Große Stimmen stehen bei „La traviata“ auf der Seebühne der Bregenzer Festspiele im Fokus und in der Mediathek bereit. Das spektakuläre Bühnenbild beeindruckt mit einem zerbrochenen Spiegel, der wandelbar die Szenerie belebt.
Wer mit dem Zug vom bayerischen Lindau ins österreichische Bregenz fährt, sieht den Bodensee, die Berge und kurz vor dem Zielbahnhof auch die Seebühne. Dort steht bis Ende der Spielzeit 2027 Verdis „La traviata“ auf dem Spielplan. Was in anderen Jahren schon aus der Ferne spektakulär wirkt, erscheint diesmal zunächst schlicht: eine dreieckige Konstruktion, die sich 28 Meter aus dem Wasser erhebt. Doch das ist nur die Rückseite. Erst von der Tribüne aus zeigt sich die spektakuläre Vorderseite: ein zerbrochener Spiegel. „Wir wollten etwas schaffen, das die Seele von Violetta sichtbar macht“, erklärt Bühnenbildner Paolo Fantin. Die Spiegelscherben lassen ahnen, dass die Geschichte der Hauptfigur tragisch enden wird. Das gibt der Oper eine Schwere, die selbst über den rauschenden Festen liegt.
Der Bodensee wird zum Akteur im Drama
Der erste Akt feiert trotzdem – oder gerade deswegen? – das Leben: farbenfrohe Kostüme, unbeschwertes Wasserballett, ein Chor in Feierlaune. Die Pariser Kurtisane Violetta Valéry ist nach längerer Krankheit zurück im gesellschaftlichen Leben – und feiert das mit einem rauschenden Fest in ihrem Haus. Freunde und Bekannte aus der gehobenen Pariser Gesellschaft sind gekommen, um mit ihr zu trinken, zu tanzen und das Leben zu genießen. Unter den Gästen ist auch der junge Alfredo Germont. Er verehrt Violetta schon seit einiger Zeit und macht aus seinen Gefühlen keinen Hehl: Als sie – von den anderen nahezu unbemerkt – einen Schwächeanfall erleidet, gesteht er ihr seine Liebe. Violetta weist Alfredo zunächst zurück, erwidert später aber seine Gefühle. Ihr Glück währt nur kurz: Auf Drängen seines Vaters verlässt sie ihren Geliebten. Eifersucht, Kränkung und eine öffentliche Demütigung folgen. Als Alfredo die Wahrheit erfährt, bleibt den beiden nur noch wenig Zeit.
„La traviata“ ist eine Oper mit starken Figuren. In Bregenz spielt auch das Wasser eine Hauptrolle. Neben dem Bodensee als natürlicher Kulisse verbindet ein 1.400 Quadratmeter großes Bassin Bühne und Tribüne. Immer wieder waten die Figuren durch das etwa 30 Zentimeter tiefe Wasser. Es stammt aus nächster Nähe: Das Becken wird mit Bodenseewasser gespeist, das regelmäßig ausgetauscht wird. Zurück in den See gelangt nur gefiltertes Wasser. In der Inszenierung ist der Pool zugleich Bad der Gefühle und Bild für ein Schicksal, dem Violetta nicht entkommt.
Für die zentrale Figur der Oper gab es ein reales Vorbild: Marie Duplessis stammte aus ärmlichen Verhältnissen, stieg in Paris zur gefeierten Kurtisane auf und starb mit 23 Jahren an Tuberkulose. Alexandre Dumas der Jüngere nahm sie zum Vorbild für seinen Roman „Die Kameliendame“, den er später für die Bühne bearbeitete. Verdi und sein Librettist Francesco Maria Piave machten daraus die Oper. 1853, sechs Jahre nach dem Tod von Marie Duplessis, feierte „La traviata“, auf Deutsch „Die vom Weg Abgekommene“, ihre Uraufführung in Venedig. „Ein Fiasko“, notierte Verdi danach und fragte sich, ob es an ihm oder an den Sängern gelegen habe. Ein Jahr später folgte der Triumph: In überarbeiteter Fassung und mit neuer Besetzung wurde die Oper ein großer Erfolg.
Große Gefühle, großartige Stimmen
In Bregenz verlegt Regisseur Damiano Michieletto die Handlung in die glamouröse Welt der 1920er-Jahre. Ihn fasziniere diese Zeit, „weil sie von einer ungeheuren Dynamik geprägt ist“, erklärte er dazu. Auf der Bühne wird daraus Rastlosigkeit: Das Publikum erlebt eine Gesellschaft, die niemals innehält. Im starken Kontrast dazu stehen die intimen Begegnungen, die „La traviata“ zeitweise wie ein Kammerspiel wirken lassen. Gerade in den Arien und Duetten von Violetta, Alfredo und dessen Vater Giorgio Germont zeigt sich die musikalische Stärke der Oper. „Ihre größte Stärke ist ihre musikalische Direktheit. Mich fasziniert, dass die Musik die Zuhörer unmittelbar, im Moment des Hörens, so sehr berührt“, beschreibt der musikalische Leiter Kirill Karabits das Werk. Über Verdi sagt er: „Seine Melodien sind nicht nur schön, sondern sie treffen immer genau die Emotionen, die sie ausdrücken wollen. Vielleicht liegt darin das Geheimnis von ‚La traviata‘.“
Die Oper gehört zu den meistgespielten der Welt. In der 80-jährigen Geschichte der Bregenzer Festspiele wird sie erstmals auf der Seebühne aufgeführt.
Violetta durchmisst in den drei Akten einen großen Bogen: Anfangs wirkt sie selbstbewusst und freiheitsliebend, später verletzlich und erschöpft. „Auch im Vorspiel wird Violettas Krankheit und ihr bevorstehender Tod bereits vorweggenommen. In diesen wenigen Minuten ist das ganze Drama enthalten: Sehnsucht, Sinnlichkeit, Schmerz und Liebe“, erklärt Kirill Karabits. Er lädt das Publikum dazu ein, sich zu öffnen: „Wenn sich die Emotionen der Musik mit den eigenen Erfahrungen verbinden, entsteht etwas Einmaliges.“
Paolo Fantin denkt den zerbrochenen Spiegel als Momentaufnahme. In seiner Vorstellung fällt er von oben herab. „Das Bühnenbild entsteht in dem Moment, in dem er den Boden berührt, zerbricht und Risse bekommt – aber noch nicht vollständig zerstört ist“, beschreibt er sein „Konzept des fragilen Augenblicks“. Im Lauf der drei Akte verändert sich der Spiegel. Mal wird er zur Projektionsfläche für Videos, die Violettas Erinnerungen zeigen, mal wächst aus seiner Mitte eine riesige Kugel, die von der Bühnentechnik nahezu unsichtbar geführt zu Boden gleitet. Sechs Meter misst sie im Durchmesser und steht für Krankheit, Tod und Vergänglichkeit. Wie sie langsam nach unten schwebt, gehört zu den poetischsten Bildern des Abends. Bald darauf findet Violetta auf einer kleinen Plattform im Bassin ihr Ende.
Währenddessen geschieht auf der Seebühne etwas völlig Gegensätzliches: Überall beginnen Blumen zu wachsen. Insgesamt 277 Sträuße tauchen auf dem Spiegelboden und im Wasserbecken auf. Was wie ein kleines Bühnenwunder wirkt, steckt voller Technik: Vor ihrem Auftritt warten die Kunstblumen unsichtbar in Röhren, die mit Klappen verschlossen sind. Im richtigen Moment schiebt ein pneumatisch angetriebenes System die Sträuße nach oben. Für das Publikum sieht es aus, als würden die Blumen direkt aus dem Boden sprießen – ein starkes Bild für die Liebe, die Violettas Tod überdauert.
Gesellschaftliche Doppelmoral
Marjukka Tepponen trägt die Premiere als Violetta mit vokaler Kraft und starker Bühnenpräsenz. Auch in den großen Bildern bleibt ihre Figur nah. Julien Behr zeichnet Alfredo als leidenschaftlichen, impulsiven Liebenden, Vladimir Stoyanov verleiht Giorgio Germont das richtige Maß an Autorität. Alle drei überzeugen, ebenso die Wiener Symphoniker: Sie spielen mit Lust an der Melodie und in gewohnter Präzision. Musikalisch überzeugt diese „La traviata“ auf allen Ebenen: große Oper, große Stimmen, große Emotionen. Szenenapplaus gibt es nach dem berühmten Trinklied „Libiamo ne’ lieti calici“ („Lasst uns aus den frohen Kelchen trinken“) und nach Violettas trauriger Abschiedsarie „Addio del passato“ („Lebt wohl, ihr schönen Träume der Vergangenheit“). Auch „Sempre libera“ („Immer frei“) begeistert. Die Arie erzählt hinreißend von Violettas innerem Kampf zwischen der Hoffnung auf Liebe und ihrem ungebundenen Leben voller Vergnügungen.
Der zerbrochene Spiegel öffnet sich im Laufe der Aufführung an manchen Stellen und schafft kleine Räume für intime Szenen. Auf der weitläufigen Bühne erreichen sie das Publikum nicht immer mit derselben Kraft. Gerade hier zeigt sich jedoch, dass die Inszenierung das Spektakel nicht zum Selbstzweck macht. Vor den gigantischen Spiegelscherben bleiben sogar die rauschenden Feste klein. Vielmehr berührt die Geschichte einer Frau, die liebt, hofft, verzichtet und am Ende an gesellschaftlicher Doppelmoral zerbricht. „Violettas Schicksal erinnert uns daran, dass das Leben ein Geschenk ist – und dass wir es nicht verschwenden sollen“, lautet die Botschaft, die der Regisseur dem Publikum mit nach Hause gibt – zusammen mit der Erinnerung an einen eindrucksvollen Opernabend auf der Bregenzer Seebühne.