Medfluencerin Alina Walbrun, die kürzlich ihr Medizinstudium beendet hat, ließ sich von einer Fake-Website dazu verleiten, eine nicht ganz reale Krankheit mit fiktivem Namen zu propagieren. Wie der Sachverhalt zu beurteilen ist, ist allerdings nicht ganz eindeutig.
Ob Nachrichten, Unterhaltung oder gar medizinische Ratschläge: Social-Media-Plattformen wie Youtube, Instagram und Tiktok erringen nicht nur bei der jüngeren Generation einen immer größeren Stellenwert. Sie sind einfach zugänglich und auf das persönliche Nutzungsverhalten des Konsumenten zugeschnitten. Die Creator selbst, die Inhalte für diese Plattformen produzieren, werden aufgrund ihrer Spezialisierung und indem sie Sympathie und Vertrauen bei ihrer Community aufbauen, zu Vorbildern. Dadurch tragen sie selbstverständlich auch eine gewisse Verantwortung. „Creator sind erstmal ganz normale Menschen, die sich eine größere Reichweite im Netz erarbeitet haben. Das funktioniert in der Regel über glaubwürdige oder besonders aufmerksamkeitsheischende Kommunikation“, so Dr. Stephan Dreyer, Senior Researcher für Medienrecht und Media Governance am Leibniz-Institut für Medienforschung. Umso relevanter wird dies, wenn es sich bei den vermittelten Inhalten um medizinische Informationen handelt. In diesem Fall kann jegliche Verbreitung von Falschinformationen fatale Folgen haben. Somit kommt die Frage auf, wie glaubwürdig Medfluencer sind, also medizinisch ausgebildetes Fachpersonal, das die sozialen Medien seit etwa 2016 nutzt, um Wissen zu vermitteln, und das Vertrauen von teilweise über einer Million Followern genießt.
Fake-Seite von Marvin Wildhage als Test
Aktuell sorgt insbesondere die Medfluencerin Alina Walbrun, die gerade ihr Medizinstudium abgeschlossen hat, für mediale Aufmerksamkeit: Sie ließ sich von einer Fake-Website, die von dem Investigativjournalisten Marvin Wildhage erstellt wurde, dazu verleiten, ihre Community über eine „erfundene“ Krankheit, die sogenannte „postvirale nasale Hypersensibilität“, kurz PVNH, zu informieren, gegen ein Honorar von 3.800 Euro. Grundsätzlich ist es in Deutschland erlaubt, nach einer medizinischen Ausbildung an sogenannten „Disease-Awareness-Kampagnen“, wie hier simuliert, mitzuwirken, um die Aufmerksamkeit für bestimmte Krankheitsbilder in der Bevölkerung zu erhöhen. In diesem Fall aber existierte nicht nur die PVNH in dieser Form nicht, die Influencerin erfand sogar weitere Symptome hinzu. Laut Dreyer unterliegen Medfluencer nach § 19 Medienstaatsvertrag (MStV) einer journalistischen Sorgfaltspflicht. Dazu zählen unter anderem sorgfältiges Recherchieren, wahrheitsgemäße Aussagen zu treffen und zwischen Werbung und Redaktion zu trennen. „Je größer die Reichweite und die (vermeintlich) journalistische Aufarbeitung des Beitragsthemas ist, desto höhere Anforderungen sind an die Sorgfaltspflichten der Creator bei der Aufarbeitung und Darstellung eines Themas zu stellen. Über die Einhaltung der Vorgabe wachen die Landesmedienanstalten“, so Dreyer. Die ausgedachte Krankheit geht zwar mit realen Symptomen einher, vermischt allerdings verschiedene anerkannte Krankheitsbilder, über die unter anderem auch das Deutsche Ärzteblatt schon vor Jahren berichtete. Wie Wildhage sowohl in seinem Youtube-Video vom 9. August als auch auf Anfrage der FORUM-Redaktion angab, sei der Name zwar einerseits bewusst wissenschaftlich gewählt worden, um Glaubwürdigkeit zu erzeugen; andererseits hätte die Krankheit nach kurzer Recherche leicht überprüft und als Fake entlarvt werden können. Entsprechende Hinweise auf der von Wildhage erstellten Website hätten bei den Medfluencern schon für Skepsis sorgen sollen. Bei den meisten habe dies schließlich funktioniert und sie hätten verantwortungsvoll gehandelt, so Marvin Wildhage. Die Ähnlichkeit zu anderen Erkrankungen sei allerdings durch die zusätzlichen, von Walbrun dazuerfundenen Symptome entstanden. Nach eigener Aussage im entsprechenden, mittlerweile gelöschten Reel habe sie von genau diesen in Verbindung mit besagter Krankheit schon im Medizinstudium gehört.
Was auf mangelnde Recherche und was auf bewusste Täuschung zurückzuführen ist, konnte bislang nicht mit absoluter Sicherheit geklärt werden; eine systematische Prüfung widerspräche laut Dreyer auch der „grundsätzlichen Idee von Meinungsfreiheit“. Zwar hat Walbrun letztendlich ihr Honorar als Entschädigung an die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ spenden lassen und die gleiche Summe noch mal obendrauf gelegt, jedoch war dies nicht ihr erster Fehltritt: So kursierten schon vor längerer Zeit vermeintliche Bilder aus ihrem Klinikalltag, die sie, wie sich später herausstellte, von Pinterest, einer Online-Pinnwand für Grafiken und Fotografien, übernommen hatte. Hinzu kommen Falschaussagen zur Vermeidung von Blutzuckerspitzen und zum Umgang mit einem erhöhten Cortisolspiegel, die unter anderem von dem bekannten Pharmakologen und Ernährungsmediziner Prof. Dr. Martin Smollich auf dessen Instagram-Kanal widerlegt wurden. Diese falschen Informationen sind jedoch noch immer in Walbruns E-Books auf der Internetseite ihrer eigenen Nahrungsergänzungsmittel-Marke Onegevity zu finden. Abgesehen davon gab es nach Abschluss ihres Medizinstudiums am 12. Mai Unstimmigkeiten bezüglich der Verwendung des Arztbegriffs: Walbrun hat bislang laut ihren Reels keine Approbation beantragt und strebt auch aktuell keine medizinische Tätigkeit an. In einem Reel, das Wildhage für sein Youtube-Video verwendet hat, gab sie explizit an, dass sie gerade an besagtem Tag von ihrer angeblichen neuen Managerin fälschlicherweise als Ärztin bezeichnet worden sei, vor und nach dem 12. Mai sei aber immer korrekt zwischen Ärztin und Medizinerin unterschieden worden. Allerdings zeigte Wildhage nicht nur eine E-Mail vom 12. Mai, in der sich Alina Walbrun persönlich als Ärztin bezeichnete, sondern sie selbst machte diesen Titel auch noch am 17. Mai in ihrem Podcast Optimize für sich geltend. Zuletzt entpuppte sich dann Walbruns angebliches Harvard-Studium lediglich als Fortbildungskurs, der auch online absolviert werden konnte. Trotz der Unstimmigkeiten genießt sie weiterhin das Vertrauen von 280.000 Followern, zuvor waren es über 300.000.
Auch nach mehreren Nachfragen von FORUM per E-Mail äußerte sich Walbrun jedoch nicht zu alldem. Auch war die Nachrichtenfunktion bei Instagram zeitweise blockiert.
„Es zählt der Umgang mit eigenen Fehlern“
Der Fall zeigt: Medizinische Informationen von Influencern sind grundsätzlich mit Vorsicht zu genießen. Laut Dreyer gilt, dass Medfluencer ihre Aussagen auf Basis systematischer Recherche und begründeter Studienauswahl treffen und auch so darstellen sollten. Dann sei eine wichtige Voraussetzung für die Richtigkeit der Informationen erfüllt. „Das lässt sich aus Sicht der Nutzerinnen und Nutzer aber nicht leicht überprüfen. Hinweise auf vertrauenswürdige Informationen können sein, dass ein Medfluencer angemessen auf Unsicherheiten oder Interpretationsspielräume hinweist, Zahlen und Wahrscheinlichkeiten verständlich einordnet und auf starke und einseitige Empfehlungen verzichtet.“ Lege er oder sie zudem Angaben zu den Verfassern oder Herausgebern und die Finanzierungsquelle einer Studie offen, könne die Community reflektierter mit den Ergebnissen umgehen. Weitere Anhaltspunkte für gute Praktiken beim Medfluencing sind daneben eine rechtskonforme Anbieterkennzeichnung (Impressum), die klar erkennbare Kennzeichnung werblicher Aussagen und Inhalte sowie die Beachtung des Heilmittelwerbegesetzes bei produktbezogenen Aussagen. „Schließlich ist auch der Umgang mit eigenen Fehlern vielsagend: Klare und offene Kommunikation über eigene Fehler oder Ungenauigkeiten und die Korrektur der Aussagen sind ebenfalls ein Qualitätsmerkmal“, so Dreyer.