Vor einem Jahr kam Mohamed Ali Zoma als weitgehend unbekannter Angreifer aus Italiens dritter Liga zum 1. FC Nürnberg. Inzwischen ist der 22-Jährige bester Torschütze, Publikumsliebling und womöglich 20 Millionen Euro wert.
Mohamed Ali Zoma benötigte zum Start der neuen Saison nur ein Spiel, um die Geschichte aus seinem ersten Jahr in Nürnberg fortzuschreiben. Beim 3:0 gegen Dynamo Dresden erzielte er alle drei Treffer. Das Resultat fiel deutlicher aus, als es der Spielverlauf vermuten ließ, doch genau darin liegt die inzwischen unübersehbare Qualität des Italieners: Zoma kann eine enge Partie mit wenigen Aktionen auf die Seite seiner Mannschaft ziehen. Wo andere Angreifer mehrere Gelegenheiten brauchen, reichen ihm Geschwindigkeit, Entschlossenheit und ein sauberer Abschluss. Für Nürnberg war sein Dreierpack ein Traumstart, für die Konkurrenz die nächste Empfehlung eines Spielers, der den Markt längst auf sich aufmerksam gemacht hat.
14 Tore und fünf Vorlagen
Dass Zoma einmal mit einer Ablöseforderung von mindestens 20 Millionen Euro in Verbindung gebracht werden würde, war bei seiner Ankunft kaum abzusehen. Er stammt aus Merate in der lombardischen Provinz Lecco, besitzt ivorische Wurzeln und spielte vor seinem Wechsel nach Deutschland für UC AlbinoLeffe. In der Serie C, Italiens dritthöchster Spielklasse, gelangen dem damals 21-Jährigen in der Saison 2024/25 in 35 Partien 13 Tore und acht Vorlagen. Der 1. FC Nürnberg sah darin mehr als gute Zahlen in einer niedrigeren Liga. Er erkannte ein entwicklungsfähiges Profil und verpflichtete Zoma am 19. August 2025 für eine im Verhältnis zu seinem heutigen Wert geringe Ablöse. Der Sprung in die 2. Bundesliga gelang dennoch nicht ohne Schwierigkeiten. Zoma musste sich an ein höheres Tempo, eine andere Intensität und neue taktische Anforderungen gewöhnen. „Die ersten Spiele waren nicht einfach für mich, weil der Fußball hier ganz anders ist als in Italien“, sagte er später. Trainer Miroslav Klose begegnete den anfänglichen Problemen mit Detailarbeit. Er arbeitete mit dem Angreifer an Laufwegen, Positionierung und Abschluss. Mit wachsendem Vertrauen wurde aus dem Talent, das zunächst seinen Platz finden musste, der gefährlichste Nürnberger Offensivspieler.
Die Bilanz seines ersten Jahres war außergewöhnlich: 14 Tore und fünf Vorlagen in 29 Zweitligaspielen. Zoma war damit an 19 Treffern direkt beteiligt und wurde von den Anhängern mit deutlichem Vorsprung zum Club-Spieler der Saison 2025/26 gewählt. Die Auszeichnung beschrieb nicht nur seine Beliebtheit, sondern vor allem seine sportliche Bedeutung. Als er im April verletzt fehlte, verlor die Nürnberger Offensive merklich an Durchschlagskraft. Der FCN konnte ihn nominell ersetzen, seine Mischung aus Tempo, Abschlussstärke und der Fähigkeit zu unverhofften Toren jedoch nicht.
Trotzdem wäre es zu einfach, den Club auf Zoma zu reduzieren. Das 4:2 im Frankenderby bei Greuther Fürth lieferte nach seinem Auftaktfestival den passenden Beleg. Zoma stand in der Startelf, doch Julian Justvan und Piet Scobel trafen jeweils doppelt. Schon gegen Dresden hatte Finn Ole Becker mit zwei präzisen Steckpässen großen Anteil am Erfolg. Mit Torhüter Jan Reichert und dem jungen Rafael Lubach besitzt Kloses Mannschaft weitere Spieler, die eine Partie prägen können.
Gerade deshalb ist Zoma so wertvoll. Er trägt die Offensive nicht allein, sondern gibt einer eingespielten Mannschaft eine zusätzliche Qualität, die in der engen 2. Bundesliga über mehrere Tabellenplätze entscheiden kann.
Er kann aus dem Nichts treffen, Abwehrreihen mit seinem Tempo zurückdrängen und Partien entscheiden, in denen der FCN nicht überlegen ist. Nürnberg ist mehr als nur Zoma. Mit ihm ist Nürnberg aber deutlich gefährlicher.
Das Interesse anderer Clubs ist folgerichtig. Aus Frankreich werden vor allem RC Lens und Paris FC genannt, auch Vereine aus Italien sollen den Angreifer beobachten. Zomas Vertrag läuft allerdings bis 2029. Der FCN befindet sich damit nicht in der Rolle eines Clubs, der unter Zeitdruck verkaufen muss. Als Schmerzgrenze steht eine Summe von mindestens 20 Millionen Euro im Raum. Sportvorstand Joti Chatzialexiou ließ nach dem Auftaktsieg keinen Zweifel an seiner Haltung: „Ich will gar nicht ins Grübeln kommen, ich will den Spieler halten. Die anderen wissen bestimmt auch, dass er kein günstiger Spieler ist.“
„Können nicht alles auf Zoma legen“
Im Nürnberger Geschäftsmodell wäre ein Transfer dieser Größenordnung keine Ausnahme mehr. Der Club hat mehrfach junge Spieler entwickelt und für hohe Beträge abgegeben. Stefanos Tzimas brachte 26,5 Millionen Euro ein, Can Uzun 13 Millionen, Caspar Jander zwölf Millionen und Nathaniel Brown 11,75 Millionen. Dessen späterer Wechsel zum FC Bayern sorgte über eine Weiterverkaufsbeteiligung für weitere Einnahmen. Nürnberg gibt Talenten eine Bühne und steigert ihren Wert.
Zoma ist das jüngste Beispiel dafür. Binnen zwölf Monaten wurde aus einem Spieler von AlbinoLeffe ein Angreifer, für den Nürnberg ein Vielfaches seiner Investition verlangen kann. 20 Millionen Euro wären für einen Zweitligisten enorm und könnten in mehrere Positionen und weitere Talente fließen. Die Rechnung hat aber eine sportliche Gegenseite: Geld garantiert keinen Ersatz für 14 Saisontore, fünf Vorlagen und die Fähigkeit, ein Spiel allein zu entscheiden. Je später ein Angebot einginge, desto schwerer wäre ein Nachfolger zu finden.
Anders als in früheren Jahren ist Nürnberg offenbar nicht gezwungen, dieses Risiko einzugehen. Chatzialexiou verweist auf die verbesserte finanzielle Lage: „Wir haben andere Voraussetzungen als noch vor zwei Jahren, als wir das Messer am Hals hatten und zwingend verkaufen mussten, damit das hier alles funktioniert. Durch die Gelder, die wir eingenommen haben, haben wir eine andere Ausgangslage.“ Genau darin liegt die Bedeutung der erfolgreichen Talentverkäufe. Sie sollen den Club nicht dauerhaft zum Durchlauferhitzer machen, sondern ihm irgendwann die Freiheit verschaffen, einen sportlich wichtigen Spieler auch dann zu halten, wenn mit ihm ein großer Gewinn möglich wäre.
Klose versucht derweil, die Debatte von seinem Angreifer fernzuhalten. „Wir können nicht alles auf Zoma legen. Wir wissen, welche Stärken er hat, dass er aus dem Nichts Tore machen kann. Ich bin total entspannt. Der Junge ist klar im Kopf, und er weiß, was er mit all den Fans hat“, sagte der Trainer.
Zoma selbst klingt ebenfalls nicht nach Abschied: „Ich liebe Toreschießen, ich liebe die Atmosphäre hier.“ Sein Ziel sei klar: „Natürlich – ich will noch viele Tore schießen.“
Der 1. FC Nürnberg braucht Zoma nicht, weil er ohne ihn keine Qualität besäße. Er braucht ihn, weil aus einer talentierten Mannschaft mit einem außergewöhnlichen Torjäger eine Mannschaft werden kann, die sich in der 2. Bundesliga höhere Ziele erlauben darf. Die Siege gegen Dresden und Fürth haben beide Seiten gezeigt: Einmal entschied Zoma das Spiel, einmal trugen andere die Offensive. Diese Breite ist Nürnbergs Trumpf. Sein gefährlichster Spieler bleibt dennoch der Mann aus Merate, dessen Entwicklung den Club stolz machen darf und dessen Abgang ihn sportlich empfindlich treffen würde. Die 20 Millionen Euro sind deshalb nicht nur ein Preisschild. Sie sind auch eine Botschaft: Wer Zoma aus Nürnberg holen will, muss dem FCN die Entscheidung sehr schwer machen.