Tom Hanks ist definitiv ein besonderer Typ. Kategorien wie die des klassischen Schönlings oder des draufgängerischen Action-Helden greifen bei ihm allerdings nicht. Was macht ihn dann über Jahrzehnte hinweg trotzdem so erfolgreich?
Kaum ein Hollywoodstar pflegt ein so skandalfreies Image wie Tom Hanks. Der Schauspieler wirkt nahbar und sympathisch, eben einfach wie ein – in einer wohlgemerkt positiven Weise – ganz normaler Mensch. Diese Art von Einfachheit zieht sich wie ein roter Faden durch seine Karriere.
Ein normaler Mensch, der sich beweisen muss
Bei den Rollen, die Hanks spielt, fällt auf, dass sie auf den ersten Blick fast nie spektakuläre Merkmale mitbringen. Viele seiner Figuren sind weder besonders schön noch besonders stark noch betont maskulin, sie sind nicht abgehoben, nicht sonderlich exzentrisch oder auf andere Weise extrem. Ganz im Gegenteil: Auffallend oft stellt Hanks gewöhnliche Männer dar, die sich am Ende – und das ist der Trick bei der Sache – trotzdem plötzlich in außergewöhnlichen Situationen beweisen müssen. Dieses Muster zeigt sich auf unterschiedliche Weise in vielen seiner Filme.
Schon am Beginn seiner Karriere war er der „Junge von nebenan“, der in merkwürdige Abenteuer gerät: In „Splash“ hat er als gewöhnlicher Gemüsehändler plötzlich eine Meerjungfrau zur Freundin. In „Big“ spielt er einen zwölfjährigen Jungen, der auf einmal im Körper eines Erwachsenen steckt und im Berufs- und Beziehungsleben bestehen muss. In „Forrest Gump“ stolpert er als gutmütiger, einfacher Junge vom Land mit einem starken Sinn für Gerechtigkeit erfolgreich durch alle Stationen der jüngeren US-Geschichte.
Auch der Astronaut Jim Lovell in „Apollo 13“ ist kein typischer Haudrauf-Held. Als die Mission in eine lebensgefährliche Krise gerät, handelt er überlegt und mit kühlem Kopf. Anders als Bruce Willis, dessen Rolle sich im drei Jahre später erschienenen „Armageddon“ heldenhaft selbst in die Luft sprengt, sind Lovells Stärken weniger diese spektakulären Einzelaktionen, sondern seine Ruhe und Besonnenheit.
In den Rollen des Captain Miller in „Der Soldat James Ryan“, des FedEx-Angestellten in „Cast Away“ und des Piloten in „Sully“ ist die Struktur ähnlich: Ein ziemlich normaler Mensch bewährt sich durch Anstand, Ausdauer und Verantwortungsbewusstsein. Hanks spielt zwar immer unterschiedliche Menschen in unterschiedlichen Situationen, seine Rollen unterscheiden sich in Herkunft, Beruf und historischem Kontext. Gemeinsam ist ihnen jedoch ein bestimmter Charaktertypus: Die Figuren sind Ingenieure, Piloten, Kapitäne, Anwälte, Soldaten, Journalisten. Ihre Kompetenz ist ihr Pflichtbewusstsein. Sie sind pragmatisch, moralisch gefestigt und meist frei von Helden-Allüren.
In seinen bekanntesten Rollen verkörpert Tom Hanks vergleichsweise selten zynische Antihelden, raue Haudegen, dominante Machos oder rücksichtslose Personen. Wird er dann doch gegen sein Image besetzt, etwa als schmieriger Colonel Parker in „Elvis“ oder in den groteskeren Rollen in „Cloud Atlas“, fällt das deshalb besonders auf.
Denkt man an andere Darsteller aus Hanks’ Ära, etwa an Bruce Willis, Sylvester Stallone, Mel Gibson oder auch Brad Pitt und George Clooney, passen diese besser zu den erwähnten Rollen. Auch sein Namensvetter Tom Cruise bietet einen guten Gegenpart zum klassischen Tom-Hanks-Charakter. Seine Stärke liegt häufig in außergewöhnlichen Leistungen: Geschwindigkeit, körperliche Kontrolle, Ehrgeiz, Risiko. Hanks’ Stärken wirken dagegen oft absichtlich unspektakulär.
Auch im Genre der romantischen Komödie zeigt sich ein ähnliches Muster. In seinen erfolgreichsten Romantikfilmen ist Tom Hanks der männliche Hauptdarsteller, ohne als klassisches Sexsymbol inszeniert zu werden. In „Schlaflos in Seattle“ und „e-m@il für Dich“ entsteht seine Attraktivität an der Seite von Meg Ryan trotz großer Distanz: In „Schlaflos in Seattle“ lernen sich die Hauptfiguren erst spät im Film tatsächlich kennen, in „e-m@il für Dich“ tauschen sie sich anonym per E-Mail aus. Hanks’ Figuren punkten dabei durch Humor, Empathie und Verlässlichkeit. Körperliche Erotik und der Fokus auf die optische Anziehung zwischen den Hauptpersonen treten in den Hintergrund. Funktioniert hat es trotzdem. „Schlaflos in Seattle“ wurde 1993 zum Überraschungserfolg und ist auch heute noch ein absoluter Filmklassiker.
Wirft man einen Blick in die amerikanische Filmgeschichte, unterscheidet sich Hanks auch von älteren amerikanischen Männer- und Heldenbildern. Er ist kein John Wayne, dessen Auftreten stark an körperliche Präsenz, Entschlossenheit und Durchsetzungsfähigkeit gebunden war. Auch Clint Eastwoods Paradefiguren zeigen sich weniger angepasst, sie sind skeptisch gegenüber Institutionen, nicht selten verbittert und moralisch ambivalent. Als weiteren Gegenentwurf gibt es noch Marlon Brando oder James Dean als rebellische Außenseiter, die sich an gesellschaftlichen Normen reiben und, anders als Tom Hanks, nicht Teil davon sind.
Platz in amerikanischer Filmtradition
Ganz allein steht Tom Hanks allerdings in der amerikanischen Filmtradition nicht da. Vielmehr lässt er sich in einer Linie mit Schauspielern wie James Stewart oder Henry Fonda einordnen. Auch Stewart verkörperte häufig den idealistischen Durchschnittsbürger, dessen Stärke in seiner Integrität lag. In Filmen wie „Mr. Smith geht nach Washington“ (1939) oder „Ist das Leben nicht schön?“ (1946) wird der scheinbar gewöhnliche Mann plötzlich zum moralischen Kompass in einer komplizierten Welt. Hanks führt diese Tradition unter veränderten historischen Bedingungen fort, bleibt aber dennoch bei Pragmatismus, Verantwortungsbewusstsein und der Vorstellung, dass normale Menschen in außergewöhnlichen Situationen über sich hinauswachsen können.Tom Hanks verkörpert damit nicht den spektakulären Ausnahmehelden, sondern Figuren, die sich im entscheidenden Moment bewähren müssen. Gerade diese Verbindung von Normalität und moralischer Autorität macht ihn zu einer modernen Variante des „einfachen Mannes“ in seiner besten Version. Und genau das nimmt man ihm auch ab. Hanks verkörpert die Rollen glaubhaft.
Ähnliche Charaktere in anderen Ländern
Während Tom Hanks in seinen Rollen hauptsächlich amerikanische Themen bearbeitet, gibt es den Typus auch in anderen Ländern. In Frankreich sind es Darsteller wie Jean Gabin, Bourvil, Jacques Tati und Jean-Pierre Bacri, die oft den „einfachen Mann“ ihres Landes verkörpern, der in einer mehr oder weniger absurden Welt bestehen muss.
In Großbritannien können Michael Caine, Bill Nighy oder Hobbit-Darsteller Martin Freeman als Prototypen dieses Charakters gesehen werden. Die Besonderheiten hier sind im Gegensatz zum geradlinigen amerikanischen Typus ein gewisses Understatement, trockener Humor und eine leichte soziale Verschrobenheit. In Deutschland sind – historisch betrachtet – Heinz Rühmann und aktuell Joachim Król oder Bjarne Mädel Beispiele für den integeren Durchschnittstypen. Auch sie geben häufig unauffällige, pflichtbewusste und etwas unbeholfene Normalos.
Tom Hanks wird wegen seiner verlässlichen Art mittlerweile scherzhaft als „America’s Dad“ bezeichnet. Schon dieser Spitzname zeigt, wie sehr sich seine Filmrollen und sein öffentliches Image miteinander verbunden haben. Der britische Filmwissenschaftler Richard Dyer beschreibt das Phänomen als „Star Image“: Das Bild, das die Öffentlichkeit von einem Star hat, entsteht sowohl durch seine Rollen als auch dadurch, wie er in den Medien dargestellt wird und was das Publikum letztendlich von ihm erwartet. Bei Tom Hanks gibt es zwischen diesen Ebenen nur selten einen Bruch. Auch abseits der Leinwand vermittelt er das Bild des sympathischen, anständigen Menschen. Vielleicht liegt gerade darin sein anhaltender Erfolg: Er steht für eine Form von Verlässlichkeit, nach der sich viele sehnen.