Drittligist 1. FC Saarbrücken zwingt den Zweitligisten Hertha BSC Berlin in die Verlängerung und scheitert erst im Elfmeterschießen. Trotz des Ausscheidens überwiegen beim FCS die positiven Aspekte.
Ein kleines bisschen hat am Ende gefehlt. „Wenn man gegen einen formstarken Zweitligisten gewinnen will, müssen fast alle Dinge passen“, kommentierte FCS-Trainer Argirios Giannikis nach dem Spiel treffend. Es passte eben nicht alles an diesem Spätsommertag im ausverkauften Saarbrücker Ludwigspark. Aber genug, um nach 120 Minuten gegen Hertha BSC noch immer nicht verloren zu haben – und trotz des Ausscheidens mit einem guten Gefühl aus diesem Pokalnachmittag zu gehen.
Die nüchterne Bilanz lautet: Hertha steht in der zweiten Runde, Saarbrücken ist ausgeschieden. Nach einem 1:1 nach Verlängerung setzten sich die Berliner im Elfmeterschießen mit 4:2 durch. Doch die 15.500 Zuschauer sahen ein Spiel, in dem der Unterschied zwischen einem ambitionierten Drittligisten und einem formstarken Zweitligisten sichtbar war, der FCS sich davon aber nicht brechen ließ.
Schon die Münzwürfe vor dem Elfmeterschießen liefen ungünstig. Hertha durfte vor der eigenen Fankurve antreten und zudem beginnen. „Wir waren gefühlt immer ein bisschen hinterher“, sagte Giannikis. Während die Berliner ihre vier Versuche verwandelten, scheiterten Florian Pick und Kai Brünker an Marius Gersbeck. Mladen Cvjetinovic und Calogero Rizzuto trafen für den FCS. Mit Selbstvertrauen aus zwei Siegen startete die Hertha und drückte den FCS tief in die eigene Hälfte. Co-Kapitän Christian Kühlwetter räumte ein: „Wir sind am Anfang sehr viel hinterhergelaufen, wir haben echt Mühe gehabt, in dieses Spiel zu kommen.“ Nach einer guten halben Stunde hätte die Partie bereits entschieden sein können. Die Berliner erspielten sich mehrere hochkarätige Möglichkeiten und ließen Saarbrücken kaum zur Entfaltung kommen.
Hertha startete extrem dominant
Dass es zur Pause noch 0:0 stand, lag an Glück, leidenschaftlicher Abwehrarbeit und einem starken Kevin Broll. Der Routinier erhielt überraschend den Vorzug vor Matteo Bignetti. Giannikis entschied sich kurzfristig für die größere Erfahrung. Broll rechtfertigte das Vertrauen. „Es war heute nicht alles gut, aber natürlich auch nicht alles schlecht, wenn man gegen einen Zweitligisten am Ende 1:1 spielt. Wir haben in der ersten Halbzeit echt Probleme gehabt, und manchmal musste ich die Mannschaft im Spiel halten. Dafür ist ein Torwart aber auch da.“
Offensiv blieb Saarbrücken zunächst kaum Luft zum Atmen. Nach dem Wechsel änderte sich daran wenig. „Es gab Phasen im Spiel, da hatten wir gefühlt drei Prozent Ballbesitz“, sagte Philip Fahrner.
Die Führung der Gäste war deshalb folgerichtig – auch wenn es dafür einen außergewöhnlichen Treffer brauchte. Paul Seguin nahm aus großer Distanz Maß und jagte den Ball unhaltbar ins Tor. Ein Sonntagsschuss an einem Samstag. Hertha-Trainer Stefan Leitl sah einen überzeugten und überzeugenden Auftritt seiner Mannschaft. Einen Vorwurf musste er seiner Elf dennoch machen: Sie entschied das Spiel nicht frühzeitig. „Der Gegner hat sich mit allem gewehrt, was ihm zur Verfügung stand, aber wir müssen uns schon vorwerfen lassen, dass wir das Spiel nicht frühzeitig für uns entschieden haben.“
Solange das zweite Berliner Tor nicht fiel, blieb der Ludwigspark im Spiel. In der Schlussphase warf der FCS mehr nach vorne – und wurde belohnt. In der Nachspielzeit wurde ein Eckball zunächst aus dem Strafraum geklärt. Dort nahm Fahrner aus rund 20 Metern Maß. Sein Schuss fand vorbei an Freund und Feind den Weg zum Ausgleich.
Ausgerechnet Fahrner. Der 23-Jährige hat sich unter Giannikis zu einem Leistungsträger entwickelt und erzielte nun sein erstes Tor im Profifußball. „Das ist natürlich ein besonderes Gefühl, gerade vor den eigenen Fans das erste Tor zu schießen. Das wird mir trotz der Niederlage ewig in Erinnerung bleiben“, sagte er. Über den Trainer ergänzte er: „Es ist kein Geheimnis, dass wir ein gutes Verhältnis haben. Er hat mir sehr viel Vertrauen geschenkt und ich will ihm das zurückzahlen.“
Plötzlich waren Publikum und Momentum auf Saarbrücker Seite. In der Verlängerung entwickelte sich eine offenere Begegnung, ohne dass eine der beiden Mannschaften die Entscheidung erzwingen konnte. So musste das Elfmeterschießen entscheiden – und dort fehlte jene letzte Portion Glück, von der Giannikis später sprach.
Elfmeter-Komplex beim FCS?
Dass ausgerechnet Pick und Brünker vom Punkt scheiterten, hinterließ einen faden Beigeschmack. Schon in der Vorbereitung hatte der FCS bei Elfmetern Probleme. Der Trainer wollte daraus jedoch kein größeres Thema machen. „Ich möchte da jetzt keine Wissenschaft draus machen. Normalerweise sind es sichere Schützen. Ich mache da niemandem einen Vorwurf. Sie haben die Verantwortung übernommen, und heute hat es eben nicht funktioniert.“
Dass die Überraschung insgesamt ausblieb, nur am Elfmeterschießen festzumachen, wäre ohnehin zu einfach. Damit der FCS einen Gegner dieser Qualität hätte ausschalten können, hätten mehr Akteure an ihre persönliche Leistungsgrenze kommen müssen. Genau das gelang diesmal nicht allen. Ausgerechnet die Routiniers Christian Kühlwetter und Florian Pick erwischten eher einen gebrauchten Tag, während Talent Alexander Staff in einem Spiel auf diesem Niveau Lehrgeld zahlte. Giannikis nahm seine Spieler allerdings ausdrücklich in Schutz: „Man muss fairerweise dazu sagen, dass die Hertha uns auch extrem gut verteidigt hat und wenig angeboten hat.“ Der Zweitligist zwang Saarbrücken mit seiner Qualität und Intensität immer wieder zu Fehlern und verhinderte, dass die offensiven Schlüsselspieler des FCS entscheidenden Einfluss nehmen konnten.
Umso bemerkenswerter war die Leistung eines Akteurs, der vor wenigen Wochen sportlich eigentlich schon auf dem Abstellgleis gestanden hatte. Abdoulaye Kamara sollte den Verein im Sommer ursprünglich verlassen und war in der Vorbereitung überwiegend als Notlösung in der Innenverteidigung eingesetzt worden. Gegen Hertha überraschte Giannikis nun mit einer anderen Rolle: Kamara wurde im zentralen Mittelfeld eingewechselt – und machte dort eine sehr gute Partie. „Er hat sehr gut trainiert, und wir wissen, dass er sehr ballsicher ist. Deswegen hat er heute seine Zeit bekommen“, erklärte Giannikis die Personalentscheidung.
Schon am Sonntag geht es um 13.30 Uhr im Ludwigspark gegen Hansa Rostock weiter. Nach zwei Siegen aus den ersten beiden Ligaspielen wartet das nächste Topspiel. „Wir sind gut gestartet mit zwei Siegen und können aus diesem Pokalspiel das Gute mitnehmen“, sagte Giannikis. „Von daher gibt es jetzt keinen Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Ich bin stolz auf die Mannschaft, und das Publikum hat allen Grund, es auch zu sein.“