Die Kriminalbeamtin „Claudia“, deren richtiger Name geheim bleiben muss, hat eine besondere Fähigkeit: Sie ist ein sogenannter „Super-Recognizer“. Sie kann sich nicht nur extrem gut Gesichter merken, sondern diese noch Jahre später wiedererkennen und einordnen.
Claudia, wann haben Sie entdeckt, dass Sie Gesichter außergewöhnlich gut erkennen können?
Ich habe als Kind schon gerne Gesichter gezeichnet und andere Kinder immer leicht wiedererkannt. Aber sie haben mich nicht wiedererkannt.
Und das hat Sie dann verwirrt?
Ja, ich habe am Anfang nicht verstanden, warum das so ist. Deswegen war das für mich erschreckend und hat natürlich auch dazu geführt, dass ich im Laufe der Zeit mit dem Älterwerden nicht mehr so schnell auf die anderen Menschen zugegangen bin.
Haben Sie sich einsam gefühlt?
Nein, ich war deswegen nicht einsam. Aber ich bin eben anders auf die Leute zugegangen. Nicht mehr so „Hey, wie geht’s dir?“, sondern eher so ein „Hallo, kannst du dich vielleicht daran erinnern, dass wir uns dort oder dort schon mal gesehen haben?“ Aber nur dann, wenn es im Gespräch darum ging, woher oder dass man sich schon einmal gesehen hat. Aber das hatte keine psychischen Auswirkungen.
Gab es den einen Moment, als Ihnen klar wurde, dass Sie ein Super- Recognizer sind?
Nein, es gehörte zu meinem Alltag und ich bin damit groß geworden. Insofern war es ein laufender Prozess und es wurde für mich zunehmend klarer, dass ich das bin, was man heute einen Super-Recognizer nennt.
Wie beeinflusst Ihre extreme Fähigkeit der Gesichtserkennung Ihren Alltag?
Ich war auf einer großen Hochzeit, und obwohl ich einen anderen Gast nur im Hintergrund gesehen habe, habe ich ihn bei anderer Gelegenheit wiedererkannt. Er meinte nur, wir würden uns definitiv nicht kennen. Als ich dann gemeinsame Bekannte oder Freunde nannte, die auch auf der Hochzeit waren, glaubte er mir. Dass ich mich tatsächlich an sein Gesicht erinnerte, obwohl wir keinerlei Kontakt gehabt hatten, führte dann doch zu Erstaunen.
Können Sie einem Normalsterblichen erklären, wie Ihr Gehirn funktioniert, wenn Sie ein Gesicht betrachten?
Das sind nur Bruchteile von Sekunden. Das ist wie ein Screenshot, den sie von einem Gesicht machen, und in diesem kurzen Moment habe ich zentrale Gesichtsmerkmale wie Nase, Mund und Augenpartie erfasst. Meistens erinnere ich mich sofort, in welcher Situation ich die Person schon gesehen habe, und weiß oft auch noch ihren Namen. Man kann es nicht erlernen und nicht trainieren. Das Gesicht bleibt sozusagen über Jahre einfach im Speicher vorhanden.
Apropos Jahre – lässt Ihre Fähigkeit mit dem Altern nach?
Je mehr Gesichter dazukommen, die man im Laufe seines Lebens sieht, desto voller wird der Speicher. Und natürlich kann es dann sein, dass es auch bei Personen, bei denen es einige Jahre her ist, dass man sie gesehen hat, einen Moment länger dauert, bis ich das Gesicht einer Situation oder einem Namen zuordnen kann.
Gibt es Momente, in denen Ihre Super-Recognizer-Fähigkeiten im Beruf zur psychischen Belastung werden?
Wenn ich nicht darauf komme, woher ich eine Person kenne, lässt mich das nicht los. Das beschäftigt mich dann meist so lange, bis ich darauf komme. Im besten Fall bekommt man es aber recht schnell heraus. Ich empfinde diese Situation aber nicht als Nachteil, denn es ist ja auch ein spannender Prozess, bis ich dann die Antwort finde.
Vergessen Sie auch Gesichter?
Das kann ich schlecht beantworten, aber manchmal, wenn eine Begegnung 30 Jahre her ist, muss ich länger im Gedächtnis kramen. Aber ich kann meinem Gehirn nicht befehlen, Gesichter zu löschen.
Sind Sie wegen Ihrer Fähigkeit als Super-Recognizer zur Polizei gegangen?
Nein, Polizistin zu werden, war immer mein Berufswunsch. Mein absoluter Berufswunsch und ich habe nach dem Studium gemerkt, dass ich diese Fähigkeit offensichtlich einsetzen kann beim Identifizieren von Tatverdächtigen. Das haben meine Kolleginnen und Kollegen dann auch schnell mitbekommen. Auch wenn man für die Fähigkeit noch keinen Namen hatte, denn zu dieser Zeit gab es den Begriff „Super-Recognizer“ noch nicht.
Sind Sie der einzige Super-Recognizer bei der Berliner Polizei?
Nein, zum Glück nicht. Im Jahr 2017 hat die Leitung des Landeskriminalamtes der Polizei Berlin entschieden, in den eigenen Reihen Super-Recognizer zu suchen. Das sollte wissenschaftlich valide und fundiert passieren und nicht nur mit einem dieser vielen Tests, die man im Internet findet.
Die Polizei hat sich also wissenschaftliche Hilfe geholt?
In den Jahren 2017 bis 2021 wurde eine Marktforschung zu dem Thema betrieben und durch das Landeskriminalamt (LKA) zusammen mit der führenden Neurowissenschaftlerin auf diesem Gebiet, Prof. Dr. Meike Ramon, das eigene wissenschaftliche Testverfahren „be Sure®“ entwickelt.
Was wurde da getestet?
Getestet wurde die sogenannte „Gesichtsidentitätsverarbeitung“ mit den verschiedenen Subprozessen.
Was ist das genau?
Die Gesichtsidentitätsverarbeitung beinhaltet im Prinzip das Erkennen, dass es sich um ein Gesicht handelt (Detektion), dann diese zu unterscheiden. Anschließend geht es um die Wiedererkennung („Ich habe das Gesicht schon einmal gesehen“) und letztlich die Identifikation. Das sind die verschiedenen Subprozesse. Die Gesichtserkennung und das Wiedererkennen unterliegen in unserem Job meistens erschwerten Bedingungen, etwa einer schlechten Bildqualität, einer ungünstigen Belichtung, veränderten Kameraperspektiven oder wenn Personen nur von der Seite oder teilweise verdeckt zu sehen sind.
Haben Sie ein paar Beispiele aus dem Test?
Ich sehe ein Bild mit starker Verpixelung und erkenne trotzdem ein Gesicht, wo andere vielleicht nur Bildpunkte sehen. Außerdem geht es um die Unterscheidung von Gesichtern: Wie gut kann ich bei mehreren ähnlichen Gesichtern in einer Bildreihe trotzdem erkennen, dass es sich um verschiedene Personen oder eben die gesuchte Person handelt?
Ist das ein universeller Test?
Nein, es handelt sich um einen von der Polizei Berlin eigens entwickelten Super-Recognizer-Test: Wir verwenden authentisches Bildmaterial, um den Polizeialltag zu simulieren. Das Material ist oft schlecht belichtet und/oder unscharf. Getestet wird auch das Identifizieren von Personen trotz starker äußerer Veränderungen, wie anderen Frisuren, Bärten oder Altersunterschieden.
Welcher Testaspekt kommt noch direkt aus dem polizeilichen Alltag?
Wichtig ist die Fähigkeit der sogenannten „Echtzeit-Identifikation“: Die Probanden müssen ohne Vorbereitung Gesichter in Menschenmengen oder Bildarchiven erfolgreich abgleichen.
Wie viele Polizisten wurden da getestet und wie viele Super-Recognizer waren dabei?
Von zirka 1.500 am Test teilnehmenden Polizeibeamten wurden 22 Super-Recognizer identifiziert.
Wie oft kommen Super-Recognizer wie Sie zum Einsatz?
Wir bearbeiten etwa 1.200 Aufträge im Jahr. Ein Auftrag kann ein Gesichtsabgleich mit einer Person sein oder es heißt: Hier hast du 50 Videos mit zwölf Tatverdächtigen. Bitte sage uns, auf welchem Video du welche Tatverdächtigen siehst.
Geht es auch manchmal einfach darum, eine Person auszuschließen?
Ja, denn wir müssen falsche Beschuldigungen vermeiden. In der Polizeisprache heißt das: Wir müssen be- und entlastend tätig sein. Insofern ist es immer wichtig, was wir sehen. Es sind Ermittlungshinweise.
Das klingt nach einer riesigen mentalen Anstrengung. Wie gehen Sie damit um?
Dadurch, dass wir das tagtäglich machen, gibt es Situationen, bei denen man einfach merkt: Es geht jetzt gerade nicht mehr. Ich muss dann etwas anderes machen. Vielleicht Berichte schreiben, aber nicht mehr auf Bilder oder Videos schauen. Nach einigen Momenten geht es wieder.
Passiert es auch, dass Sie gar nichts finden?
Nein, es gibt immer ein Ergebnis, also einen Ausschluss einer Person oder einen Wiedererkennungsgrad.
Man spürt, dass Sie Ihren Beruf nach wie vor mit Begeisterung ausüben, obwohl Sie Ihre Fähigkeiten bereits seit vielen Jahren im Polizeidienst einsetzen.
Ja, seit 35 Jahren. Als ich gemerkt habe, was ich kann, habe ich versucht, es gewinnbringend für die Ermittlungsarbeit einzubringen. Ich bin dankbar, dass ich diese Fähigkeit habe, und empfinde es als sehr spannend.
Könnte KI trotzdem bald den Job des menschlichen Super-Recognizers übernehmen?
Ich denke nicht, denn operativ werden wir ebenfalls tätig. Beides hat seine Grenzen. Die Qualität des vorliegenden Bildmaterials ist entscheidend. Je besser diese beiden „Systeme“, KI oder Mensch, gespeist werden, umso bessere Ergebnisse kommen heraus.
Und was sind die entscheidenden Unterschiede?
Ein KI-gestütztes System braucht bestimmte Voraussetzungen, und wenn ich auf dem Bildmaterial vielleicht nur ein Auge sehe oder bloß die Augenpartie und die Bilder relativ verschwommen sind, dann kommt eine KI-Gesichtserkennungssoftware an ihre Grenzen.
Und bei Super-Recognizern?
Uns reicht die Augenpartie aus, um ein Gesicht zu erkennen. Beide Systeme haben ihre Vorteile und können sich ergänzen.
Ihre menschlichen Fähigkeiten sind anders als Videoüberwachung mit KI, datenschutzrechtlich eher unbedenklich. Wie läuft die Zusammenarbeit mit KI-Systemen derzeit ab?
Der Einsatz der KI, also der Gesichtserkennungssoftware, bildet den Sachbeweis ab und ein Super-Recognizer den Personenbeweis. Kommen beide Systeme zu dem gleichen Ergebnis, so hat es im Gerichtsverfahren mutmaßlich einen höheren Beweiswert.
Nehmen wir das Beispiel Fußballstadion. Kann ein KI-System unter 70.000 Besuchern alle blonden Männer herausfiltern?
Aktuell machen wir das so nicht. Wenn die KI vielleicht 3.500 Personen vorfiltert, unter denen ich dann weitersuche nach den Verdächtigen, dann hieße das, es gäbe schneller ein Ergebnis und ich hätte es viel leichter mit meiner Arbeit.
Welche ethischen Fragen sehen Sie beim Einsatz von Super-Recognizern im öffentlichen Raum? Kritiker sehen die Gefahr der anlasslosen Überwachung.
Personen, die von uns im öffentlichen Raum gezielt gesucht werden, sind in einem Strafverfahren von polizeilicher Relevanz. Der Verlust der Anonymität steht dem öffentlichen Interesse an der Aufklärung einer Straftat gegenüber, jedoch obliegt es hier der ermittlungsführenden Dienststelle und der Justiz, über die Einsatzmittel zu verfügen und im Gerichtsverfahren darzulegen. Ein anlassloser Einsatz unserer Ressource findet nicht statt.