Die Oktoberfeste stehen vor der Tür. Zeit, um mit der charismatischen Designerin Lola Paltinger, die seit über 25 Jahren für aufwendig verarbeitete Couture-Dirndl sowie moderne trachtige Kleider aus edlen Materialien steht, über ihre Interpretation von Tracht, aktuelle Dirndl-Trends und No-Gos zu sprechen.
Frau Paltinger, Sie haben bei der legendären „Queen of Punk“ Vivienne Westwood gelernt. Wie kamen Sie von dem Rebellischen von Westwood zu dem vermeintlich Konservativen der Tracht?
Ich muss dazu sagen, dass es meine Trachtenkollektion oder zumindest die Grundidee davon bereits gab, als ich mich bei Westwood beworben habe. Ich wurde also sozusagen durch meine trachtigen Entwürfe bei Westwood angenommen. Ebenso etwas später bei H&M in Stockholm, wo ich noch unter der wunderbaren Margareta van den Bosch lernen durfte. Ebenfalls eine wunderbare Erfahrung.
Vivienne Westwood galt als Meisterin der Silhouette. Gibt es etwas, das Sie an ihr als Vorbild sahen?
Oh ja, ihre Silhouetten, meist historisch inspiriert, sind legendär. Ganz ehrlich, habe ich die ersten Male, die ich Schnitte von Westwood gesehen habe, kaum etwas verstanden. Was ich an ihr bewundere und als Vorbild sehe, ist ihre ganz und gar unbeirrbare eigene Handschrift und ein großes Wissen und Interesse an Historie und Gegenwart, die sich kunstvoll in ihren Silhouetten und Designs widerspiegelt.
Welche Farben, Muster, Motive und Stoffe erwarten uns dieses Jahr generell bei Dirndln?
Nun ja, ich meine, es ist weiterhin eher etwas zu gedeckt, wenn auch bereits wieder Farbtupfer und Muster auftauchen. Die Tradition ist wunderschön und ebenfalls die Linie der etwas traditioneller interpretierten Trachten der letzten Jahre. Aber auf der Wiesn darf es schon ein wenig Farbe sein, dennoch edel und fein im Stil.
Was erwartet uns bei Ihren aktuellen Dirndl-Kollektionen?
Jeder, der Lust auf Farbe hat, wird sicherlich eine Dirndl-Inspiration bei mir finden. Aber auch ruhigere, gedeckte Farben, die dennoch ihren Glanz, besondere Details, wunderschöne Borten und auch mal aufwendige Schürzen besitzen, haben ihre Präsenz. Letztendlich versuche ich immer, für jeden Geschmack etwas zu entwerfen. Dadurch, dass alle Stoffe und Details von mir entworfen und für mich hergestellt werden, ist die Vielfalt recht grenzenlos und jede Kundin darf natürlich ihr eigenes Dirndl mitkreieren; das ergibt sich ganz automatisch bei den Anproben.
Gibt es in der traditionellen Trachtenwelt ungeschriebene Gesetze, die Sie gerne brechen?
Nicht wirklich, denn ich habe vor der traditionellen Tracht einen wirklich immensen Respekt und bewundere die Bräuche rund um Tracht und Tradition, die ich hier am Tegernsee miterleben darf. Tracht und Brauchtum sind hier eine ganz andere Welt. Viel Neues habe ich erfahren und schätzen gelernt. Wobei ich mir nie anmaßen möchte, in irgendeiner Weise die wahren Traditionen der verschiedenen Regionen zu verletzen oder zu despektieren. Meine Inspirationen sind trachtig inspiriert, aber in vielem modisch umgesetzt. Dadurch wird diese modische Trachten-Couture auch Menschen zugänglich gemacht, die viel zu viel Respekt vor der echten Tradition und deren Gewand haben, um sich je in dieser Art einzukleiden.
Wovon lassen Sie sich beim Designen gerne inspirieren?
Von ganz unterschiedlichen aktuellen sowie traditionellen Stilen in Mode, Kunst, Kultur, Malerei, Theater. Wenn ich ein Buch durchsehe, welches historische Trachten zeigt, sehe ich eigentlich nur die Details heraus, die ich für meine Mode gerne umsetzen würde. Ebenso geht es mir mit aktueller High Fashion und Couture. Es gibt fast immer bestimmte Designer und Kollektionen, die mich inspirieren; diese können aber auch mal von Saison zu Saison variieren. Mir fällt immer wieder auf, welche Ruhe und Inspiration mir Museen, Ausstellungen und Schauspiel geben können.
Neben Ihren Kollektionen entwerfen und schneidern Sie vor allem Unikate für Kundinnen. Für welche prominenten Frauen haben Sie dieses Jahr Couture-Dirndl designt?
Das kann ich noch gar nicht wirklich beantworten, weil sich viele Kundinnen erst kurz vor dem Oktoberfest, in der „schon heißen“ Phase, melden. Das klingt seltsam, ist aber seit Jahren absehbar und meine Schneiderei steht dann umso mehr in den Startlöchern, um auch innerhalb von ein bis zwei Tagen noch ein Dirndl anfertigen zu können. Das Können meiner Mitarbeiter ist großartig und auch deren Unterstützung ist sehr besonders.
Sie haben auch Kundinnen außerhalb von Deutschland. So haben sich etwa schon Katy Perry, Salma Hayek oder Kim Kardashian ein Dirndl bei Ihnen kreieren lassen. Da Tracht einen sehr regionalen Bezug hat – wie erklären Sie jemandem aus den USA oder Japan, was Ihren Stil und die Lebensart dahinter ausmacht?
Man darf nicht vergessen, dass Tracht und Oktoberfest ja inzwischen ein wahrer Exportschlager sind. Natürlich haben Menschen aus anderen Ländern und Kulturen ihre eigene, nicht immer nachzuvollziehende Idee zur Tracht und zum Oktoberfest. Auch unsere Gäste, die weit anreisen, um auf dem Oktoberfest zu sein, möchten mit ihren oft verhöhnten „Billig-Trachten“ eigentlich nur dabei sein und aussehen wie die Bayern. Das ruft eben oft ein Schmunzeln oder auch Ärger hervor, aber manch einer weiß es eben nicht besser. Auch hier gilt, dass zum Beispiel Amerikaner und Japaner sich gar nicht an wirklich traditionelle Tracht herantrauen würden, was auch gut so ist. Der Touch von Glamour und Mode meiner Couture-Trachten spielt sicher auch eine große Rolle dabei, dass sich viele Damen an meine Kleider herantrauen und sich leichter damit identifizieren können.
Wie viel bodenständiges Almgefühl und wie viel „Münchner Schickeria“ steckt in Ihren Kreationen?
Von meiner Seite aus mehr Almgefühl. Wobei die Inspiration von Mode und einem Touch „Alpenglam“ sicherlich die Handschrift unterstreicht.
Wie muss ein perfektes Dirndl für Sie sein und welche Elemente gehören für Sie unbedingt dazu?
Gaaaanz wichtig ist, dass ein Dirndl perfekt passt. Meist muss es, wenn es nicht maßgefertigt ist, zumindest noch ein bissl angepasst werden. Der Rock sollte mindestens das Knie bedecken oder umspielen. Die Schürze sollte nie über den Rock hinausragen oder sehr klein und kurz sein. Und auch das schöne Dekolleté sollte natürlich zur Geltung kommen, aber vielleicht auch nicht gerade den absoluten Mittelpunkt darstellen. Die Silhouette macht es aus. Und egal welchen Alters, welcher Figur und welcher Größe die Dirndlträgerin ist: Es ist und bleibt das vorteilhafteste Kleid, das es gibt – übrigens auch nach einem Zitat von Vivienne Westwood. Im Dirndl ist jede Frau einfach Frau.
Welche Details an Dirndln werden Ihrer Meinung nach unterschätzt und warum?
Meiner Meinung nach wird oft unterschätzt, wie vielseitig ein Dirndl auch außerhalb Bayerns getragen werden kann. Deshalb entwerfe und empfehle ich sehr gerne Dirndlkleider, also mit Ärmelchen. Ohne Schürze und vielleicht mit einem Gürtelchen getragen, hat man ein modernes, leicht trachtiges Kleid.
Haben Sie Lieblingsfarben, -stoffe und -motive für Dirndl?
Eindeutig edle Stoffe, Brokate, Jacquards, die nach meinen Entwürfen gewebt werden. Die Farben ändern sich je nach Saison und Mode. Und der Touch „Alpenglam“ darf natürlich in Kleid, Bluse, Schürze und Accessoires nicht fehlen, aber auch nicht überwiegen. Jede Spitze, jede Borte, jede angesteckte Blume trägt zum Gesamtbild des Kleides und seiner Trägerin bei.
Wie findet Frau das perfekte Dirndl, das zu ihrer Figur passt und ihr farblich steht – woran sollte man sich orientieren?
Es gibt Damen, die einfach wissen, was ihnen steht, und ein Gespür dafür haben. Vor allem mit ein wenig Dirndlerfahrung kann man sich durchaus selbst sein Traumdirndl herausdeuten und gegebenenfalls noch ein wenig anpassen lassen. Auch eine zweite Garnitur aus Bluse und Schürze oder ein Charivari, eine Schmuckkette, können ein „Grunddirndl“ leicht verändern. Dies sollte eine gute Fachkraft in jedem Geschäft vermitteln können. Schlimm finde ich, wenn Damen, die sich nicht so mit einem Dirndl auskennen, mit einem losgeschickt werden, das keine perfekte Passform hat. Ein Dirndl ist ein festliches, besonderes Kleidungsstück. Jemand, der sich zum ersten Mal ein Dirndl zulegen möchte, sollte immer ein wenig beraten werden und wird sich darüber freuen. Man ist schnell überfordert mit der Vielzahl an Stilen, Farben und Formen, die angeboten werden. Bei mir ist es gerne so, dass eine Dame, die zum ersten Mal zu uns kommt, auch mal zwei bis drei Stunden benötigt, um sich mit allen Möglichkeiten zurechtzufinden. Dafür habe ich größtes Verständnis.
Was sind für Sie No-Gos beim Tragen und Kombinieren von Dirndln, worauf sollte man unbedingt achten – zum Beispiel auch bei den Schuhen?
Der berühmt-berüchtigten Schleife – rechts gebunden für vergeben, links für frei – wird inzwischen ein bissl viel Aufmerksamkeit geschenkt. Links gebunden wird allzu gerne als „flirtbereit“ interpretiert, das ist aber vielleicht nicht immer gewünscht. Da ich meine Schürzen auch gerne mit einer Strassschließe mittig verziere, sind manche Kunden ganz froh, aus dem „Schleifentheater“ heraus zu sein. Bei Schuhen und Taschen bitte immer gern, was gerade modisch und aktuell ist. Ich bin persönlich nicht so sehr für reine Trachtenschuhe bei Damen. Aber das ist Geschmackssache. Auf jeden Fall schadet es nicht, auf bequemen und stabilen Schuhen auf der Wiesn unterwegs zu sein.
Wie sieht das perfekte Männer-Outfit für das Oktoberfest für Sie aus?
Wenn es kein wirklich traditionelles Outfit ist, bitte keine Hosenträger, die meisten sehen billig aus. Auch ein kleinkariertes Hemd muss nicht sein. Janker oder zumindest Weste gehören schon zu einem gestandenen Burschen auf der Wiesn. Bei Herren finde ich auch Haferlschuhe, Strümpfe oder Loferl sehr schön und passend. Aber auch hier gilt: Alles muss bitte gut passen, auch die Lederhose, und diese darf nicht zu lang und nicht zu kurz sein, es sei denn, es ist eine Kniebundhose. Ich finde es übrigens nicht falsch, wenn ein Mann mit schmalen Beinen kurze Lederhosen trägt.
Worauf freuen Sie sich bei der diesjährigen Wiesn und wie sehen Ihre Pläne beziehungsweise Ihr Programm aus?
Ich freue mich auf den Almauftrieb am ersten Sonntagabend im Käfer. Zum Anstich schaffe ich es leider so gut wie nie, da viel Arbeit anliegt und unser Geschäft am Tegernsee ja geöffnet ist. Zur Damenwiesn gehe ich auch sehr gerne und zu kleineren Events, gerne auch in nicht allzu großen Zelten. So vieles hat seine Reize und Besonderheiten auf der Wiesn. Hauptsache, es wird eine schöne, festliche und fröhliche, friedliche Wiesn.
Wissen Sie schon, welche Dirndl Sie tragen werden?
Meist muss ich das nehmen, was noch da ist, auch wenn das seltsam klingt. Die Kunden gehen vor und meine Schneiderei hat so viel Arbeit, dass an mich nicht zu denken ist. Ich bin’s gewohnt.
Abgesehen von Dirndln – wie sieht sonst Ihr Lieblingsoutfit aus?
Ich trage ja nur meine Mode, gerne ganz leicht trachtig und modisch kombiniert. Da ich ja seit 20 Jahren auch meine Kollektion „Himmelblau by Lola Paltinger“, die nichts mit Tracht zu tun hat, auf dem Teleshoppingsender HSE präsentiere, bin ich immer mit angesagten, aber eigenen Entwürfen und Kreationen wunderbar ausgestattet. Letztendlich trage ich dadurch auch alles Probe.
Für welchen Star oder welche Hollywood-Ikone der 1940er- oder 50er-Jahre – die Sie ja bekanntlich faszinieren – hätten Sie gern ein Dirndl kreiert und wie hätte dieses ausgesehen?
Auf jeden Fall für Rita Hayworth, deren Schönheit und Liebreiz verzaubern. Ich glaube sogar, ich würde ein Dirndl in einer zarten, zurückgenommenen Farbe an ihr sehen, schwungvoll und nicht zu kurz, mit wunderschönen, leicht funkelnden Stickereien, die ihren Glanz und ihre Eleganz unterstreichen.
Gibt es andere Dirndl-Designerinnen und -Marken, die Ihnen gut gefallen?
Oh ja, wir sind ja in dieser Branche wie eine kleine Familie, denn letztendlich bedienen wir eine gewisse Nische mit unseren Kreationen. Ich liebe viele traditionelle, alteingesessene Firmen, aber auch aktuelle Designer und Designerinnen. Sehr viele sogar.
Tauschen Sie sich auch gern mit anderen Designerinnen aus?
Es ergibt sich öfter und gerne, dass man sich zum Beispiel auf Stoffmessen und Modemessen begegnet und sich ein wenig austauscht. Natürlich hat man zu dem einen oder anderen mehr Bezug, aber ich meine, wir haben doch alle einen netten und respektvollen Umgang innerhalb der Branche.
Wenn Sie Dinge im Modebusiness und bei den sozialen Medien verändern könnten – welche wären das?
Oh je, das könnte jetzt sehr weit führen. Ich selbst komme ja noch aus Modeschulzeiten, in denen wir keine sozialen Medien kannten und so gut wie niemand einen Rechner hatte, geschweige denn Kollektionen daran erstellen konnte. Mein „Zuhause“ war vor meiner Abschlusskollektion der Copyshop. Wir haben alles per Hand gezeichnet und beschriftet, fast vorsintflutlich aus jetziger Sicht. Aber ... man konnte auch nichts „vertuschen“ oder beschönigen. Social Media ist unübertroffen wichtig, aber so manches sollte vielleicht ehrlicher, empathischer und realistischer dargestellt und mitgeteilt werden. Businessmäßig kann es natürlich unglaublich viel mit relativ wenig Aufwand bewirken. Es kann interessant sein, aber auch ins Negative umschlagen. In jedem Fall finde ich es extrem wichtig, es nutzen zu können.