Die Allianz Arena hat über 75.000 Plätze – Elversberg mit seinen 7.500 Einwohnern würde hier also zehnmal reinpassen. Angst macht das den Verantwortlichen bei der SV Elversberg aber nicht – im Gegenteil, wie Sportdirektor Christian Weber im Interview verrät.
Herr Weber, wann hatten Sie in diesem Sommer zum ersten Mal den Moment: Okay, wir sind jetzt Bundesligist?
Eigentlich direkt nach dem Aufstieg. Da hat man versucht, das relativ schnell zu realisieren und die Feierlichkeiten dementsprechend gebührend zu gestalten. Greifbarer wurde es drei, vier Tage später, als man sich die Zeit genommen und geschaut hat: Mit wem müssen wir uns künftig auseinandersetzen? Wer sind die Gegner in der Bundesliga? Was wird uns erwarten? Aber ich glaube, so richtig realisieren werden wir es erst, wenn am ersten Spieltag gegen Leverkusen das Spiel an der Kaiserlinde angepfiffen wird. Dann wird klar: Wir sind angekommen und Teil davon.
Wo merkt man am deutlichsten, dass die Bundesliga noch einmal eine andere Hausnummer ist?
Für mich persönlich hat sich in der Arbeitsweise gar nicht so viel geändert. Als Sportdirektor sind es immer noch die gleichen Aufgaben: Trainingslager, Spielergespräche, viel Austausch mit dem Staff. Natürlich können wir jetzt in andere Regale greifen, was die Spielerqualität betrifft, und hantieren mit anderen Zahlen als in der 2. Liga. Der größte Unterschied liegt wahrscheinlich bei Infrastruktur und Organisation. Da bin ich allerdings nicht so stark involviert, dass es meine tägliche Arbeit entscheidend beeinflussen würde.
Schauen wir auf den Kader. Würden Sie sagen, die SVE hat inzwischen Bundesliganiveau?
Das werden wir mit unserem Auftaktprogramm relativ schnell merken. Ich glaube aber, dass wir die Vorbereitung genutzt haben, um einige gute Schritte zu machen. Wir haben viele junge Spieler verpflichtet, denen es guttut, in dieses stabile Konstrukt hineinzukommen. Man merkt, dass sie nach und nach unsere Systematik und die taktischen Abläufe adaptieren. Wir hatten außerdem hochkarätige Testspielgegner und haben uns gegen Mannschaften wie Straßburg, die international spielen, auf Augenhöhe gesehen. Deshalb haben wir ein gutes Gefühl. Ich weiß aber aus meiner eigenen Zeit in der Bundesliga, dass Pflichtspiele noch einmal etwas anderes sind – mental, vom Druck und von der Erwartungshaltung her. Viele unserer Spieler werden das am ersten Spieltag zum ersten Mal kennenlernen, weil wir nur wenige Jungs mit Bundesligaerfahrung im Kader haben. Für viele wird es eine komplett neue Erfahrung. Wir hoffen natürlich, dass gerade die jungen, talentierten Spieler mit viel Potenzial das sehr schnell adaptieren. Sie haben bislang noch nicht unter Beweis gestellt, dass sie gestandene Bundesligaspieler sein können. Aber wir sind sehr optimistisch, dass sie zeigen werden, dass sie auf diesem Niveau mithalten können.
Gerade bei den jungen Spielern: Wie viel Entwicklungszeit haben sie in einer Liga, die dir eigentlich keinen Fehler verzeiht?
Die Entwicklungszeit wird deutlich geringer ausfallen als in der 2. Liga. Die Bundesliga ist eine Top-5-Liga, in der jeder Fehler bestraft wird. Dort wird einem knallhart vor Augen geführt, wo noch Defizite oder Potenziale liegen. Unsere Aufgabe als sportliche Leitung und als Trainerteam ist es deshalb, die Entwicklung sehr schnell hinzubekommen. In der 2. Liga kann es sein, dass du einen Stellungsfehler machst und der Stürmer den Ball trotzdem über das Tor schießt. In der Bundesliga wird es anders sein. Wenn Spieler wie Harry Kane oder Patrik Schick aus 16 Metern zum Abschluss kommen, liegt der Ball im Tor. Deshalb müssen wir die Jungs schnell auf dieses Niveau bringen und ihnen vermitteln, wie die Bundesliga funktioniert. Manchmal hat man in einem Bundesligaspiel vielleicht das Gefühl: Es läuft doch, wir sind gar nicht so viel schlechter als die andere Mannschaft. Und im nächsten Moment liegst du hinten und weißt gar nicht, was passiert ist, weil Fehler so gnadenlos bestraft werden. Daraus müssen wir schnell unsere Schlüsse ziehen.
Was macht das psychologisch mit einem Spieler – und wie kann man ihn darauf vorbereiten?
Wir haben in der Vorbereitung sehr viel darüber gesprochen, was die Bundesliga für uns bedeutet und welche Herausforderungen auf uns zukommen. Mit Mike Frantz haben wir einen Co-Trainer, der sehr viele Spiele in der Bundesliga absolviert hat und versucht, seine Erfahrungen weiterzugeben. Wir arbeiten extrem viel mit Video und Daten, um die Unterschiede zur 2. Liga zu visualisieren und den Spielern vor Augen zu führen. Aber ich bin überzeugt, dass die Jungs trotzdem das eine oder andere Mal Lehrgeld bezahlen werden. Das ist ganz normal für einen Verein, der in den vergangenen fünf Jahren den Weg von der Regionalliga bis in die Bundesliga gegangen ist. Wir haben sogar noch einige Jungs dabei, die in der Regionalliga gespielt haben. Für die geht jetzt ein ganz großer Traum in Erfüllung. Wir können sie bestmöglich vorbereiten und auf unterschiedliche Situationen einstellen: Was passiert, wenn wir in Rückstand geraten? Was passiert, wenn wir in Führung gehen? Aber am Ende ist es ein „Players Game“. Die Jungs auf dem Platz müssen es selbst regeln. Gerade wenn wir in größere Stadien kommen, wird unser Einfluss von außen geringer. Dann brauchen wir Spieler, die vorangehen, die Ärmel hochkrempeln und selbstständig Entscheidungen treffen.
Wo Sie gerade die großen Vereine ansprechen: Wie groß darf der Respekt vor Vereinen wie Bayern, Dortmund und Co. sein, bevor er einen Spieler hemmt?
Der Respekt kann und sollte sehr groß sein. Diese Vereine haben eine unfassbare Tradition und in der Vergangenheit außergewöhnliche Leistungen erbracht. Deshalb sollte man ihnen und ihren Spielern mit maximalem Respekt und auch einer gewissen Demut gegenübertreten. Aber es darf keine Angst daraus werden. Uns hat in den vergangenen Jahren ausgezeichnet, dass wir unseren eigenen Weg gegangen sind. Unsere Art, Fußball zu spielen – offensiv, mutig, mit einem Ballbesitzansatz – hat uns unabhängig von der Liga ausgemacht: in der Regionalliga, in der 3. und in der 2. Liga. Wir haben es geschafft, unseren Spielstil zu konservieren. Das jetzt auch in der Bundesliga zu schaffen, ist ein immens großer Schritt. Aber wir haben uns klar auf die Fahnen geschrieben, unsere Philosophie und unsere Art, Fußball zu spielen, auch dort fortzuführen. Es wird Tage geben, an denen uns vor Augen geführt wird, dass andere Mannschaften mehr Qualität haben. Aber wir werden unsere grundsätzliche Art nicht verändern. Wir wollen weiterhin für den Fußball stehen, der die SV Elversberg in den vergangenen Jahren geprägt hat.
Die SV Elversberg ist in nahezu allen Bereichen der kleinste Bundesligist. Ist das eine Bürde oder vielleicht sogar ein Wettbewerbsvorteil?
Wir müssen aus unseren Gegebenheiten immer das Beste machen. Ein Stück weit kann es für uns ein Vorteil sein, weil wir dieses David-gegen-Goliath-Gefühl in fast jedem Spiel haben werden. Wir sind definitiv der kleinste Verein und werden wahrscheinlich den kleinsten Etat haben. Wir haben noch nie in der Bundesliga gespielt und werden deshalb immer der Underdog sein. Aber das waren wir in den vergangenen Jahren auch überwiegend in der 2. Liga und haben aus dieser Rolle heraus sehr positiv überrascht. Das wollen wir auch in diesem Jahr schaffen. Wir werden versuchen, die Underdog-Rolle bestmöglich auszunutzen und dem einen oder anderen großen Verein ein Bein zu stellen.
Sie sprechen den Etat an. Was macht die Kaderplanung unter diesen Voraussetzungen besonders?
Wir können als SV Elversberg kein durchschnittliches Bundesligagehalt zahlen, wie es wahrscheinlich 16 andere Vereine können. Wir bewegen uns in anderen finanziellen Sphären. Das ist uns aber bewusst. Wenn man beispielsweise an Mainz oder Augsburg denkt, also an vermeintlich kleinere Vereine in der Bundesliga, haben sie den Vorteil, dass sie bereits seit zehn oder 14 Jahren ununterbrochen dort spielen. Das Gefälle bei den Fernsehgeldern zwischen 1. und 2. Liga ist immens. Diese Vereine haben dadurch einen Vorsprung. Diese Gap können wir nicht innerhalb von ein, zwei oder drei Jahren schließen. Deshalb müssen wir smarte und kreative Lösungen auf dem Transfermarkt finden. Wir wollen hochpotenzielle Jungs verpflichten, die das Niveau sehr schnell adaptieren können. Gleichzeitig müssen wir über unsere Werte kommen: mannschaftliche Geschlossenheit, eine sehr klare Spielidee und ein sehr familiäres Umfeld. Darüber wollen wir auch unsere Punkte holen.
Ihr Vorgänger Ole Book ist sehr intensiv mit dem außergewöhnlichen Aufstieg der SVE verbunden. Spüren Sie Druck, in seine Fußstapfen zu treten?
Ehrlicherweise nicht. Ich empfinde es eher als Privileg. Es ist relativ unüblich, dass man als Sportdirektor zu einem neuen Verein kommt und dort ein positiv gestimmtes Umfeld und einen positiven Flow vorfindet. Normalerweise kommt man in dieser Position während einer laufenden Saison zu einem Verein, bei dem etwas nicht funktioniert oder der gerade in einem negativen Flow steckt. Ich kann auf der Arbeit von Ole Book aufbauen, die in den vergangenen Jahren zweifelsohne herausragend war. Wir haben zudem viele Parallelen darin, wie wir Fußball sehen, wie wir arbeiten und auch in der Transferphilosophie. Ich glaube, das war ein Grund, weshalb die SV Elversberg mich als seinen Nachfolger ausgewählt hat. Natürlich liegt die Latte sehr hoch. Ole hat in den vergangenen Jahren eine Vielzahl sehr guter Entscheidungen getroffen, die dazu geführt haben, dass wir jetzt in der Bundesliga spielen dürfen. Ich sehe das aber nicht als Hemmnis, sondern sehe die Vorteile, in ein bestehendes Konstrukt und bestehende Strukturen zu kommen.
Stellen wir uns vor, wir treffen uns nach dem letzten Spieltag dieser Saison wieder. Was müsste passiert sein, damit Sie mir sagen: „Das war eine erfolgreiche Saison“?
Das ist relativ einfach zu beantworten: Der Klassenerhalt steht für uns über allem. Wenn wir am Ende der Saison – sei es nach dem 34. Spieltag oder nach der Relegation – auf die Tabelle schauen und wissen, dass wir noch eine Saison Bundesliga spielen können, wäre das ein neues Highlight in der Geschichte der SV Elversberg. Wir haben in den vergangenen Jahren sehr viele Highlights erlebt, aber der Klassenerhalt wäre schon das absolute Top-Highlight. Es wäre eine außergewöhnliche Geschichte, wenn wir uns mit den Voraussetzungen, mit denen wir in diese Saison gehen, in diesem Haifischbecken Bundesliga bewähren könnten.
Der erste Schritt dahin wird jetzt erst einmal der erste Spieltag gegen Bayer Leverkusen. Was ist Ihr Tipp?
Ich bin bei Tippspielen grundsätzlich immer der Letzte und wirklich eminent schlecht im Tippen (lacht). Aber wir gehen mit einer großen Portion Demut in jedes Spiel, insbesondere gegen eine so gute Mannschaft wie Bayer Leverkusen. Gleichzeitig gehen wir mit maximaler Ambition an die Aufgabe heran.
Das bedeutet: Wir werden gegen Leverkusen antreten, um dieses Fußballspiel zu gewinnen. Das ist eine maximal ambitionierte Aufgabe, aber genau diese Ambition haben wir. Wenn ich also tippen müsste, würde ich natürlich auf einen Sieg der SV Elversberg tippen. Und so werden wir dieses Spiel auch angehen.