Deutschland badet in guten Noten für seine Wasserqualitäten. Trotzdem wird der Sommer am Wasser gefährlicher. Bundesweit ertranken alleine im Juni 99 Menschen. Selbstüberschätzung ist oft eine Ursache für Badeunfälle.
Für ein solches Zeugnis sollte es ein Eis geben, wenn es im Sommer an den See geht: Die hygienische Qualität der offiziellen Badegewässer ist laut Umweltbundesamt (UBA) hoch. 2025 wurden 2.291 deutsche Badegewässer untersucht, mehr als 13.000 Wasserproben ausgewertet. Beachtliche 98 Prozent erfüllten die Qualitätsanforderungen der EU-Badegewässerrichtlinie, 91 Prozent erhielten die Note „ausgezeichnet“. Nur drei Badegewässer wurden für die Saison 2025 von der Europäischen Kommission mit „mangelhaft“ bewertet. Wer daraus einen Freifahrtschein für jeden unüberwachten Weiher ableitet, irrt. Von den deutschen Badegewässern im EU-Bericht lagen 361 an den Küsten von Nord- und Ostsee, 1.893 an Binnenseen und 37 an Flüssen. Aktuelle Messdaten der laufenden Saison sind für offizielle Badegewässer online bei den Bundesländern abrufbar. Denn Wasserqualität ist kein Zustand, der einen oder gar zwei Sommer lang unverändert bleibt.
2025 wurden nach UBA-Angaben in 158 Fällen Badegewässer temporär oder für die ganze Saison geschlossen. In mehr als der Hälfte der Fälle waren Cyanobakterien der Grund, besser bekannt als Blaualgen. Hinzu kamen Badeverbote nach Sturm- und Regenereignissen wegen möglicher hygienischer Mängel, Wasservögeln, Baustellen, Sanierungen oder Niedrigwasser.
Die befürchtete klare Kausalkette – offizielle Badestelle gesperrt, Menschen weichen aus, tödlicher Unfall – lässt sich mit den Antworten der angefragten DLRG-Landesverbände in Bayern, Berlin und dem Saarland nicht belegen. Aber aus den Aussagen entsteht trotzdem ein Bild geballter Risiken, wenn es um Freizeitspaß am und im Wasser geht: Die immer häufigere Hitze treibt Menschen verstärkt ans Wasser. Auch dorthin, wo es nichts kostet – außer möglicherweise Sicherheit.
Oder, wie es aus dem Viel-Seen-Land Bayern auf Nachfrage heißt: „Grundsätzlich sieht auch die DLRG Bayern mit Sorge, dass mehrere Entwicklungen gleichzeitig aufeinandertreffen: eine teilweise unzureichende Schwimmkompetenz, immer mehr Freizeitaktivitäten an natürlichen Gewässern, zunehmend heiße Wetterperioden und eine vielerorts eingeschränkte oder gefährdete Bäder-infrastruktur.“ Die aktuelle Badesaison 2026 gebe Anlass zur Sorge, heißt es, besonders mit Blick auf die im Juni Ertrunkenen.
Berlin zeigt, wie trügerisch eine gute Einstufung sein kann. Die Große Krampe ist nach mikrobiologischen Messdaten der vergangenen vier Jahre als Badegewässer mit „ausgezeichneter Qualität“ eingestuft. Gleichzeitig warnt das Landesamt für Gesundheit und Soziales, in besonderen Situationen, etwa nach Starkregen oder bei Extrem-Niedrigwasser, seien mikrobiologische Verschmutzungen nicht ausgeschlossen.
Aufhorchen lässt ein anderer Satz aus demselben Profil: „Aufgrund der Nährstoffgehalte kann es in der Badesaison durch erhöhtes Algenaufkommen zu Sichttiefen von weniger als einem Meter kommen. Die geringen Sichttiefen erschweren die Wasserrettung.“ Ausgezeichnetes Wasser kann also ein Gewässer sein, in dem Retter unter Wasser kaum sehen.
Im Saarland ist der Gegensatz schärfer. Offizielle Badegewässer sind der Bostalsee und der Losheimer Stausee, beide werden als „ausgezeichnet“ bewertet. Gleichzeitig warnt das Gesundheitsministerium vor dem Rest: „Keines der saarländischen Fließgewässer und keiner der Weiher erfüllen die hohen Anforderungen an EU-Badegewässer. Das Schwimmen in diesen Gewässern kann negative Auswirkungen auf die Gesundheit haben.“ Genannt werden „ungenügende Sichttiefe, Strömung, Schifffahrtsstraße, Infektionsgefahren“.
„In Berlin gibt es ‚wilde Gewässer‘ nicht wirklich, sehr wohl aber ‚wilde‘ Badestellen“, sagt Michael Neiße, Leiter Verbandskommunikation der DLRG Berlin. „Das sind aus unserer Sicht Badestellen, die nicht bewacht sind. Wir erkennen, dass Familien oft die günstigeren Stellen besuchen.“ Eine Zunahme der Unfälle in direktem Zusammenhang könne die DLRG Berlin nicht erkennen.
Auch die DLRG Bayern unterscheidet nicht statistisch zwischen Unfällen an bewachten und unbewachten Badestellen. Michael Förster, Pressesprecher der DLRG Bayern, blickt ein paar Jahre zurück: „In der Pandemiezeit, als alle Bäder landesweit geschlossen waren, haben die Einsatzkräfte der DLRG tatsächlich einen deutlichen Zuwachs – in der Größenordnung von einem Drittel – von Badegästen an Seen beobachtet.“ Es sei nachvollziehbar, dass Menschen insbesondere an heißen Sommertagen alternative Badeplätze aufsuchen, wenn Freibäder geschlossen oder offizielle Badestellen gesperrt sind. Je weniger sichere und bewachte Badeangebote zur Verfügung stünden, desto eher bestehe das Risiko, dass Menschen auf unbewachte Gewässer ausweichen.
Doch die Retter können selbst an den offiziellen Spots nicht immer vor Ort sein. Viele Badestellen an Seen werden im Binnenland nur an Wochenenden und Feiertagen bewacht, weil die Wasserretter ehrenamtlich arbeiten. Caroline Amann, Einsatztaucherin am Tegernsee und Mutter von zwei kleinen Kindern, beschreibt das Problem von Wasserstellen, an denen Badende auf sich selbst gestellt sind: „Aus der Einsatzpraxis der DLRG wissen wir, dass an unbewachten Gewässern häufig wertvolle Zeit bis zur Alarmierung und zum Eintreffen der Rettungskräfte vergeht.“
Konkret seien den Rettern der DLRG Bayern keine auffälligen Wanderungsbewegungen von Badegästen, etwa infolge Blaualgen oder Bäderschließungen, bekannt. Denn Umweltschäden und Bäderschließungen seien eher punktuell und die Retter erfassten die Reaktionen der Bevölkerung nicht. „Eine gesicherte Kausalität zwischen der Sperrung einzelner Badestellen und einer Zunahme tödlicher Unfälle an anderen Gewässern können wir also derzeit nicht bestätigen.“
Raphael Irsch, Leiter der Verbandskommunikation der DLRG Saar, kommt zu einer ähnlichen Grenze: „Für das Saarland liegen uns hierzu keine belastbaren wissenschaftlichen Daten vor, weshalb wir einen solchen Zusammenhang nicht eindeutig bestätigen können.“ Aus der Praxis beobachte man aber, „dass Menschen an heißen Tagen verstärkt Gewässer aufsuchen, die nicht als offizielle Badestellen ausgewiesen oder überwacht werden“.
Den Rettern hört man an, wie besorgt sie derzeit sind, wenn sie über gegenwärtige Erfahrungen mit Bade- und Ertrinkungsunfällen sprechen. Denn 99 Menschen ertranken nach Angaben der DLRG im Juni 2026 bundesweit – so viele wie in keinem Juni seit 2003. Die meisten tödlichen Unfälle ereigneten sich in Seen, 55 Fälle, und in Flüssen, 21 Fälle. Allein in Bayern kamen im Juni 21 Menschen durch Ertrinken ums Leben.
Die DLRG Bayern gibt zu bedenken: „Mehr als 90 Prozent aller in Deutschland Ertrunkenen im Juni dieses Jahres waren männlich. Alle 40 Todesopfer unter 30 Jahren waren Jungen oder junge Männer.“ Michael Neiße von der DLRG Berlin sieht bei jungen Männern einen Zusammenhang zwischen Risiko und Schwimmkompetenz: „Die Korrelation ist gegeben. Es wird aber auch bei vermeintlich guten Schwimmern das Können überschätzt beziehungsweise die Risikobereitschaft ist größer als bei Frauen. Auch missachtete Baderegeln sind Gründe für Unfälle.“ Caroline Amann hat an bayerischen Gewässern ähnliche Erfahrungen gemacht: „Neben mangelnder Schwimmfähigkeit beobachten wir vor allem Selbstüberschätzung, fehlende Ausdauer, die Unterschätzung der Gefahren natürlicher Gewässer, also Tiefe, Kälte, Strömung, und Alkohol als Risikofaktoren.“
Der DLRG-Landesverband Saar ergänzt, Schwimmen im See oder Fluss unterscheide sich „deutlich vom Schwimmen im Hallenbad“. Eine gute Schwimmausbildung sei Grundlage, ersetze aber nicht die Erfahrung im Freiwasser.
Die DLRG Bayern nennt hierzu zwei alarmierende Zahlen: 20 Prozent der Kinder zwischen sechs und zehn Jahren können nicht schwimmen, 58 Prozent der Schüler verlassen die Grundschule noch nicht als sichere Schwimmer. Aus Sicht der DLRG sollte jedes Kind spätestens am Ende der Grundschulzeit sicher schwimmen können.
Wenn Frei- und Hallenbäder fehlen, führt dies zu einem Mangel an Kompetenzen im Umgang mit Wasser als Vergnügungs-, Abkühlungs- und Aufenthaltsort. Die DLRG Berlin antwortet auf die Frage, ob Kita- und Grundschulkinder mehr Schwimmunterricht haben sollten, knapp: „Ja.“ Ob Schließungen oder eingeschränkte Betriebszeiten die eigene Arbeit behindern? Ebenfalls: „Ja, denn wir könnten mit mehr Wasserzeiten auch mehr Ausbildung anbieten.“
Die DLRG Bayern formuliert es ähnlich: „Die sogenannten Wasserzeiten für Schwimm- und Rettungsschwimmkurse sind bereits heute knapp. Die DLRG könnte mehr Schwimmkurse anbieten, wenn sie mehr dieser Wasserzeiten zur Verfügung hätte.“ Raphael Irsch von der DLRG Saar sieht die Wirkung über Jahre: Geschlossene oder eingeschränkt verfügbare Bäder erschwerten Schwimmunterricht, Vereinsarbeit und langfristig auch die Gewinnung neuer Rettungsschwimmerinnen und Rettungsschwimmer.