In seine achte Bundesliga-Saison geht der 1. FC Union Berlin mit einem Paradigmenwechsel. Schneller, attraktiver, jünger – so wollen die Eisernen auftreten. Am Ziel Klassenerhalt hat sich aber nichts geändert.
Dirk Zingler mag es nicht besonders aufregend – zumindest nicht dann, wenn es um seinen 1. FC Union Berlin geht. „Ich bin froh, wenn es langweilig ist“, sagte der Präsident, der den Club seit 22 Jahren führt. Wenn es keine großen Schlagzeilen gibt, bedeutet das eben auch, dass die Eisernen in ruhigen Fahrwassern unterwegs sind. Und sollte das auch in dieser Saison so sein, wäre Zingler absolut zufrieden. Angesprochen auf die sportlichen Ambitionen für die Spielzeit 2026/27 antwortete er daher auch ohne den großen Knall-Effekt: „Wir sind zufrieden mit dem, was wir derzeit leisten können. Und das heißt wahrscheinlich auch: zehn Spiele gewinnen, 14 verlieren, zehn Unentschieden. Ist langweilig – uns macht es glücklich.“ Mittelmaß wäre für Union auch in der achten Bundesliga-Saison etwas ganz Besonderes, wie Zingler immer wieder betont. Andere Clubs seien den Eisernen immer noch weit voraus, die Rückstände in Sachen Infrastruktur gehe Union aber an. Die geplante Stadionerweiterung auf rund 35.000 Zuschauer werde künftig 30 bis 60 Millionen Euro pro Jahr mehr einbringen, rechnete Zingler vor. Die angestrebten verbesserten Bedingungen im Profileistungs- und Nachwuchszentrum werden mehr Topspieler anlocken. „Wir sind Stück für Stück dabei, andere Strukturen zu schaffen“, sagte Zingler.
Doch bis all die ambitionierten Projekte umgesetzt sind, müssen die Berliner weiter mit dem arbeiten, was ihnen zur Verfügung steht. Und das bedeutet: Außenseiter-Kampf. Auch gegen Mittelklasse-Clubs wie Werder Bremen, Borussia Mönchengladbach, Hamburger SV und 1. FC Köln. „Ich habe mein halbes Leben als Unioner davon geträumt, in Wettbewerb mit diesen Vereinen zu stehen“, sagte Zingler. Er betont dies auch, weil er die Erwartungshaltung im Umfeld des Vereins mitunter für übertrieben hält. „Ich weiß immer nicht, woher die Ansprüche kommen, nach dem Motto: Union sollte nichts mit dem Abstieg zu tun haben“, sagte er: „Da kann ich nur mit dem Kopf schütteln.“ Die Endplatzierungen der vergangenen drei Spielzeiten geben ihm Recht: Rang 15, 13 und zuletzt 11 – allerdings war die Punkteausbeute nie besser als 40 Zähler. Allen ist klar, dass mit dem Ligastart an diesem Samstag (15.30 Uhr) im Heimspiel gegen Eintracht Frankfurt erneut nur ein Ziel auf der Agenda steht: Klassenerhalt.
Dafür soll der neue Cheftrainer Mauro Lustrinelli sorgen. Der Schweizer hatte den FC Thun in der Vorsaison sensationell zum Schweizer Meistertitel geführt, jetzt heißt es für ihn erst mal Abstiegskampf. Das vertikale Offensivfußball und hohe Pressing, das er in der Schweiz spielen ließ, soll er aber dennoch möglichst auch beim 1. FC Union Berlin implizieren. Denn die Eisernen wollen in dieser Saison nicht nur den Ligaverbleib sichern, sondern auch attraktiver spielen. „Die Entscheidung, vom Fußball der vergangenen Jahre wegzugehen, ist eine riskante Entscheidung gewesen. Sie birgt mehr Risiken als Chancen. Am Anfang auf alle Fälle“, sagte Zingler. Auf Sicht gesehen erhoffe man sich mit diesem Wechsel des Spielstils aber mehr Erfolg. „Das ist ein Prozess, der findet im gesamten Club statt“, verriet Zingler. Dass so etwas nicht von heute auf morgen problemlos umgesetzt werden kann, weiß der Club-Boss: „Wir sind dann nicht überrascht, wenn es am Anfang ein bisschen holprig wird. Da müssen wir alle auch die Nerven behalten.“
„Ich möchte weiter bei Union bleiben“
Holprig waren die Vorbereitung und auch der Saisoneinstieg. In der ersten DFB-Pokalrunde tat sich der Bundesligist gegen den Zweitligisten Eintracht Braunschweig lange sehr schwer. Nach einem zweimaligen Rückstand stand am Ende ein 4:2-Auswärtssieg, aber auch die Erkenntnis: Auf Lustrinelli und sein Team wartet noch viel Arbeit. „Mit unseren Wechseln konnten wir in der zweiten Halbzeit viel Erfahrung auf den Platz bringen und hatten dann eine bessere Organisation“, sagte der neue Coach: „Ich denke, dass es zum Schluss ein verdienter Sieg ist.“ Mittelfeldspieler Rani Khedira fand lobende Worte, wie das Team mit den Rückschlägen im Spiel umgegangen ist. Der tunesische WM-Starter mahnte aber auch: „Es gibt noch einige Themen, an denen wir weiterhin arbeiten müssen.“ Lustrinelli hat nichts anderes erwartet. „Wir befinden uns in einem Prozess“, sagte er. „Wir sehen jeden Tag auf dem Platz, dass die Mannschaft wachsen will und dazu auch fähig ist.“ Was ihm Hoffnung macht ist, dass die Spieler mitziehen und aktiv am Veränderungsprozess teilnehmen würden: „Wir machen täglich einen kleinen Schritt nach vorn. Dieser Teamgeist gefällt mir sehr.“
Zu sehen war dies auch in Braunschweig, als ausgerechnet der eigentlich fast schon aussortierte Marin Ljubicic zum Matchwinner wurde. Der eingewechselte Angreifer sorgte mit zwei späten Treffern fürs Weiterkommen – und sammelte kräftig Argumente für einen Verbleib in Berlin. „Jetzt will ich einfach nur nach vorne schauen und zeigen, dass ich der Mannschaft helfen kann. Ich möchte auch weiter bei Union bleiben“, sagte Ljubicic, der in der Rückrunde der Vorsaison eine höchst unglückliche Leihe zu Zweitliga-Absteiger Fortuna Düsseldorf erlebte. Als er in diesem Sommer wieder bei Union zum Trainingsstart erschien, war er einer der Verkaufskandidaten. Doch der Kroate will sich hier durchbeißen und endlich die Erwartungen erfüllen, die mit seiner Verpflichtung vor zwei Jahren einhergegangen waren. „Speziell das letzte Jahr war nicht einfach für mich. Erst habe ich lange nicht gespielt bei Union, dann habe ich mich in Düsseldorf auch noch verletzt“, sagte er: „Jetzt will ich einfach nur nach vorne schauen und zeigen, dass ich der Mannschaft helfen kann.“
Das soll künftig auch Michel Aebischer. Der Schweizer Nationalspieler feierte in der zweiten Hälfte gegen Braunschweig sein Union-Debüt, nachdem er ein paar Tage zuvor verpflichtet worden war. „Mit seiner Art Fußball zu spielen, verleiht er einer Mannschaft Balance und Stabilität, gleichzeitig verfügt er aber auch über die Qualität, selbst Akzente nach vorne zu setzen“, sagte Sport-Geschäftsführer Horst Heldt über den Mittelfeldspieler. Trainer Lustrinelli schätzt die Erfahrung und Flexibilität von Aebischer: „Er kann im Mittelfeld praktisch überall spielen. Er ist ein sehr intelligenter Spieler.“ Seine Lieblingsposition ist aber die im defensiven Zentrum, hier dürfte Aebischer den Druck auf den bislang gesetzten Khedira erhöhen. Der zweite Platz in der Doppel-Sechs dürfte für Aljoscha Kemlein reserviert sein, der 22-Jährige soll als absolute Führungsfigur aufgebaut werden. Und als Sinnbild für den neuen Weg des 1. FC Union Berlin.
„Ich glaube, dass wir eine Etappe beenden. Die Spieler, die unsere erfolgreiche Ära geprägt haben, werden älter, ihre Leistungskurve geht nach unten“, veranschaulichte Zingler. Der langjährige Weg des Clubs, meist gestandene Spieler zu holen und diese einen pragmatischen Fußball spielen zu lassen, habe lange den nötigen Erfolg gebracht. Doch jetzt sei ein Paradigmenwechsel nötig, so Zingler. Der neue Coach müsse nicht nur attraktiver spielen lassen, sondern auch den Mut haben, verstärkt auf die Jugend zu setzen. In seinen ersten Wochen im Traineramt erfülle Lustrinelli all die Forderungen, schwärmte Zingler. „Toll, kann ich nur sagen. So, wie wir uns das gewünscht haben.“ Doch der Club-Chef weiß: „Aber am Ende muss das Spiel gewonnen werden.“