Wenn man Tom Hanks über die Jahre schon mehrmals zu Interviews getroffen hat, fällt auf, dass ihm der Erfolg nicht zu Kopf gestiegen ist. Frei von Allüren ist er ein aufmerksamer Gesprächspartner, der sich auf sein Gegenüber einlässt. Mal nachdenklich, mal mit einem herzhaften Lachen. Ein Best-of seiner FORUM-Interviews.
Mr. Hanks, wann wurden Sie das letzte Mal unterschätzt?
(lacht) Ich befürchte ja, dass es nicht das letzte Mal war. Aber es gibt in Hollywood tatsächlich immer noch Leute, die denken, ich bin zu nichts anderem zu gebrauchen als zu netten Familien-Filmen oder romantischen Komödien mit Happy End.
Die sind wohl über „Schlaflos in Seattle“ nie hinweggekommen.
Sieht fast so aus. Dabei ist das immerhin schon über 30 Jahre her. Ich sehe mich jedenfalls weder als komischen noch als romantischen Schauspieler. Ich bin Schauspieler. Punkt! In Hollywood ist man aber vor falschen Einschätzungen nie sicher. Erst kürzlich bin ich von einem Filmprojekt-Meeting mit Produzenten heimgekommen und dachte, alles sei in trockenen Tüchern. Bis mich am nächsten Tag mein Agent anrief und fragte: „Tom, was in aller Welt hast du gestern angestellt? Die wollen dich nicht mehr haben!“
Mittlerweile stecken Sie so eine Ablehnung locker weg, oder nicht?
Ich habe mir schon sehr früh angewöhnt, Dinge nicht so furchtbar wichtig zu nehmen. Ich bin immer sehr locker zum Vorsprechen gegangen und habe so getan, als ob es mir gar nichts ausmachen würde, wenn ich wieder mal nicht zurückgerufen wurde. Was natürlich reiner Selbstschutz war. Man durfte doch auf keinen Fall zeigen, dass man für eine Rolle vielleicht sogar gemordet hätte … Ganz so schlimm ist es heute nicht mehr. Aber es wurmt mich immer noch, wenn ich eine Traumrolle nicht bekomme.
Heißt es nicht „Das beste Parfüm für einen Schauspieler ist der Erfolg“?
Mag sein. Ich kenne schon einige Leute, die sind ganz besoffen vom Duft des Erfolgs. Ich bin es nicht. Das einzig Gute am Erfolg ist, dass man die Wahl hat. Vor allem die Wahl, „Nein“ sagen zu können. Abgesehen davon wird der Einfluss, den sogenannte Stars haben, maßlos überschätzt. Glauben Sie bloß nicht, dass ich für meinen Film „Larry Crowne“ gleich grünes Licht bekommen hätte. Auch ich musste dieses Projekt potenziellen Studios sehr lange sehr schmackhaft machen … Dabei geht es oft sehr hart zur Sache. Für die zählen vor allem demografische Prognosen, Markt- und Zielgruppen-Forschung und dergleichen. Hollywood hat sich in den letzten 40 Jahren sehr verändert.
Und dann bekam „Larry Crowne“ auch noch schlechte Kritiken und ist an der Kinokasse gefloppt.
Das tat weh, das können Sie mir glauben. Als mir unlängst ein Ehepaar beim Tanken sagte, dass sie „Larry Crowne“ total schlecht fanden, habe ich ihnen ohne Zögern das Eintrittsgeld zurückerstattet, so peinlich war mir das.
Welche Filme haben Sie denn in Ihrer Jugend begeistert?
Einer meiner Favoriten ist „Die Reifeprüfung“. Ein Film übrigens, der eine große Mitschuld daran trägt, dass ich Schauspieler geworden bin. Denn ich wollte unbedingt in solchen Filmen mitspielen. Und man konnte damals, wenn man Nichols’ Filme gut fand, ziemlich leicht Mädchen herumkriegen.
Und, hat es funktioniert?
Die dachten, wenn man auf seine Filme steht, sei man ein Intellektueller. Darauf fuhren die Girls in New York besonders ab. Der Plan war dann etwa so: Zuerst ins Kino – sagen wir in „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ oder „Die Kunst zu lieben“ –, danach auf ein, zwei Gläschen Wein ins Café, über den Film diskutieren, dann ab ins Bett (lacht). Hat tatsächlich geklappt. Ganz ehrlich.
Sie sind in den 1960ern – im Zeitalter der sexuellen Befreiung – groß geworden.
Da muss ich wohl etwas verschlafen haben. Ich bin mir sehr sicher, dass mein Leben ziemlich anders verlaufen wäre, wenn ich meine Jungfräulichkeit während meiner Highschool-Jahre verloren hätte …, was aber leider nicht der Fall war. Die 60er sind in meiner Erinnerung eine sehr wirre, fast bedrohliche Dekade. Nach dem Mord an Kennedy war unsere kollektive Unschuld ein für alle Mal den Bach hinunter. Vietnam hat uns gezeigt, dass wir unserer Regierung besser nie wieder vertrauen. Nixon setzte mit Watergate noch eins drauf. Aber es ist einfach, diese Ereignisse heute, aus einer zeitlichen und emotionalen Distanz heraus, zu beurteilen. Was mich damals wahrscheinlich am stärksten beeindruckt hat, war die Mondlandung. Deshalb war der Film „Apollo 13“ für mich wie ein großer Kindergeburtstag mit allen Schikanen.
Wann haben Sie sich denn zum ersten Mal als richtiger Mann gefühlt?
Zum Mann reift man über die Jahre, Stück für Stück. Da gibt es keinen „Jetzt bin ich ein Mann!“-Moment, den man herausschälen könnte. Man spürt es eines Tages eben. Und sicher hängt es auch damit zusammen, dass man irgendwann für mehr als nur sich selbst Verantwortung übernimmt. Und das ist mir dann in meiner zweiten Ehe auch gelungen. Mein Lebensziel ist es, am Ende meiner Tage sagen zu können: Ich habe geliebt und ich wurde geliebt! Das trifft vor allem auf meine Frau (die US-Schauspielerin Rita Wilson; Anm. d. Red.) und meine Kinder zu. Rita ist mein Glücksengel. Sie ist stark, verständnisvoll und hat ein großes Herz. Wir haben uns gesucht und gefunden. Wir passen wie zwei Puzzlestücke zusammen.
Muss man als Beschützer nicht auch vor allem körperlich fit sein? Und stark und abgehärtet?
Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich mich – mit ein paar Kollegen – für den Film „Der Soldat James Ryan“ einer militärischen Ausbildung unterzogen habe. Unser Drill-Sergeant war ein eisenharter Schleifer. Zu Beginn unseres sechstägigen Trainings hat er uns noch bei unseren Filmnamen gerufen, aber wenig später hat er dann einfach nur noch durchnummeriert: Ich war „Shit No. 1“. Wir mussten im Eisregen marschieren bis zum Umfallen, im Dreck schlafen, den Soldatenfraß herunterwürgen – und manchmal haben wir nicht einmal den bekommen. Hungern, frieren, aus allen Poren stinken, hinter den Busch scheißen mit einem Stück Farn als Klopapier – das volle Programm. Wir waren alle permanent todmüde – doch „Shit No. 1“ bis „Shit No. 8“ haben es trotzdem durchgezogen.
Hand aufs Herz: Sind Sie eigentlich Ihre Millionen-Gagen wert?
(lacht) Ich hoffe doch. Ich habe den Hollywood-Studios jedenfalls noch nie die Pistole auf die Brust gesetzt und ihnen gesagt, dass sie die dicken Dollar-Bündel in meine Richtung werfen sollen. Und wenn man die hohen Gagen von einigen wenigen Hollywoodstars jetzt dazu benutzt, den Drehbuchautoren nicht das Geld zu zahlen, das ihnen zusteht, dann finde ich das ziemlich skandalös.
Fällt es leichter, ein besserer Mensch zu sein, wenn man viel Geld hat?
Ich würde mir jetzt gerne schmeicheln, dass ich schon ein guter Mensch war, bevor ich reich wurde. Zumindest habe ich mich auch schon als armer Schlucker sehr darum bemüht, ehrlich durchs Leben zu gehen. Ich glaube nicht, dass Geld diesbezüglich eine Rolle spielt.
Glauben Sie an Gott?
Ja. Meine Frau, meine Kinder und ich gehen sogar regelmäßig in die Kirche. Ich bete zu Gott, vertraue ihm meine Sorgen und Nöte an. Und bedanke mich. Ich habe viel, für das ich mich bedanken kann. Und – Sie werden lachen – ich glaube auch an Wunder.
Wunder?
Ich habe einen Freund, der Priester ist. Der sagte mir einmal: „Tom, Wunder gibt es jeden Tag dutzendfach! Allein, dass du hier mit deinem Auto unfallfrei hergekommen bist, ist ein kleines Wunder. Oder dass du sehen kannst. Dass dein Herz überhaupt schlägt … Aber was mich zum Priester gemacht hat, ist das Geheimnis: das Geheimnis der Religion, das Geheimnis Gottes.“ Das hat mich tief beeindruckt. Was ist dieses Geheimnis? Ich stelle mir zum Beispiel oft die Frage: Warum geht es richtig schlechten Menschen oft so gut, während gute Menschen oft so schrecklich leiden müssen?
Was ist denn Ihre größte Angst?
Sicher nicht die, keinen Film in Hollywood mehr zu machen. Sondern dass wir die Welt langsam unbewohnbar machen und unseren Kindern als Scherbenhaufen hinterlassen.
Dann schauen Sie wohl pessimistisch in die Zukunft.
Ganz und gar nicht. Ich bin ein unverwüstlicher Optimist. Ich sage immer, kein Problem ist so groß, dass es nicht Stück für Stück bewältigt werden kann. Ich weiß, das sagt sich leicht, wenn man keine materiellen Sorgen mehr hat. Aber trotzdem: Wir müssen uns davor hüten, zynisch zu werden. Auch wenn es mit Blick auf die gegenwärtigen Entwicklungen in der Welt oft schwerfällt. Aber Zynismus saugt einem die Lebenskraft aus. Und wenn wir etwas nötiger haben denn je, dann sind das positive und kreative Menschen, die diese Welt verbessern wollen.
Sie haben also nicht das Gefühl, dass Sie – als Multimillionär und Superstar – in einem goldenen Käfig leben?
Überhaupt nicht. Leute, die sich so fühlen, tragen meist selbst viel dazu bei, dass es so ist. Meine Frau, meine Kinder und ich nehmen aktiv am Leben teil. Und ich nehme auch schon lange keine Filmrollen mehr an, die mich monatelang von meiner Familie trennen. Ich muss mir diesbezüglich nichts mehr beweisen.
Sie meinen, zwei Oscars sind Ihnen genug.
(lacht) Das kann man sowieso nicht planen. Und meine Oscar-Statuetten haben ja mittlerweile schon etwas Moos angesetzt. In Hollywood ist man immer nur so gut wie der letzte Film. Aber Familie geht eindeutig vor Karriere.
Aber im Filmbusiness geht es doch vor allem auch um Macht. Sie gehören zu der Handvoll Schauspieler, die in Hollywood das Sagen haben …
… und trotzdem habe ich nicht aus Machthunger, sondern aus Liebe zur Schauspielerei diesen Beruf ergriffen. Ich bin auch nicht ins Movie-Business gegangen, weil ich reich werden wollte – was ich inzwischen wohl bin –, sondern weil ich eine unbändige Lust hatte, in fremde Charaktere zu schlüpfen. Und jeder Schauspieler, der von seinem Job leben kann, ist doch ein glücklicher Mensch. Ich würde mit niemandem tauschen, selbst wenn ich die zweite Besetzung an einer Provinzbühne wäre.
Mit Verlaub, Mr. Hanks, das fällt uns schwer zu glauben.
Ist aber so.
Sie wurden noch nie in Versuchung geführt? Nicht durch das viele Geld, den Star-Ruhm?
Ruhm, was ist das schon? Marlon Brando, James Stewart, Clark Gable, Humphrey Bogart – das sind für mich Stars, deren Ruhm nie verblassen wird. Ich bin nur ein einfacher Schauspieler, der sich Mühe gibt, seine Arbeit so gut wie möglich zu machen. Und viel Geld zu haben bedeutet für mich einfach die Freiheit, mir meine Rollen selbst auswählen zu können. Oder mit meiner Familie Urlaub zu machen, wo ich will und so lange ich will.