Seit Jahren hat die Regionalliga fünf Meister, aber nur vier Aufsteiger. Nun will der DFB die vierte Spielklasse grundlegend umbauen. Das Kompassmodell verspricht sportliche Gerechtigkeit – verlangt jedoch schmerzhafte Zugeständnisse.
Ein Meister, der am Ende einer Saison nicht aufsteigt, ist im Fußball ein Widerspruch in sich. In der Regionalliga gehört er seit Jahren zum System. Fünf Staffeln ermitteln fünf Titelträger, doch nur vier dürfen in die 3. Liga. Einer bleibt garantiert zurück – weil der deutsche Fußball seine vierte Spielklasse nicht passend zu den vier Abstiegsplätzen der 3. Liga organisiert bekommt. Nun unternimmt der Deutsche Fußball-Bund einen neuen Anlauf. Auf einem außerordentlichen Bundestag am 18. Dezember soll über die Reform abgestimmt werden. Gelingt sie, steigen von der Saison 2028/29 an alle Meister direkt auf.
Dass der DFB sein höchstes Organ einberuft, zeigt, wie festgefahren die Sache ist. Seit Jahren wird diskutiert, gerechnet und nach regionalen Interessen abgewogen. Der sportlich einfache Satz „Meister müssen aufsteigen“ führte nie zu einer politisch mehrheitsfähigen Lösung. Ende Juni geriet auch der jüngste Anlauf ins Stocken. Nun hat DFB-Präsident Bernd Neuendorf die Reform zur Chefsache erklärt und Generalsekretär Holger Blask mit den Vorbereitungen beauftragt. „Die Aufstiegsregelung in der Regionalliga beschäftigt den deutschen Fußball seit Jahren. Sie muss jetzt gelöst werden“, sagt Neuendorf.
Drei Ligen wechseln sich ab
Derzeit besitzen nur die Meister der Regionalligen West und Südwest ein garantiertes Aufstiegsrecht. Die Titelträger aus Nord, Nordost und Bayern wechseln sich mit einem weiteren direkten Platz ab. Die beiden übrigen kämpfen in Hin- und Rückspiel um das letzte Ticket. Eine komplette Saison kann so in zwei Partien entwertet werden. Zwischen Regionalliga und 3. Liga liegt zudem ein erheblicher wirtschaftlicher Sprung. Wer scheitert, verliert Zeit, Geld und womöglich Spieler – obwohl er als Meister die ihm gestellte Aufgabe erfüllt hat.
Die Lösung heißt Kompassmodell. Statt fünf soll es vier Regionalligen mit jeweils 20 Mannschaften geben. Sie würden nicht dauerhaft entlang heutiger Verbandsgrenzen festgeschrieben, sondern vor jeder Saison geografisch neu zusammengestellt. Gedacht sind die Himmelsrichtungen Nord, Ost, West und Süd. Die Wege sollen möglichst kurz bleiben, Derbys erhalten werden. Die vier Meister könnten ohne Relegation aufsteigen, aus der 3. Liga steigen weiterhin vier Vereine ab. Die Rechnung wäre endlich so geradlinig wie der Wettbewerb selbst.
Vor der neuen Ordnung stünde ein schwieriger Übergang. Die Saison 2027/28 soll als Qualifikationsrunde dienen, der Start ist für 2028/29 vorgesehen. Zunächst würden 80 Mannschaften auf die vier Staffeln verteilt. Mit 20 Klubs pro Liga will der DFB möglichst viele Qualifikationsplätze schaffen und Härten abfedern. Denn nicht jeder bisherige Regionalligist könnte seinen Platz behalten. Während an der Spitze mehr Gerechtigkeit entstehen soll, wächst darunter der Druck. Für zahlreiche Vereine dürfte es um weit mehr gehen als den gewöhnlichen Klassenverbleib.
Künftig soll zudem der DFB selbst die Trägerschaft der Regionalliga übernehmen, die bislang bei den Regionalverbänden liegt. Erst eine zentrale Instanz könnte die Vereine unabhängig von festen Verbandsgrenzen zuordnen. Die Neuordnung wäre deshalb nicht bloß eine neue Einteilung der Tabelle, sondern auch eine Verschiebung von Verantwortung und Einfluss. Neuendorf verspricht sich von der Verdichtung außerdem mehr sportliche Qualität, eine stärkere Professionalisierung und eine bessere Talentförderung. Weniger Plätze erhöhen allerdings den Druck, jährlich neue Zuschnitte können Reisewege und wirtschaftliche Bedingungen verändern.
Favorit ist der Kompass wegen der Vereinsbefragungen. Bundesweit entfielen 50,6 Prozent der Stimmen darauf – eine Mehrheit, die den regionalen Graben kaum verdeckt. Im Westen stimmten 60,9 Prozent dafür, im Norden 61,5 und im Nordosten 76,3 Prozent. Im Südwesten votierten dagegen 93,1 Prozent für das Regionenmodell. Dabei blieben West und Südwest weitgehend geschützt, aus Nord, Nordost und Bayern würden zwei Staffeln. In Bayern wollten 52,4 Prozent zunächst weitere Modelle. Drei Regionen favorisierten den Kompass, zwei verweigerten ihm die Mehrheit.
Darin liegt das politische Problem. Der DFB verweist auf die bundesweite Mehrheit, die Gegner darauf, dass eine Reform nicht gegen ganze Regionen durchgesetzt werden sollte. Was aus der Vogelperspektive wie eine saubere Neuordnung aussieht, berührt Identitäten und Interessen. Der Südwesten hat wenig Anlass, seine Stellung aufzugeben: Sein Meister steigt direkt auf, seine Liga bliebe im Regionenmodell erhalten. Auch Bayern verfügt über eine eigene Regionalliga. Der Kompass verlangt Zustimmung von jenen, die für die bundesweite Lösung selbst etwas preisgeben müssten.
Für den Beschluss braucht es mehr als einen knappen Stimmungssieg. Eine Statutenänderung erfordert eine Zweidrittelmehrheit der Delegierten. Bis zum 18. Dezember muss Neuendorf aus den 50,6 Prozent Zustimmung eine breitere Allianz formen. Nach seinen Angaben steht die Bundesliga hinter diesem Weg. Jan-Christian Dreesen, Vorstandschef des FC Bayern München, nennt den Kompass den besten Kompromiss. „Entscheidend ist doch aus sportlicher Sicht, dass endlich jeder Meister direkt aufsteigt“, sagt Dreesen. Statt immer neue Varianten zu diskutieren, brauche es rasch einen tragfähigen Konsens.
Ein konfliktfreies Modell gibt es nicht. Denkbar wäre auch, die 3. Liga aufzustocken und künftig fünf Absteiger vorzusehen. Die fünf Regionalligen könnten dann bestehen bleiben, für die Änderung wäre nur eine einfache Mehrheit nötig. Doch zusätzliche Spieltage und fünf Abstiegsplätze würden das Problem in die 3. Liga verlagern. Neuendorf schließt diesen Weg aus. Auch eine zweigleisige vierte Profiliga wurde diskutiert, sie könnte mit weiteren Reisen und höheren Kosten jedoch zahlreiche Vereine überfordern.
Die Aufstiegsreform-Initiative legt sich nicht ausschließlich auf eine Struktur fest. Ihr Sprecher Tommy Haeder formuliert den Maßstab knapp: „Wir sind als Initiative mit der Forderung angetreten: Meister müssen aufsteigen.“ Ein anderes Modell wäre ebenfalls denkbar, doch Haeder hält es für deutlich schwieriger, dafür eine ähnlich breite Basis zu finden. Neuendorfs Vorstoß begrüßt er ausdrücklich: „Wir sind sehr dankbar, dass Bernd Neuendorf seinen Worten nun Taten folgen lässt.“ Auch Fanszenen werben für vier Staffeln und vier direkte Aufsteiger.
Trotzdem wäre es zu einfach, die Gegner als Bewahrer eines ungerechten Zustands darzustellen. Gestritten wird vor allem darüber, wie der Preis der Reform verteilt wird. Für viele Vereine ist die Regionalliga der höchste dauerhaft finanzierbare Wettbewerb. Fahrtkosten, Zuschauerinteresse und Derbys hängen von ihrem Zuschnitt ab. Eine auf der Karte logische Staffel kann wirtschaftlich ungünstiger sein als eine gewachsene. Das Kompassmodell muss beweisen, dass seine flexible Einteilung nicht jedes Jahr neue Grenzfälle produziert.
Der Bundestag entscheidet damit über mehr als die Zahl der Staffeln. Es geht darum, ob der DFB nach Jahren ergebnisloser Debatten ein erkanntes Problem gegen Einzelinteressen lösen kann. „Wir müssen im Fußball aufpassen, dass wir nicht zum Sinnbild der Reformunfähigkeit in Deutschland werden“, warnt Neuendorf. Nun gibt es einen Zeitplan, einen Antrag und einen Entscheidungstag. Das beendet die Hängepartie nicht, erschwert aber ihre folgenlose Verlängerung durch die nächste Arbeitsgruppe.
Für die Vereine geht es auch um Existenz
Bis Dezember muss der DFB vor allem Bayern und den Südwesten überzeugen und erklären, wie Staffeln gebildet, Härtefälle behandelt und Rivalitäten geschützt werden. Für die Vereine geht es um Reisen, Einnahmen und womöglich ihre Existenz in der vierten Klasse. Der Maßstab bleibt dennoch sportlich: Eine Liga verliert an Glaubwürdigkeit, wenn ihr Meister nicht aus eigener Kraft aufsteigen kann. Der Kompass löst nicht alle Konflikte, ordnet sie aber einem klaren Prinzip unter: vier Regionalligen, vier Meister, vier Aufsteiger. Am 18. Dezember entscheidet sich, ob diese Formel Wirklichkeit wird. Ein Scheitern ließe sich kaum noch mit fehlenden Vorschlägen erklären – sondern nur mit der Unfähigkeit, sich auf einen davon zu einigen.