Bob Dylan gilt als der größte lebende Songschreiber, als genialer Poet – und als Künstler, der seinen Fans immer wieder Rätsel aufgibt. Der 85-jährige Sänger, Songautor und Literaturnobelpreisträger geht ab Oktober wieder auf Tour durch den deutschsprachigen Raum. Da er seit Jahren kaum noch Interviews gibt, sprachen wir mit einigen seiner Wegbegleiter, um dem ewigen Rätsel Bob Dylan näherzukommen.
Geht es nach dem einflussreichen Magazin „Rolling Stone“, hat Bob Dylan mit „Like A Rolling Stone“ den besten Song aller Zeiten geschrieben. In den 1960er-Jahren berührt sein Gesang mit Gefühl, Schlichtheit, Natürlichkeit und Wärme eine ganze Generation. Bis heute ist er zudem der einzige Songschreiber, der mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. Doch kaum ein anderer Musiker polarisiert so sehr wie der am 24. Mai 1941 als Robert Zimmerman in Duluth (Minnesota) geborene Künstler. Die einen empfinden den späten Dylan als Anti-Belcanto, andere attestieren seiner näselnden Stimme eine „tolle Härte“. Sein heiseres Röcheln gilt manchen als Gegenentwurf zu den engelsgleichen Klängen seiner einstigen Weggefährtin Joan Baez.
1961 ist Dylan gerade einmal 19 Jahre alt, als er über Umwege nach New York kommt und ein Zimmer in Greenwich Village bezieht, dem damaligen Epizentrum der amerikanischen Folk-Szene. Edward Herbert Beresford „Chip“ Monck (heute 87) erinnert sich noch gut an die erste Begegnung. „Bob Dylan kam eines Tages im ‚Kettle of Fish‘ auf mich zu, das sich über dem ‚Gaslight Café‘ in der MacDougal Street 116 befand. Er sagte zu mir: ,Hey, ich habe gehört, du besitzt eine Schreibmaschine, richtig? Nun, ich brauche sie.‘ Ich fragte: ‚Darf ich nach deinem Namen fragen?‘ Er antwortete: ,Ja, ich bin Bob.‘“
Der spätere Lichtdesigner und Mitorganisator des Woodstock-Festivals stellt Dylan daraufhin sein Büro zur Verfügung. „Es war gleichzeitig mein Schlafzimmer – mit einem Stuhl und einem Schreibtisch. Bob bat mich, die Schreibmaschine dort stehen zu lassen, weil er sie brauchte. Das ging ungefähr ein halbes Jahr lang. Irgendwann fand Dylan dann andere Orte, an denen er schreiben konnte. Und das war’s.“
Chip Monck erlebt auch den historischen 25. Juli 1965, als Dylan beim Newport Folk Festival seine Akustikgitarre gegen eine elektrische Fender Stratocaster tauscht und damit Rockgeschichte schreibt. „Das war schon etwas Besonderes“, erinnert sich Monck zurück. „Robert Zimmerman beschloss an diesem Tag: ,Mal sehen, wie wir diese Leute aufrütteln können. Lasst uns elektrisch spielen! Warum eigentlich nicht?‘ Viele wollten ihn weiterhin als Folk-Barden in der Tradition Woody Guthries verehren – als den Mann, der Antworten auf alle Fragen hatte. Ich dagegen stand dort und weinte vor Freude. 1965 waren die Beatles und die Rolling Stones bereits da. Und nun spielte auch Bob Rock’n’Roll. Er sang ,Positively 4th Street‘ und andere neue Songs. Das war fantastisch. Unglaublich. Natürlich gefiel das nicht jedem.“
Damals war Monck nicht bewusst, dass er gerade Zeuge eines historischen Moments wurde. „Wenn ich heute darüber spreche, kann ich kaum glauben, dass ich wirklich dabei gewesen bin. Ich weiß nicht mehr, wie ich von New York nach Newport gekommen bin. Ich weiß auch nicht mehr, wo ich übernachtet habe. Aber ich weiß noch ganz genau, wie Bob auf der Bühne aussah, wie seine Musik klang und was ich dabei empfand. Für mich war es überwältigend, dass er den Mut hatte, eine völlig neue Richtung einzuschlagen. Ich und alle meine Freunde wollten ihm folgen. Ich wäre überall hingegangen, wo Bob hinging – und das gilt bis heute. Auch wenn manche behaupten, er könne nicht singen. Für mich ist und bleibt Bob Dylan unser Shakespeare.“
Jedes Wort ist überlegt
Selbst Graham Nash (84) von der Woodstock-Legende Crosby, Stills, Nash & Young beschreibt Dylan als keinen besonders zugänglichen Menschen. „Wenn man ihn trifft und sich mit ihm unterhält, überlegt man sich jedes Wort ganz genau“, erzählt Nash. „Man sagt nicht einfach: ‚Hey Bob, wie geht’s?‘ Er ist ein sehr scheuer Mensch.“
Die 80er gelten als das schwierigste Kapitel in Bob Dylans Karriere. Doch selbst in dieser Zeit überrascht er immer wieder. Am 22. März 1984 tritt er mit der Chicano-Punk-Band The Plugz aus Los Angeles in der David Letterman Show auf und präsentiert ein furioses Drei-Song-Set. Tito Larriva (73), damals Sänger der Plugz, ist überzeugt, dass Dylan die Band zuvor heimlich live gesehen haben muss. Eines Tages erhält die Gruppe völlig überraschend einen Anruf aus Dylans Umfeld: „Bob möchte, dass ihr zu ihm nach Hause kommt und mit ihm jammt.“ Also macht sich die Band am nächsten Morgen auf den Weg – allerdings ohne Larriva. „Ich war schließlich der Sänger. Bob brauchte mich nicht“, erzählt er lachend. „So ging das etwa neun Monate lang.“ Schließlich lädt Dylan die Plugz ein, gemeinsam mit ihm in New York in der David Letterman Show aufzutreten. Gitarrist Stevie Hufsteter lehnt jedoch ab. „Gott segne Stevie“, sagt Larriva, „aber das war die dümmste Entscheidung seines Lebens.“ Kurzerhand springt Freund J. J. Holiday ein. „Der Auftritt in der David Letterman Show war ein historischer Moment. Wir haben damals gar nicht begriffen, welche Bedeutung das hatte. Wir taten einfach, worum Bob uns bat – und wurden dafür bezahlt.“
Auch Steve Jones (70) hat seine ganz eigenen Erfahrungen mit Dylan gemacht. Im März 1987 spielt der Gründer der Sex Pistols in den Sunset Sound Studios in Los Angeles eine Session mit ihm. „Es war seltsam und großartig zugleich“, erinnert sich der Gitarrist. „So etwas hatte ich vorher noch nie erlebt.“ Überraschend erhält der Punk-Pionier einen Anruf von Dylan. „Er fragte mich, ob ich eine Band für ihn zusammenstellen könne. Ich sagte sofort zu.“
„Wir spielten einfach los“
Damals ist Jones häufig mit Paul Simonon von The Clash auf Motorradtouren durch Los Angeles unterwegs. „Also rief ich Paul an und holte außerdem den Schlagzeuger von Pat Benatar dazu. Wir trafen uns einfach im Studio. Bob kam herunter, hatte einen Stapel handgeschriebener Texte dabei und spielte Akustikgitarre. Wir standen dort mit E-Gitarre, Bass und Schlagzeug. Bob fing an zu spielen, wir stiegen ein – und dann wechselte er plötzlich zum nächsten Song. So ging das die ganze Nacht. Es war völlig bizarr.“
Einer der Titel – eine Version von „Sally Sue Brown“ – landet später auf Dylans Album „Down in the Groove“. „Normalerweise wissen wir im Studio ziemlich genau, was wir aufnehmen wollen“, sagt Jones. „Mit Bob war alles vollkommen offen. Es gab keinen Plan. Wir spielten einfach los und schauten, wohin die Musik uns führte. Es war eine sehr ungewöhnliche Art aufzunehmen.“
1991 verspürt Gene Simmons (76) den Wunsch, einmal gemeinsam mit Bob Dylan Songs zu schreiben. Da der Kiss-Bassist für sein ausgeprägtes Selbstbewusstsein bekannt ist, greift er kurzerhand zum Telefon und ruft Dylans Management an. Zunächst erhält er eine Absage. Doch wenig später hat Simmons plötzlich Bob Dylan persönlich in der Leitung. „Ah, wer ist da? Gene? Yeah, hey Gene!“
Nur ein oder zwei Tage später steht Dylan tatsächlich mit einer Akustikgitarre vor Simmons’ Tür. „Wir haben sofort angefangen zu schreiben“, erinnert sich Simmons. Dabei entstehen Songs wie „Waiting For The Morning Light“. „Alles wurde aufgenommen und anschließend auf CD gebrannt. Das Erstaunliche war, dass Bob und ich unsere Egos komplett beiseitegeschoben haben. Es ging überhaupt nicht darum, den Ring seiner Majestät Bob zu küssen. Dylan begegnete mir einfach als ganz normaler Mensch.“
Die Zusammenarbeit verläuft erstaunlich unkompliziert. „Wir schrieben drei Songs, und Bob gab sie alle ohne jede Einwendung frei. Er steuerte die Akkorde bei, ich die Melodien. Einer der Songs heißt ‚Na Na Na Na Na‘, weil wir nie einen richtigen Text dafür geschrieben haben. Wir verwendeten stattdessen eine Fantasiesprache – so wie Phil Collins bei ‚Sussudio‘ oder Gene Vincent bei ‚Be-Bop-A-Lula‘.“ Doch Simmons lässt das Lied nicht los. „Ich habe Bob im Laufe der Jahre immer wieder gebeten, endlich einen Text dafür zu schreiben. Seine Antwort lautete jedes Mal nur: ‚Mr. Kiss, schreiben Sie den Text!‘“ Simmons lacht noch heute darüber. „Ich habe dann erwidert: ,Aber du bist doch der Dichter!‘ Doch ich konnte ihn einfach nicht überreden. Also blieb der Song genau so, wie er war.“
Dass Bob Dylan nach seinen ganz eigenen Regeln lebt, weiß auch Sängerin und Gitarristin Sheryl Crow (64). „Man kann ihn nicht einfach anrufen und fragen, ob er auf einer Platte mitspielt. Er müsste von sich aus vorbeikommen und Lust haben, gemeinsam Musik zu machen.“ Trotzdem wünscht sich Crow unbedingt seine Mitwirkung auf ihrem Album „Threads“.
„Ich wusste, dass Bob mich als Künstlerin schätzt. Aber ich war ziemlich sicher, dass er auf eine direkte Einladung nicht eingehen würde. Also nahm ich stattdessen seinen Song ‚Everything Is Broken‘ auf und bat ihn anschließend um seinen Segen.“ Und der ist sehr entgegenkommend. „Bob Dylan ist brillant und völlig unberechenbar. Zu mir war er immer ausgesprochen großzügig. Er hat mich sogar regelmäßig zu seinen Partys eingeladen. Dafür werde ich ihn immer lieben.“
Der Kanadier Daniel Lanois produziert 1997 Dylans gefeiertes Comebackalbum „Time Out of Mind“. Das Werk wird mit drei Grammys ausgezeichnet und verkauft sich bis heute mehr als 1,2 Millionen Mal. Für viele Kritiker zählt es zu den größten Alben seiner Karriere. Was ist Lanois’ Geheimnis im Umgang mit einem Künstler wie Bob Dylan?
„Jedes Lied erzählt eine Geschichte“
„Nichts geschieht zufällig. Alles passiert aus einem bestimmten Grund“, sagt der heute 74-jährige Produzent. „Ich kann bestätigen, dass Bob eine außergewöhnlich komplexe Vorstellungskraft besitzt – und genau das lieben wir an ihm. Künstler wie wir erschaffen Bilder und wissen, dass jedes Lied eine Geschichte erzählt. Unsere Aufgabe besteht darin, diese Bilder hörbar zu machen, damit ein Song wirklich existieren kann.“ Die Zusammenarbeit mit Dylan hat Lanois tief geprägt. „Ich fühle mich Bob sehr verbunden. Er hat verstanden, dass wir beide unser Leben der Musik und dem Streben nach Exzellenz verschrieben haben.“
Vielleicht liegt genau darin Bob Dylans Geheimnis. Seit mehr als sechs Jahrzehnten entzieht er sich konsequent jeder Schublade und jeder Erwartungshaltung. Er bleibt unbequem, unberechenbar und voller Widersprüche – und gerade deshalb eine der faszinierendsten Figuren der Popgeschichte. Für seine Weggefährten ist er weit mehr als ein legendärer Songschreiber: Bob Dylan bleibt ein Rätsel, das bis heute nichts von seiner Anziehungskraft verloren hat.