eine wichtige Rolle soll künftig auch die Telemedizin spielen. Digitale Sprechstunden könnten helfen, die ärztliche Versorgung insbesondere im ländlichen Raum auszubauen und Patienten unabhängig von klassischen Praxiszeiten einen schnellen Zugang zu medizinischer Beratung zu ermöglichen.
Wie eng Architektur und Konzept zusammengehören, zeigt sich zum Abschluss des Rundgangs im Restaurant des Hauses. Hohe Holzdecken, großzügige Glasfronten, warme Materialien und die weitläufige Terrasse mit Blick über das Tal vermitteln eher den Eindruck eines modernen Hotels als den einer klassischen Pflegeeinrichtung. Genau hier endet die Besichtigung. Und genau hier beginnt der Teil des Besuchs, der für Streeck als Gesundheitspolitiker mindestens ebenso wichtig ist wie der Blick auf die neue Einrichtung.
Hier, über den Dächern des Gesundheitscampus, wechselt das Thema beinahe unmerklich. Aus den Eindrücken des Rundgangs entwickelt sich eine Diskussion über die Zukunft der Pflege in Deutschland. Was braucht es, damit Einrichtungen wie diese nicht die Ausnahme bleiben, sondern zum Modell für die Versorgung von morgen werden?
„Die Pflegeversicherung war nie als Vollversicherung gemeint“
Dr. Daniela Kirsch und Isabella Müller-Jakobs lenken den Blick schnell auf die Herausforderungen des Alltags. Moderne Gebäude und durchdachte Konzepte allein reichten nicht aus, wenn die Rahmenbedingungen nicht mitwüchsen. Zwei Themen belasteten die Einrichtungen derzeit besonders. Zum einen seien es die starren Heimgesetze, die den Handlungsspielraum erheblich einschränkten. Bereits geringfügige personelle Abweichungen könnten dazu führen, dass trotz hoher Nachfrage vorübergehend keine neuen Bewohner aufgenommen werden dürften. „Das ist das, was uns im Alltag am meisten quält“, sagt Dr. Daniela Kirsch. Zum anderen bereiteten die langwierigen Anerkennungsverfahren für ausländische Pflegekräfte große Probleme. Immer wieder warteten examinierte Fachkräfte monatelang auf Urkunden oder behördliche Entscheidungen, obwohl Ausbildung und Prüfung längst abgeschlossen seien. Aus Sicht der Verantwortlichen ließen sich viele Verfahren mit pragmatischen Lösungen deutlich beschleunigen.
Wie sich Bürokratie im Alltag konkret auswirkt, schildert anschließend Residenzleiter Armin Maurer anhand eines aktuellen Beispiels. Ein junger Mann beendet Ende August sein Freiwilliges Soziales Jahr und soll wenige Wochen später die Ausbildung zur Pflegefachkraft beginnen. Die Zeit bis zum Ausbildungsstart könne die Einrichtung jedoch nicht unkompliziert überbrücken, obwohl der künftige Auszubildende in dieser Phase bereits wertvolle praktische Erfahrungen sammeln könnte. Für Maurer zeigt dieser Fall exemplarisch, wie gut gemeinte Regelungen in der Praxis häufig an ihre Grenzen stoßen.
Hendrik Streeck hört aufmerksam zu, fragt nach und ordnet die angesprochenen Themen politisch ein. Viele der geschilderten Probleme lägen nicht allein in der Verantwortung des Bundes. „Das muss die Landespolitik regeln“, sagt er mit Blick auf Fachkraftquoten und Anerkennungsverfahren. Gleichzeitig macht der Bundestagsabgeordnete deutlich, dass die Pflege insgesamt vor grundlegenden Veränderungen stehe. „Ich habe ja Pflege und Gesundheit mit verhandelt“, erklärt Streeck mit Blick auf die Koalitionsverhandlungen. Eine der größten Herausforderungen bleibe die Finanzierung. „Die Pflegeversicherung war nie als Vollversicherung gemeint, wird aber wie eine Vollversicherung behandelt.“ Deshalb müsse die Gesellschaft offen darüber diskutieren, wie Pflege künftig organisiert und finanziert werden solle.
Die Diskussion bleibt sachlich, aber offen. Es geht nicht um schnelle Lösungen, sondern um die Erkenntnis, dass der demografische Wandel neue Antworten verlangt. Der Gesundheitscampus in Quierschied liefert dafür einen möglichen Ansatz. Er verbindet Betreutes Wohnen, stationäre Pflege, medizinische Versorgung, Ausbildung und künftig auch telemedizinische Angebote an einem Ort. Kurze Wege, vernetzte Strukturen und ein möglichst selbstbestimmtes Leben im Alter stehen dabei im Mittelpunkt.
Nach rund 45 Minuten endet der Besuch. Viel Zeit war es nicht. Und doch reichte sie aus, um mehr mitzunehmen als einen Eindruck von moderner Architektur. Der Victor’s Seniorenwohnpark zeigt, dass Pflege heute weit mehr sein kann als Versorgung allein. Wo einst die Knappschaftsklinik stand, entsteht Schritt für Schritt ein Gesundheitscampus, der Wohnen, Medizin, Ausbildung und Pflege miteinander verbindet. Vielleicht liegt genau darin die wichtigste Botschaft dieses Nachmittags: Die Zukunft der Pflege entscheidet sich nicht nur in Gesetzen oder Haushaltsdebatten, sondern dort, wo neue Ideen bereits in die Praxis umgesetzt werden.