Marc-André ter Stegen ist einer der besten Torhüter seiner Generation. Seine Geschichte in der Nationalmannschaft ist dennoch fast schon eine tragische. Bekommt sie nun ein Happy End?
Als endlich seine Zeit kommen sollte, die Belohnung für all die Jahre der Loyalität und Geduld, begann für Marc-André ter Stegen die schwerste Phase seiner Fußballer-Karriere. Im Sommer 2024 trat Manuel Neuer, für viele der beste Torhüter, den es je gab, aus der deutschen Nationalmannschaft aus. Und ter Stegen, der wohl beste Ersatztorhüter der Welt, sollte endlich zur Nummer 1 werden. Doch statt der Erlösung folgte eine Leidenszeit. Nun darf ter Stegen erneut hoffen, dass sich doch noch all seine Leistungen und Mühen auszahlen. Es wäre die verdiente Pointe einer der kuriosesten Nationalmannschafts-Karrieren. Aber der Reihe nach. Ter Stegen ist in Mönchengladbach geboren und tritt schon im Alter von vier Jahren der großen Borussia bei. Er durchläuft alle Jugendmannschaften. Ins Tor kommt er, wie er sagt, „weil ich einen scheiß Laufstil hatte“. Und schon mit 18 Jahren macht ihn der Trainer Lucien Favre zur Nummer 1 der Profis. Sein erstes Spiel ist gleich ein Derby gegen den 1. FC Köln, mitten im Abstiegskampf. Die Borussia gewinnt 5:1, ter Stegen zeigt unter anderem eine Glanzparade gegen Lukas Podolski, dribbelt dessen Sturmkollegen Milivoje Novakovic beim Stand von 0:0 im Strafraum aus und Favre stellt klar, dass seine Nominierung keine einmalige Sache gewesen ist. „Er ist solide. Er ist ruhig. Und er ist einfach gut“, sagt der Schweizer in seiner sachlichen Art. Weil ter Stegen keine Interviews geben soll, redet die „Rheinische Post“ mit seiner Verwandtschaft, um ihn zu porträtieren. Seine Mutter Renate erzählt, dass er „ein braver Junge“ sei und Apfelpfannkuchen mag. Favre werde immer eine besondere Person in seinem Leben sein, sagt ter Stegen Jahre später, „da er mir in einem Moment Vertrauen geschenkt hat, in dem mir kaum jemand etwas zugetraut hätte“.
Kurz darauf kennt ihn ganz Fußball-Deutschland. Er steht in den letzten sechs Saisonspielen und der erfolgreichen Relegation gegen Bochum im Tor und erhält im „kicker“ nie eine schlechtere Note als 3,0. Als er am 1. Spieltag der neuen Saison die Bayern-Stars beim 1:0-Auswärtssieg nervt, ist sein endgültiger Durchbruch geschafft. Dass das Siegtor aus einem Fehler von Neuer resultiert, ist zu diesem Zeitpunkt nur eine Fußnote.
Bis zum Debüt in der Nationalmannschaft dauert es beim früheren U17-Europameister noch eine Weile, selbst die U21 ruft erst im Februar 2012, fast ein Jahr nach dem Liga-Debüt, doch dann geht alles ganz schnell. Im Mai 2012, direkt vor der EM, beruft Löw ter Stegen, und im letzten Test vor der Nominierung in der Schweiz steht er als zweitjüngster Torwart-Debütant der Geschichte nach Eike Immel auch direkt im Tor. Es wird zum Desaster. Deutschland verliert 3:5, ter Stegen erhält im „kicker“ die Note 5,5, und zwei Tage später verkündet Löw, dass er nicht zu den drei Torhütern gehört, die zur EM fahren. Ganz raus ist er nicht. Bei seinem zweiten Länderspiel im August 2012 wird er nach einer Roten Karte gegen Ron-Robert Zieler eingewechselt und hält als erste Aktion den Elfmeter von Lionel Messi. Doch bis zu seinem dritten Länderspiel dauert es zehn Monate, und auch das geht völlig schief. Beim 3:4 in den USA unterläuft ter Stegen ein Slapstick-Fehler, der „kicker“ gibt ihm erneut eine 5,5. In den kommenden fast drei Jahren macht er nur noch ein Länderspiel, eine Halbzeit in einem kompletten Reservisten-Team vor der WM 2014. Bei der wird ihm wieder Zieler als dritter Torwart vorgezogen und darf sich deshalb an seiner Stelle Weltmeister nennen. Und als ihm in seinem sechsten Länderspiel im Mai 2016 wieder ein kapitaler Fehler unterläuft, titelt die „Süddeutsche Zeitung“ groß: „Ter Stegen, Tollpatsch im DFB-Trikot“. Der „Stern“ veröffentlicht „fünf Gründe, warum ter Stegen bei der Nationalelf nicht im Tor stehen darf!“
Sein Status war längst gefestigt
Dass er aus dem Team fliegt, muss er da aber nicht mehr befürchten. Längst ist sein Status zu gefestigt. Seit zwei Jahren spielt er inzwischen für den FC Barcelona, ist gerade vom Torhüter für die Pokalwettbewerbe zum unumstrittenen Stammkeeper beim Weltklub aufgestiegen. Beim Konföderationen-Pokal 2017 gibt Bundestrainer Joachim Löw dennoch erst einmal Bernd Leno, seinem Dauer-Rivalen aus Jugendtagen, den Vorzug. Zum zweiten Spiel rückt dann aber ter Stegen ins Tor, hält gut und führt das Team zum Titel. Da Neuer mit einem Mittelfußbruch ausfällt, macht ter Stegen im Jahr darauf die meisten Spiele. Doch Neuer wird rechtzeitig fit, steht bei der WM 2018 im Tor. Er spielt wie viele andere beim ersten Vorrunden-Aus Deutschlands jedoch keine gute WM und schwächelt auch sonst ungewöhnlich oft. Es werden Rufe nach einer Wachablösung laut. Bayern-Ehrenpräsident Uli Hoeneß wittert gar eine Kampagne und zetert: „Die westdeutsche Presse unterstützt den ter Stegen extrem, wie wenn er schon 17 Weltmeisterschaften gewonnen hätte, und hier von der süddeutschen Presse gibt es keine Unterstützung.“
Doch an Neuer ist auch in Zukunft dauerhaft kein Vorbeikommen. Ter Stegen wird oft als die „beste Nummer zwei der Welt“ betitelt, als einer, der in jeder anderen Nationalmannschaft Stammkeeper wäre. Doch er spielt eben in einer Generation mit dem übergroßen Neuer. Obwohl der damalige Gladbacher Nachwuchsdirektor Roland Virkus erklärt, ter Stegen sei „genauso verrückt wie Oli Kahn“, er sei „ernst und verbissen“ und man „könne denken, er kann nicht lachen, so sehr brennt er vor Ehrgeiz“, nimmt er aber seine Rolle an. Obwohl er als Stammtorhüter aus Barcelona Ansprüche stellen könnte, formuliert er diese nie offensiv. Ein Aufstand der Nummer zwei, wie einst von Uli Stein gegen Toni Schumacher oder Jens Lehmann gegen Kahn, entsteht nicht mal im Ansatz. Ter Stegen sitzt auf der Bank und wartet, arbeitet weiter. Wenn er gebraucht wird, ist er da, und wenn Neuer zurück ist, akzeptiert er ohne öffentliches Murren wieder seine Rolle als Nummer zwei. Wie 2024, als er nach einem Jahr als Vertreter wegen Neuers Skiunfall vor der Heim-EM 2024 wieder auf die Bank muss. Ter Stegen ist zwar fast sechs Jahre jünger als Neuer, aber auch schon in den 30ern und man fragt sich bald, ob das überhaupt je klappen wird. Der „Spiegel“ hat schon drei Jahre zuvor geunkt: „In der Torwartfrage ist es ein bisschen wie beim britischen Königshaus: Bei der Thronfolge muss man sehr lange warten, und wenn der Moment gekommen ist, könnte es sein, dass man dann schon zu alt ist.“
Bei Barça wurde er ausgebootet
Doch nach der EM tritt Neuer zurück und der Weg ist frei. In Barcelona wird ter Stegen zum Kapitän ernannt, Bundestrainer Julian Nagelsmann erklärt ihn zur „klaren Nummer 1“. Das sei er „verdientermaßen“, denn „er hat über Jahre hinweg bei Barcelona Topleistungen gezeigt und es sich verdient.“ In den ersten beiden Spielen nach der EM steht er 90 Minuten im Tor, dann passiert es. In einem Ligaspiel erleidet ter Stegen bei einer harmlos aussehenden Szene einen Riss der Patellasehne im rechten Knie und fällt den Rest der Saison aus. Nagelsmann spricht von „einem großen Schock für uns“. Hoffenheims Oliver Baumann übernimmt, doch die Tür für ter Stegen steht immer offen. Bis ihn erst Barça auf wenig schöne Art und Weise plötzlich ausbootet und er sich dann erneut verletzt, diesmal am Rücken. Weil er in Barcelona nicht mehr die Nummer 1 werden kann und Nagelsmann als einzige Bedingung Spielpraxis verlangt, lässt sich ter Stegen nach Girona ausleihen. Und verletzt sich sofort wieder. „Letztes Wochenende passierte das Schlimmste“, schreibt er bei Instagram, als klar ist, dass er sich am Oberschenkel operieren lassen muss. „Ich bin ein positiver Mensch. Ich hatte schon immer diese Einstellung und habe sie bei jeder Herausforderung, der ich mich stellen musste, beibehalten“, schreibt ter Stegen, „aber diese Herausforderung ist besonders schwer für mich.“
Nagelsmann holt für die EM kurzfristig Neuer aus dem DFB-Ruhestand. Doch nach dessen zweitem Rücktritt soll der inzwischen zu Ajax Amsterdam gewechselte ter Stegen nun die klare Nummer 1 sein. Verdient hat er es allemal, das Potenzial dazu hat er ebenso zweifelsfrei. Bleibt nur zu hoffen, dass ihn auf dem Weg zum allerersten Turnier als Stammtorhüter bei der EM 2028 nicht wieder sein eigener Körper ausbremst.