Einspeichern lohnt sich derzeit für die deutschen Gasspeicherunternehmen nicht, die Preise sind wegen des Irankrieges zu hoch. Noch handelt das Bundeswirtschaftsministerium nicht und pocht auf den Marktmechanismus.
Deutschlands Gasspeicher sind so leer wie nie zuvor um diese Jahreszeit: Im Augenblick zeigt die Füllstandsanzeige, die die Bundesnetzagentur veröffentlicht, knapp mehr als 50 Prozent, im vergangenen Jahr waren es zum gleichen Zeitpunkt 67 Prozent. Bis zum November sollen die Speicher per Gesetz zu 80 Prozent voll sein. Der Grund für den Unwillen vieler Speicherbetreiber, mehr einzukaufen, sind die schlechten Marktbedingungen. Der Markt kämpft noch immer mit der Umstellung von billigem russischem Pipelinegas auf eine deutlich komplexere Liefersituation.
Insgesamt, das bestätigen auch Marktbeobachter, sei die Lage in Deutschland für Gas weiterhin stabil, die vorhandene Infrastruktur sei in der Lage, die erforderliche Menge Gas für die Wintermonate nach Deutschland zu schaffen und physisch zu verteilen. Das stellt die Ini-tiative Energie Speichern (INES), der Interessenverband der Speicherbetreiber, fest. Dafür hatte noch die Ampelregierung zu Beginn des Ukrainekrieges gesorgt und unter anderem grünes Licht für Flüssiggasterminals vor Deutschlands Küsten gegeben.
Unterschiedliche Szenarien
Das Dilemma derzeit: Die Speicherbetreiber haben aufgrund hoher Preise derzeit wenig Anreize, mehr einzukaufen. Die Einkaufsperiode, üblicherweise im Sommer bei günstigem Gas, hat sich verändert: Die vielfachen Krisen, zuerst der Ukraine-Krieg 2022, nun der Iran-Krieg, haben die Gaspreise im Sommer erheblich verteuert. Der Wegfall von Billiglieferant Russland hat den Gasmarkt insgesamt verkompliziert. Es gibt nun mehr Lieferanten, darunter Norwegen, das Gas per Pipeline anliefert, oder die USA, die Flüssiggas (LNG) per Schiff liefern. Aktuell kostet eine Megawattstunde im Großhandel laut Daten der europäischen Energiebörse EEX 66,60 Euro (Day Ahead), für Kontrakte einen Monat im Voraus ist der Preis schon etwas günstiger. Vor dem Krieg lag der Preis bei zirka 30 Euro pro Megawattstunde. Endet der Iran-Krieg, dürften auch die Gaspreise wieder fallen und die Anreize steigen, die Speicher schneller zu befüllen. Neuerliche Sanktionsdrohungen aus den USA, den Iran erwarte ein wirtschaftlicher „D-Day“, lassen dies jedoch nicht erwarten. Trotzdem wartet die Branche ab.
Durch die ausgebaute Infrastruktur ist also die technische Versorgungssicherheit gewährleistet. Aber nicht die Bezahlbarkeit. Die Szenarioanalysen von INES zeigen, dass ein Speicherfüllstand von 76 Prozent zum 1. November 2026 bei normalen oder warmen Wintertemperaturen ausreicht, um die Gasversorgung in den kalten Monaten sicherzustellen. Anders stellt sich die Situation bei einem außergewöhnlich kalten Winter dar. In einem Szenario mit Temperaturen wie im Referenzjahr 2010 könnte ein Speicherfüllstand von 76 Prozent nicht reichen. Nach jenen Modellrechnungen käme es im Februar und März 2027 zu Unterdeckungen von bis zu neun Terawattstunden (TWh) pro Monat. An einzelnen Tagen könnte der Gasmangel sogar bis zu zwei TWh pro Tag betragen. Derzeit gebucht sind bis November 83 Prozent der deutschen Gesamtspeicherkapazitäten. Ob diese vollständig realisiert werden, ist noch unklar.
Im Falle von Unterdeckung müsste Gas zugekauft werden, in der Regel während der Heizperiode zu deutlich teureren Preisen. Politisch einzugreifen hält Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) aber zum jetzigen Zeitpunkt für zu riskant: Laut „Manager Magazin“ sieht das Ministerium die Privatwirtschaft in der Pflicht und will durch staatliche Eingriffe keine Präzedenzfälle schaffen.
Ein möglicher weiterer Grund: Die strengen gesetzlichen Vorgaben zum Füllstand der deutschen Gasspeicher sind aus Sicht der Bundesnetzagentur überholt. Sie hätten sich zwar in der Krise nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine bewährt, aber inzwischen drohten die Fehlanreize zu überwiegen, sagte Behördenchef Klaus Müller der „Zeit“. Die aktuelle Verordnung noch aus Zeiten der Ampel sieht vor, dass die Gasspeicher am 1. November zu durchschnittlich 70 Prozent gefüllt sein sollen. Wenn das nicht klappt, würde unter Umständen der Staat Gas einkaufen und einspeichern lassen – wie schon 2022, im ersten Jahr des Ukraine-Kriegs. Diesen Fall will die Bundeswirtschaftsministerin vermeiden.
Damals seien die Gaspreise durch die Decke gegangen und das Gas wirklich physisch knapp gewesen, so Behördenchef Müller. Der Gasmarkt sollte um jeden Preis stabilisiert werden. Jetzt aber funktionierten diese Regeln nicht mehr, weil gegen den Staat gewettet werden könne und es keine Gasmangellage gebe. „Die Händler können darauf spekulieren, dass am Ende doch der Staat die leeren Speicher wieder auffüllt. Und das, obwohl jetzt ausreichend Gas auf dem Weltmarkt verfügbar ist.“ Die Händler müssten sich aber selbst absichern, um ihre Lieferverträge an Unternehmen oder Stadtwerke erfüllen zu können.
Gas ausreichend am Markt verfügbar
Knackpunkt bleibt der Preis, der weiterhin zu hoch ist und zu der paradoxen Lage führen könnte, dass der Verkaufspreis im Winter niedriger als der Einkaufspreis läge. Ein Desaster für die Speicherbetreiber, die ohnehin bereits mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Speicher in Deutschland werden mangels Nachfrage stillgelegt, ein möglicher Nebeneffekt der hastig errichteten Flüssiggasterminals, die laut Wirtschaftsministerium für mehr Flexibilität im Markt sorgen sollen. Dennoch können die Terminals nur eine Grundlast von 400 bis 800 Gigawattstunden pro Tag liefern, während nur die Speicher Versorgungsspitzen von mehr als drei Terawattstunden in der kalten Jahreszeit auffangen können. Die Unternehmen müssten ihren Lieferverträgen nachkommen, mahnt das Bundeswirtschaftsministerium daher, man beobachte die Lage sehr genau.
Aus Verbrauchersicht könnte unter Umständen ein Anbieterwechsel mit längerfristiger Preisbindung von Vorteil sein.
INES fordert weiterhin eine strategische Gasreserve von mindestens 80 Terawattstunden, um für harte Winter gewappnet zu sein. Der deutsche Gashändler Uniper, der nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine verstaatlicht wurde, warnte bereits im Mai vor zu langsamer Einspeichertätigkeit in diesem Jahr. Er sollte recht behalten.