Birgit Kuban und Katrin Müller begleiten Kinder durch die Trauer – unterstützt von den Quarter-Horses Poco und Crumble. Das Projekt haben sie bezeichnenderweise „Herzenszeit“ getauft.
Crumble wartet bereits. Die fünfjährige Quarter-Stute hebt kurz den Kopf, als Birgit Kuban auf sie zugeht. Ein leises Schnauben, ein warmer Atemzug, dann legt Birgit ihr das Halfter an. Eine ruhige Bewegung, ein klares Signal. Crumble setzt sich in Bewegung. Schon nach wenigen Minuten ist die Konzentration ganz bei ihr. „Du bist gerade gar nicht mehr bei deiner Waschmaschine oder deinem Handy“, sagt Birgit und lächelt. Der Gedankenstau tritt zurück. Crumbles Ohren, ihr Blick, ihr Atem – all das sind feine Signale, mit denen sie zeigt, wie es ihr geht. „Pferde sind im Hier und Jetzt“, sagt Birgit. „Sie holen uns genau dorthin.“ Genau hier, im genauen Spüren, beginnt „Herzenszeit“. Das Projekt begleitet Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, wenn ein nahestehender Mensch schwer erkrankt ist, im Sterben liegt oder bereits gestorben ist.
Birgit Kuban arbeitet fest im Gemeinschaftshospiz Christophorus in Berlin. Früher als Krankenschwester, heute als Trauerbegleiterin für junge Menschen, koordiniert sie ebenso die Ehrenamtlichen. In der Hospizarbeit erlebte sie immer wieder, wie Erwachsene Kinder schützen wollten, indem sie ihnen verschwiegen, dass ein naher Mensch sterben würde. „Ich habe immer gefühlt, dass das nicht richtig ist.“ Die Absicht sei liebevoll, doch Kinder spürten ohnehin, wenn etwas nicht stimmt. Bleibt das Wesentliche unausgesprochen, entstehen eigene Bilder und Ängste. Birgit absolvierte eine Weiterbildung zur systemischen Kinder-, Jugend- und Familientrauerbegleiterin. Eine größere Spende ermöglichte 2019 den Aufbau von Herzenszeit.
An Birgits Seite arbeitet Katrin Müller als qualifizierte Ehrenamtliche. Die beiden kennen sich aus der Hospizarbeit und ergänzen sich so selbstverständlich, dass manche Kinder sagen, sie seien „wie eine Person“. „Das ist bei uns wie Ping-Pong“, beschreibt Katrin ihr Zusammenspiel. Oft genügt ein Blick. Auch Leichtigkeit gehört dazu: Trauernde Kinder sind nicht pausenlos traurig.
Ein geschützter Raum für Kinder
Von Therapie möchten beide bewusst nicht sprechen. „Trauer ist keine Krankheit. Wenn wir Kindern sagen würden, wir wollen sie therapieren, würden wir das Gefühl bestätigen, das viele ohnehin schon haben: Ich bin anders. Mit mir stimmt etwas nicht.“ Es geht darum, der Trauer Worte, Bilder und einen geschützten Raum zu geben.
Die tiergestützte Begleitung begann mit Poco. Die fast 30-jährige Stute gehört seit vielen Jahren zu Birgits Leben. Ein geplanter Ansatz war das nicht, sondern die Antwort auf die Not eines Jungen, dessen Mutter sich das Leben genommen hatte. In der Gruppe provozierte er andere Kinder und schien mit der eigenen Trauer vollkommen überfordert. „Es war uns klar, dass er das nicht aus Bosheit machte“, erzählt Birgit. Schließlich konnte er nicht mehr in der Gruppe bleiben. „Dann fiel mir Poco ein.“ Sie nahm ihn mit zur Stute. „Es war Liebe auf den ersten Blick.“ Aus dieser Begegnung entwickelte sich die tiergestützte Begleitung. Poco ist ruhig, erfahren und beinahe mütterlich. „Pferde sind vorwurfsfrei“, sagt Birgit. „Sie sagen nicht: Hör’ auf zu weinen, sei wieder fröhlich. Sie nehmen uns einfach so, wie wir sind.“
Als Poco älter wurde, suchte Birgit nach einem jungen Pferd. In einer Kleinanzeige entdeckte sie Crumble in Rendsburg. Die Quarter-Horse-Stute war drei Jahre alt und noch nicht angeritten. „Wir haben sie gesehen und waren schockverliebt.“ Das Gemeinschaftshospiz schaffte die kleine Stute eigens für die Trauerbegleitung an. Zu Beginn lief sie als Handpferd neben Poco her. Heute ist Crumble fünf, wird weiter ausgebildet, geritten, vom Boden aus geführt oder durch einen Parcours begleitet. Poco bringt Gelassenheit mit, Crumble ist neugieriger und verspielter. Birgit entscheidet jedes Mal neu, welches Pferd für welches Kind passt.
Die Gespräche entstehen nebenbei
Nicht jede Begegnung beginnt mit einem Gespräch. Kinder und Jugendliche wollen häufig nicht sitzen und erklären, wie es ihnen geht. Das Pferd verändert die Situation. „Ich finde diese Dreiecksbeziehung so schön: das Kind, das Pferd und ich. Dabei bin ich erst einmal nebensächlich, und wir kommen nebenbei ins Gespräch.“ Zunächst geht es um das Tier: Wo möchte es berührt werden, braucht es Nähe oder Abstand? Gespräche entstehen beim Putzen, bei der Bodenarbeit, auf einem Spaziergang oder Ausritt. Nebeneinander und in Bewegung redet es sich leichter. Wenn ein Elternteil schwer krank ist, fragt Birgit manchmal: „Was glaubst du, wie trauert eigentlich ein Pferd?“ Über das Tier öffnen sich Themen, für die ein Kind noch keine Worte findet.
Ein festes Programm gibt es nicht. War ein Abschied möglich? Kam der Tod plötzlich? Hat das Kind oder der Jugendliche das Sterben miterlebt? „Wir schauen immer: Was braucht dieses Kind?“ Die Arbeit kann Selbstvertrauen stärken. Birgit zeigt den Kindern, wie sie das Tier mit Körpersprache in Bewegung setzen und ermutigt: „Du schaffst es, einem 480 Kilogramm schweren Pferd zu sagen, wohin es gehen soll.“ Wo Krankheit und Tod Kontrolle genommen haben, entsteht eine neue Erfahrung: Ich kann etwas bewirken, Raum einnehmen und Grenzen setzen. Katrin Müller begleitete einen Jungen dabei, seine Angst vor dem Pony auszuhalten. Nach dem Tod seiner Mutter fürchtete er, auch der Vater oder er selbst könnten sterben. „Die Angst kann bleiben“, sagt Katrin. „Aber sie ist nicht mehr so bedrohlich.“
Kinder trauern anders, als Erwachsene es häufig erwarten. Sie können bitterlich weinen und wenig später spielen oder lachen. „Ich weine ganz viel“, sagte einmal ein Kind, „aber dann, wenn es mir passt.“ Manche versuchen, zu Hause besonders fröhlich zu sein. „Ich weine nicht zu Hause, weil Papa schon so traurig ist“, hören die Begleitenden häufig. Das Kind will den Erwachsenen schützen – während der Erwachsene glaubt, das Kind schützen zu müssen. Birgit und Katrin plädieren deshalb für klare, altersgerechte Worte. Ein Verstorbener sei nicht „eingeschlafen“ oder „auf eine Reise gegangen“. Kleine Kinder könnten solche Bilder wörtlich nehmen. Gestorben heißt gestorben. Und dennoch darf das Leben weitergehen.
Zur Arbeit von Herzenszeit gehören kreative Rituale. Im Kreis werden Kerzen entzündet, Bilder gestaltet und Erinnerungen geteilt. Wer nicht sprechen möchte, darf schweigen. Steine bekommen Farben und Botschaften, Rindenschiffchen tragen Wünsche über das Wasser, Gefühlskekse geben Traurigkeit, Wut, Freude oder Hoffnung ein Gesicht. Ein Thema kehrt immer wieder: die Angst vor dem Vergessen. Wie klang die Stimme der Mutter? Was war das Lieblingsessen vom Papa? Welche Musik mochte der Opa? Auf den Blütenblättern einer Erinnerungsblume halten die Kinder solche Details fest. Im Sommer darf auch Crumbles helles Fell bemalt werden. Dann ziehen bunte Hände, Blumen und Herzen über ihren Körper. Trauer bekommt Farbe, und es wird gelacht. „Eigentlich lernen die Erwachsenen durch unsere Arbeit mit den Kindern wieder, wie man trauern darf“, sagt Birgit. Ein Kind darf lachen, obwohl seine Mutter gestorben ist. Das heißt nicht, dass es weniger trauert.
Die Nachfrage steigt von Jahr zu Jahr
Eine Begegnung mit einem Pferd kann anderthalb bis zwei Stunden dauern. Es wird geritten, durch den Wald gelaufen, vom Boden aus gearbeitet oder ein Parcours bewältigt. Mehr als ein Kind begleitet jedes Pferd deshalb an einem Tag nicht. Pferde können Kinder und Jugendliche in ihrer Trauer nur dann einfühlsam und verlässlich begleiten, wenn auch ihre eigenen Bedürfnisse geachtet werden. Ausreichender Freilauf, Sozialkontakt mit Artgenossen und Rückzugsmöglichkeiten sind unverzichtbar. Crumble und Poco wird genau dies ermöglicht. Seit 2019 ist Herzenszeit stetig gewachsen. Rund 120 junge Menschen zwischen sechs und 21 Jahren wurden bisher begleitet; seit der Gründung waren es mehr als 70 Familien – Nachfrage steigend. Zum Angebot gehören Hausbesuche, Einzel- und Familienbegleitungen, Abschieds- und Erinnerungsgruppen sowie tiergestützte, kreative und musikalische Ideen. Größtenteils wird das Projekt durch Spenden ermöglicht, da Trauerbegleitung nicht refinanziert ist. Dazu gehören Materialien und Fortbildungen ebenso wie Unterbringung, Futter, Hufschmied, Versicherungen und Ausbildung der Pferde. 2026 unterstützten die Fans von Hertha BSC das Projekt mit einer Becher-Spendenaktion im Stadion und verschafften Herzenszeit zusätzliche Sichtbarkeit. Der Verein spendete obendrauf.
Zum Abschied bekommt Crumble eine Möhre. Vorsichtig nimmt sie sie von der flachen Hand. Birgit streicht ihr noch einmal über den Hals, bevor sie zu den anderen Pferden zurückkehrt. Herzenszeit verspricht nicht, dass Trauer verschwindet. Aber das Projekt schafft einen Ort, an dem junge Menschen sie nicht verbergen müssen. Sie dürfen sprechen oder schweigen, weinen oder lachen, sich erinnern, reiten oder einfach neben einem Pferd stehen. Hier müssen sie nichts erklären. Sie dürfen einfach da sein.