Mode wechselt heute schneller als je zuvor. Gleichzeitig werden viele Kleidungsstücke immer kurzlebiger. Hinter jedem neuen Look steckt ein überraschend hoher Verbrauch an Wasser und Rohstoffen.
Ein T-Shirt für den Kaffee am Morgen, ein anderes fürs Büro, am Abend vielleicht noch ein neuer Look. Mode wechselt heute nicht mehr nur mit den Jahreszeiten. Neue Schnitte, Farben und Trends erscheinen beinahe täglich. Zwischen 2000 und 2015 hat sich die weltweite Bekleidungsproduktion ungefähr verdoppelt. Rund 100 Milliarden Kleidungsstücke werden inzwischen jedes Jahr verkauft. Gleichzeitig sank die Tragehäufigkeit innerhalb von 15 Jahren um mehr als ein Drittel. Was heute als Lieblingsstück gilt, kann morgen schon vergessen sein.
Während neue Kollektionen scheinbar schwerelos durch die sozialen Medien ziehen, wächst hinter den Kulissen ein gewaltiger Berg aus Stoff. Jährlich entstehen weltweit rund 92 Millionen Tonnen Textilabfälle. Jede Sekunde landet, bildlich gesprochen, eine Lastwagenladung Kleidung auf einer Deponie oder wird verbrannt. Dabei ist selbst das schlichteste Kleidungsstück alles andere als leicht herzustellen. Es benötigt Rohstoffe, Energie, Chemikalien, Arbeitskraft und vor allem Wasser.
7.000 Liter Wasser für eine Jeans
Wie viel davon in einem T-Shirt steckt, ist dem fertigen Produkt nicht anzusehen. Für ein klassisches Baumwollshirt werden häufig rund 2.700 Liter Wasser veranschlagt. Bei einer Jeans sind es je nach Baumwolle, Herkunft und Herstellungsmethode etwa 7.000 bis 11.000 Liter. Das entspricht mehreren Dutzend gefüllten Badewannen. Das Shirt liegt dennoch trocken und sauber gefaltet im Regal, die Jeans trägt ihre Waschung mit lässiger Selbstverständlichkeit. Jedes Kleidungsstück besitzt jedoch eine unsichtbare Wasserbiografie. Sie beginnt meist lange vor dem Zuschneiden und Nähen. Baumwolle ist weich, atmungsaktiv und aus der Mode kaum wegzudenken. Gleichzeitig gehört sie zu den besonders durstigen Pflanzen. In regenreichen Regionen kann ein großer Teil ihres Wasserbedarfs durch natürliche Niederschläge gedeckt werden. In trockenen Anbaugebieten muss dagegen künstlich bewässert werden. Das Wasser stammt dann aus Flüssen, Seen oder dem Grundwasser und fehlt möglicherweise dort, wo es ohnehin knapp ist. Für ein Kilogramm Baumwolle werden im weltweiten Durchschnitt rund 10.000 bis 11.000 Liter berechnet.
Eine einzelne Zahl erzählt allerdings nie die gesamte Geschichte. Regenwasser, das auf ein Baumwollfeld fällt, ist anders zu bewerten als Grundwasser, das in einer trockenen Region abgepumpt wird. Hinzu kommen Belastungen durch Dünger und Pflanzenschutzmittel. Entscheidend ist daher nicht nur, wie viele Liter verbraucht werden, sondern auch, woher das Wasser stammt und unter welchen Bedingungen die Baumwolle wächst. Nach der Ernte geht die Reise weiter. Die Fasern werden gereinigt, zu Garn gesponnen, gewebt, gebleicht, gefärbt, gewaschen und veredelt. Besonders viel Wasser fließt in jene Verarbeitungsschritte, die Stoffen ihre Farbe, ihren Griff und ihren späteren Look verleihen. Farben, Bleichmittel und weitere Chemikalien gelangen dabei ins Abwasser. Wird es nicht gründlich gereinigt, belastet es Flüsse, Böden und Trinkwasser in den Produktionsländern. Rund ein Fünftel der weltweiten Verschmutzung von sauberem Wasser wird mit dem Färben und Veredeln von Textilien in Verbindung gebracht. Die Mode liebt Farbe, doch ihr schönster Ton kann eine dunkle Kehrseite besitzen.
Besonders anschaulich zeigt sich das bei Denim. Kaum ein anderes Material wirkt so unkompliziert und ist in der Herstellung zugleich so aufwendig. Damit eine Jeans ihren typischen Indigoton erhält, wird das Garn mehrfach gefärbt. Anschließend folgen Waschungen, die den Stoff weicher machen und ihm Charakter verleihen. Helle Stellen, verwaschene Knie und der beliebte Vintage-Look entstehen nicht von selbst. Traditionell werden Jeans dafür gebleicht, mit Steinen behandelt und mehrfach gespült. Je gebrauchter eine neue Hose aussehen soll, desto aufwendiger kann ihre Veredelung sein. Inzwischen bekommt Denim jedoch ein technisches Update. Laser zeichnen helle Partien und Abnutzungsspuren direkt auf den Stoff, ohne zahlreiche Waschgänge. Ozon kann Jeans mit weniger Wasser und Chemikalien aufhellen. Moderne Färbeverfahren arbeiten mit Schaum statt mit großen Farbbädern, während geschlossene Kreisläufe das Prozesswasser reinigen und wieder in die Produktion zurückführen. Der lässige Used-Look bleibt, sein ökologischer Preis kann jedoch deutlich sinken. Auch bekannte Labels haben das Thema in ihre Kollektionen geholt.
Neue Materialien sparen Wasser
Levi’s fasst verschiedene wassersparende Verfahren unter dem Namen Water<Less zusammen. Armedangels setzt bei seiner DetoxDenim-Linie unter anderem auf Bio- und Recyclingbaumwolle sowie auf Laser und Ozon. So entsteht moderner Denim, ohne besonders wasserintensive Verfahren einfach fortzuführen. Das niederländische Label MUD Jeans geht noch einen Schritt weiter. Alte Jeans werden zurückgenommen, zerlegt und zu Fasern für neue Modelle verarbeitet. Dadurch wird weniger frische Baumwolle benötigt. Nach eigenen Berechnungen kommt eine Jeans des Labels auf rund 460 Liter Wasser. Bei einem Produktionspartner werden bis zu 95 Prozent des eingesetzten Wassers gereinigt und erneut verwendet. Patagonia arbeitet ebenfalls seit vielen Jahren mit Bio-Baumwolle und Recyclingmaterialien. Das Responsibili-Tee des Labels entsteht aus Baumwollresten und recycelten Kunststoffflaschen und soll deutlich weniger Wasser benötigen als ein konventionelles Baumwollshirt.
Solche Angaben lassen sich allerdings nicht immer direkt vergleichen. Manche Unternehmen erfassen nur das Wasser, das beim Färben und Waschen in der Fabrik anfällt. Andere berücksichtigen zusätzlich den Baumwollanbau, den Transport, die spätere Pflege und die Entsorgung. Ein Hinweis wie „wassersparend“ kann sich daher auf ein ganzes Kleidungsstück oder lediglich auf einen einzelnen Arbeitsschritt beziehen. Orientierung bieten transparente Lieferketten, Umweltbilanzen und Standards wie GOTS oder der Global Recycled Standard.