Eine sogenannte Katarakt-Operation wegen eines Grauen Stars machen zu müssen, ist für über 60-jährige Menschen ebenso nichts Ungewöhnliches wie die Notwendigkeit einer Gleitsichtbrille ab 40. Lohnt sich die OP oder muss man Angst vor ihr haben? Ein Praxisbericht.
Da mein Vater an zu spät erkannter altersbedingter Makuladegeneration (AMD) früh erblindete, bin ich regelmäßig bei einem guten Augenarzt zur Kontrolle. Bislang war noch alles in Ordnung, doch die Augenärztin meinte eines Tages: „Sie werden Grauen Star bekommen, das kann ich erkennen, allerdings ist dies noch kein Grund zur Sorge, vielleicht erst in zehn Jahren.“
Ein Jahr später konnte ich beim Fernsehen auf dem linken Auge das Arte-Logo nicht mehr erkennen, da war nur noch Matsch. Das war dann doch irritierend, auch ohne 3D-Fernseher will man auf beiden Augen scharf sehen. Mit Diabetes können die notwendigen Korrekturwerte ja leider wieder so schwanken wie in der Kindheit und öfters eine neue Brille erforderlich machen. Mist!
Da bei der Augenärztin erst zwei Monate später ein Termin frei war – sie ist wegen ihrer Qualität überlaufen –, ging ich zum Optiker. Doch nach einer Viertelstunde vergeblicher Herumprobiererei begann ich, an diesem zu zweifeln. Der Optiker erklärte mir dann, das Problem sei mit einer neuen Brille offensichtlich nicht zu beheben, da läge mehr im Argen. Doch man könne mir einen kostenpflichtigen Augentest anbieten, der dann online an einen Augenarzt weitergeleitet wird, und wenn dieser Probleme aufzeige, dürfte ich schneller einen Termin bei meiner Augenarztpraxis bekommen. Der Sehtest würde neben Bildern der Netzhaut eine Bewertung im Ampelsystem – grün, gelb, rot – zurückliefern.
Das Ergebnis: gelb, deutlich verringerte Sehfähigkeit und Fahrtauglichkeit. Und ein vorgezogener Termin bei der Augenärztin. Dort ergab sich dann, dass die avisierten zehn Jahre leider deutlich schneller vergangen waren: Ich hatte nun Dschungelcamp im Auge – „Ich bin ein Star, hol mich hier raus!“
Das war natürlich nicht, was ich hören wollte. Eine Operation am Auge, da denkt man an den Andalusischen Hund von Luis Buñuel. Kein schöner Gedanke, man ist bei der OP ja mit Schmerzmitteln betäubt, aber bei Bewusstsein.
Zudem hatte ich im Kollegenkreis einige Rückmeldungen bereits Operierter bekommen, die nicht unbedingt aufmunternd waren: Ein Kollege konnte nach der OP nach fünf Wochen immer noch nicht wieder Auto fahren. Ein anderer kann nun überhaupt nicht mehr nachts Auto fahren, weil man ihm für vierstellige Beträge Multifokallinsen eingebaut hatte. Diese ersparen einem dann zwar zukünftig die Brille komplett, erzeugen aber dafür bei ihm nachts bei entgegenkommenden Autoscheinwerfern massive konzentrische Reflexe. Zudem fehlte seiner Multifokallinse der mittlere Entfernungsbereich für die Bildschirmarbeit.
Nun war also klar, wo ich mich sicherlich nicht operieren lassen würde. Meine Augenärztin empfahl mir dann eine große Augenklinik in Augsburg, mit der sie zusammenarbeitet.
die Linse und erschwert somit das Sehen - Foto: IMAGO / Depositphotos
Dort beriet man mich im Vorfeld sehr gut. Multifokallinsen empfahl man mir erst gar nicht. Die Operation selbst zahlt die gesetzliche Krankenversicherung, auch für die bessere Zertrümmerung der getrübten Linsen mit Laser war hier kein Aufpreis fällig wie in anderen Kliniken, nur die Linsen selbst sind extra zu zahlen.
Standardlinsen würden nur 200 Euro pro Auge kosten, allerdings riet man mir zu besseren Modellen für 670 Euro mit Blaufilter. Das erschien mir zuerst gar nicht sinnvoll: Die typische Bürobeleuchtung mit Warmtonleuchtstofflampen war mir immer schon zu einschläfernd gelb-rötlich. Daraufhin korrigierte man sich: Es handelt sich nicht um Blaufilter, sondern um UV-Filter, und die seien schon sinnvoll. Eben um die Makuladegeneration zu vermeiden, die durch UV-Strahlung beschleunigt werden könne, weil die künstlichen Linsen die UV-Strahlung nicht so stark filtern wie das biologische Original und von der auch schon erste Anzeichen zu sehen seien.
Vor- und Nachteile beim Ultraschall
Auch der ganze Operationsprozess wurde genau erläutert. Er ist mikroinvasiv: Es wird nur am Rand des Auges eine kleine Öffnung angelegt, durch die erst die biologische Linse zertrümmert und abgesaugt und dann die künstliche eingeschoben wird, sodass sie sich erst im Auge entfaltet. Das Zertrümmern der biologischen Linse wird klassisch mit Ultraschall gemacht, dies hat aber den Nachteil, dass sich das Auge während der Operation erwärmt und dann nach einigen Monaten eine erneute Operation notwendig sein kann, wenn sich die Flüssigkeit im Auge durch die Hitze getrübt hat. Stattdessen Femto-Laser zu verwenden, soll dies vermeiden und zu einer schnelleren Heilung führen.
Nach einer solchen Operation hat man nicht mehr die vorherige Kurzsichtigkeit. Die neuen Linsen werden so angefertigt, dass sie diese kompensieren: Man kann dann wählen, ob man zukünftig für die Ferne oder für die Nähe auf die Brille verzichten möchte. Beides geht nicht, außer bei den erwähnten Multifokallinsen mit ihren anderen Nachteilen. Der Grund ist, dass die Kunstlinse starr ist, sich also nicht verbiegen lässt wie eine natürliche Linse, das Auge somit nicht mehr fokussieren kann. In dem Alter, in dem man grauen Star bekommt, sind allerdings auch die natürlichen Linsen steif geworden, weswegen man meistens ohnehin Gleitsichtbrillen braucht. Nach einer Katarakt-OP braucht man diese definitiv: Das Auge hat dann eine feste Brennweite – in einer Entfernung sieht man ohne Brille scharf und in allen anderen Entfernungen nicht mehr.
Da ich Zeit meines Lebens kurzsichtig war, also für die Fernsicht eine Brille gewohnt war und zum Lesen nicht, habe ich es dann auch so gewählt. Die optimale Entfernung ohne Brille, in der man scharf sieht, sind dann 40 Zentimeter. Mit einer Brille mit -2,5 Dioptrien sieht man dagegen bei Unendlich scharf. Da erst ein Auge operiert wird und das zweite 14 Tage später, sollte man sich dann auch erst eins der neuen Brillenglaser in die alte Brille einsetzen lassen und erst 14 Tage später das andere – als temporäre Lösung. Denn die endgültigen Werte können sich in den Wochen nach der OP noch leicht verändern und eine teure Gleitsichtbrille wäre dann eventuell schon wieder auszutauschen. Diese sollte man deshalb erst zwei Monate nach der OP vermessen und anfertigen lassen.
Was dabei leicht vergessen wird, ist der PC-Bildschirm. Für diese Entfernung von 60 bis 100 Zentimetern benötigt man noch eine weitere Zwischenlösung, die ich mir dann selbst berechnete mit -1,5 Dioptrien und als Fertigbrille online erwarb, da bei Fielmann weitere zehn Tage zur Anfertigung erforderlich gewesen wären. Später ist dann auch hierfür eine Bildschirm-Gleitsichtbrille sinnvoll, die bei Angestellten der Arbeitgeber zahlt.
Nun, man sieht kein Messer, tatsächlich kommt eher ein unscharfes Raumschiff mit bunten, hellen Lampen auf einen zu wie in einem schlechten Science-Fiction-Film und nach fünf Minuten ist es auch schon wieder vorbei –
mehr sieht und spürt man nicht. Die Operation erfolgt ambulant, ohne Klinikaufenthalt. Allerdings liegt man vorher bis zu 1,5 Stunden ohne Smartphone und Kontakt zu seinen Liebsten mit zehn anderen in einer Art Leichenhalle in Warteposition auf einer Liege. Das ist der unangenehmere Teil – es ist eine Fließbandabfertigung: Der Arzt operiert die vorbereiteten Patienten einen nach dem anderen und die Assistenten bereiten jeden vor. Der Lohn des Wartens ist allerdings eine optimale OP durch den darin geübten und perfekten Spezialisten. Heimfahren darf man anschließend auch öffentlich nur in Begleitung, da die Schmerzmittel zu unerwartetem Schwindel führen können.
Dazu gibt es drei Kontrollen beim Augenarzt und einige Wochen Cortisontropfen gegen Entzündungen, welche auf jeden Fall zu vermeiden sind, sowie 14 Tage nach der OP Gartenarbeits-, Heimwerk- und Bückverbot. Lesen und Fernsehen sind dagegen schon am nächsten Tag wieder möglich.
Die Sicht ist nun scharf wie lange nicht mehr: Ich erkenne Tippfehler nun auch in geteilten und dadurch verkleinerten Bildschirmen bei Videokonferenzen. Zudem ist der ewige, ermüdende Warmton-Gelbschleier weg und alles deutlich heller. Eine Sonnenbrille sollte man die Wochen nach der OP deshalb parat haben. Und wenn es so gut verläuft wie bei mir, kann man auch nach drei Tagen wieder selbst Auto fahren.
Angst? Braucht man wirklich nicht zu haben, es ist eine erprobte Operationstechnik mit sehr seltenen Komplikationen. Wenn es notwendig wird, sollte man es auch nicht vor sich herschieben, da sich die Sicht in dem Moment, wo es einem auffällt, innerhalb von Wochen so verschlechtern kann, dass es dann echte Probleme bereitet. Daran scheitert auch die Idee, sich erst nur ein Auge operieren zu lassen und das andere ein Jahr später: Damit wären alle Voruntersuchungen doppelt zu machen, und das zweite Auge folgt mit der Linsentrübung meist schneller als erwartet, sodass man dann doch nach zwei Monaten erneut antreten müsste. Da ist es dann doch sinnvoller, es gleich zusammen zu erledigen.