Einst war Łódź eine schmutzige Textilstadt mit wenig Charme. Heute gehört sie zu den schönsten Kultur- und Kunstmetropolen Europas und hat schon unzählige Filmschaffende angelockt.
Warschau, Poznań oder Krakau – unbedingt! Aber Łódź – wer will schon nach Łódź? Łódź (nicht Lodsch, sondern ganz weich „Wuuhdsch“ ausgesprochen) ist vielleicht nicht Liebe auf den ersten Blick, aber nur einen Wimpernschlag später fragt man sich, warum man einen Besuch bislang nie auf dem Schirm hatte. Man sollte gut zu Fuß sein, denn die Sehenswürdigkeiten sind weit verteilt über die drittgrößte Stadt Polens.
Das sah Anfang des 19. Jahrhunderts noch ganz anders aus, da war Łódź ein unbedeutendes Nest mit kaum mehr als 100 Einwohnern. Das änderte sich schlagartig, als die Stadt infolge des Wiener Kongresses 1815 dem russischen Zaren Alexander II. unterstellt wurde. Der Monarch brauchte Uniformen für seine Soldaten, und Łódź, gelegen an 19 Flüssen, empfahl sich ihm regelrecht, hier eine Textilindustrie aufzubauen. Die fehlenden Menschen warb er kurzerhand mit einem Dekret an, indem er Tuchmachern aus den Textilhochburgen in Sachsen, Böhmen und Schlesien zahlreiche steuerliche und andere Vergünstigungen versprach. Tausende strömten in der Hoffnung auf ein besseres Leben ins „gelobte Land“. 1887 war die Stadt bereits auf mehr als 300.000 Menschen angewachsen und Łódź zum „Manchester Polens“ geworden. Textilbarone wie Ludwik Geyer, Karol Scheibler und Izrael Poznański bauten gewaltige Fabrikanlagen. 546 Fabriken mit 70.000 Arbeitern gab es Anfang des 20. Jahrhunderts in der Stadt. Noch bis Ende der 1980er-Jahre rauchten die Schlote, dann setzte der Niedergang ein. Die Fabriken schlossen, jeder vierte Einwohner wurde arbeitslos, ein Drittel der fast eine Million Einwohner verließ Łódź. Perspektivlosigkeit über die eigene Zukunft und die der Stadt, die zum Glück im Zweiten Weltkrieg nicht zerstört wurde, machte sich breit.
Bis die Stadtväter Anfang der 2000er-Jahre aus ihrer Ohnmacht und Ratlosigkeit erwachten und – wie einst Alexander II. – nach Experten sowie Investoren riefen, die den alten Industriebauten neues Leben einhauchen. Viele sahen das riesige Potenzial hinter den alten Backsteinmauern, und in nur etwa 25 Jahren verwandelte sich die einstige schmutzige Industriestadt in eine der bedeutendsten Kultur- und Kunstmetropolen Europas. Viele der Fabrikgebäude und die meisten der etwa 200 ehemaligen prachtvollen Fabrikantenvillen wurden zu Veranstaltungsorten, Museen, Restaurants und Einkaufszentren.
Ein Musterbeispiel dafür, was machbar ist, wenn Visionen lebendig werden, ist die ehemalige Textilfabrik des jüdischen Fabrikanten Izrael Poznański, in den 1870er-Jahren eine der weltweit größten ihrer Art. Nach mehr als zehnjähriger Bauzeit hat sich das 27 Hektar große Areal neu erfunden. Wo einst Tausende unter unerträglichem Lärm und Dreck schufteten, öffnete 2006 „Manufaktura“, eines der größten Kultur-, Einkaufs- und Unterhaltungszentren Polens. Rund 300 Geschäfte und Restaurants, ein Kino, Museen, eine Kletterhalle sowie ein Hotel locken jährlich 20 Millionen Menschen an.
Alte Villen und Straßen als Filmkulissen
In die schlossartige Villa Poznańskis direkt neben der einstigen Baumwollspinnerei zogen das Stadtmuseum und eine Ausstellung über das Leben des weltberühmten Łódźer Pianisten Artur Rubinstein ein. Die prachtvollen, original erhaltenen Räume, die von Poznańskis Hang zum Größenwahn erzählen, dienten einem der bedeutendsten polnischen Regisseure, Andrzej Wajda, 1975 als Kulisse für sein Filmepos „Das gelobte Land“. Es erzählt – basierend auf dem gleichnamigen Roman des polnischen Literaturnobelpreisträgers Władysław Reymont – die Geschichte der aufstrebenden Textilindustriestadt Ende des 19. Jahrhunderts. Wajda verband eine besondere Beziehung zu Łódź, hatte er doch an der dortigen Filmhochschule –
der einzigen des Landes – sein Handwerk erlernt. Anlässlich seines 100. Geburtstages in diesem Jahr ehrt ihn die Stadt mit zahlreichen Ausstellungen und Veranstaltungen. Auch die Piotrkowska-Straße, die ihre Existenz der aufstrebenden Textilindustrie verdankt, diente als authentische Kulisse für seinen Film. Mit 4,2 Kilometern Länge war sie einst eine der luxuriösesten Handelsstraßen Europas.
Viele der steinreichen Industriellen ließen sich hier prachtvolle Villen bauen. Luxusgeschäfte, Hotels, Vergnügungslokale und Banken prägten das Bild. Seit den 1990er-Jahren wurde sie restauriert und zu einer Fußgängerzone umgestaltet. Jedes Haus atmet Geschichte: In der Nummer 78 wurde 1887 Artur Rubinstein geboren, heute „sitzt“ er als Bronzeplastik davor an seinem Flügel und lädt zu Selfies mit dem Maestro ein. Genau so wie die Bank vor der Nummer 104, von der aus der 1894 in Łódź geborene bekannte polnische Dichter Julian Tuwin das Treiben beobachtet. „Andere Dichter mögen Ganges, Sorrent und die Krim preisen. Ich aber bevorzuge Łódź! Ihr Dreck und Rauch sind mir Glück und Freude“, schrieb er 1920. Sich zu ihm auf die Bank zu setzen und seine Nase zu streicheln, soll Glück bringen, heißt es. Kein Wunder, dass sie mit der Sonne um die Wette glitzert.
Nur die Rosenpassage im Innenhof der Piotrkowska 3 kann da noch einen draufsetzen – hier hat die polnische Künstlerin Joanna Rajkowska 800 Quadratmeter Hausfassaden mit unzähligen winzigen Mosaikspiegelteilchen verkleidet.
Ein Blick hinunter auf die Straße selbst lohnt ebenfalls. Auf Höhe des „Grand Hotels“, dem mit 135 Jahren ältesten Hotel der Stadt, beginnt der „Walk of Fame“, der, nach dem Vorbild Hollywoods, mehr als 60 berühmte polnische Filmschaffende ehrt und darüber hinaus die Bedeutung von Łódź als Filmstadt unterstreichen soll. Viele renommierte Filme wurden seit Kriegsende hier gedreht, 2017 wurde „Hollyłódź“ (Holly-Wudsch), wie man die Stadt auch nennt, in das Unesco Creative Cities Network aufgenommen und zur „Unesco City of Film“ ernannt. Mehr über die lange Filmgeschichte der Stadt erzählt das Museum für Kinematografie, das in der ehemaligen Villa des Textilfabrikanten Karl Scheibler sein Domizil gefunden hat. Neben 70.000 Exponaten und 20.000 Filmplakaten kann man auch die original erhaltenen Wohnräume der Familie Scheibler besichtigen.
Die meisten der Fabriken kommen heute wie geleckt daher – einige aber strahlen trotz Sanierung noch einen morbiden Charme aus, wie das szenige „Off Piotrowska“ auf Höhe der Piotrowska 138. Die einstige Baumwollspinnerei von Franciszek Ramisch vereint ein buntes Sammelsurium von coolen Restaurants und Kreativwerkstätten – ein beliebter Treffpunkt nicht nur bei hippen jungen Leuten.
Łódź hat mehr als 30 Museen, das am meisten besuchte braucht kein Dach: die Street-Art-Galerie mit rund 200 riesigen, über die ganze Stadt verteilten Wandgemälden. Alles begann 2009 mit einem Street-Art-Festival, zu dem Künstler aus dem In- und Ausland eingeladen wurden, graue Hausfassaden „aufzuhübschen“. Seitdem ist das alljährliche Festival zu einem Stück Identität der Stadt geworden. Eines der bekanntesten Murals ist ein sehr besonderes Porträt von Artur Rubinstein in der Sienkiewicza- Straße 18 des brasilianischen Künstlers Eduardo Kobra.
Vicky Leandros Schlagerhit „Theo, wir fahr’n nach Lodz“ geht wahrscheinlich auf ein jiddisches Schmählied zurück, das irgendwann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Łódź entstanden ist. „Jizchak, komm mit nach Łódź“, wird darin die jüdische Landbevölkerung aufgerufen, ihrem armseligen bäuerlichen Leben den Rücken zu kehren und in der aufstrebenden Stadt ihr Glück zu finden. Mit Fleiß und Unternehmergeist könne man im „gelobten Land“ zu Wohlstand kommen. Sie kamen, seit es den Juden 1848 erstmals erlaubt wurde, sich in der Stadt niederzulassen, zu Tausenden. Fast 100 Jahre lang lebten die Juden friedlich mit Deutschen und Polen zusammen, und so mancher fand tatsächlich sein Glück. 1882 wurde die erste Synagoge erbaut, 1892 der – nach Berlin-Weißensee – heute zweitgrößte jüdische Friedhof angelegt. Anfang 1939 lebten 233.000 Juden in Łódź, jeder dritte Einwohner war jüdischen Glaubens. Vier große Synagogen und etwa 200 kleinere Gebetshäuser gab es inzwischen. Bis auf eine, deren Rettung ausgerechnet einem Deutschen zu verdanken ist, zerstörten die Nazis alle jüdischen Einrichtungen, als sie im September 1939 in Łódź einmarschierten und die Stadt schon bald in Litzmannstadt umbenannten. Im April 1940 machten sie den vorwiegend von Juden bewohnten Stadtteil Bałuty zum Ghetto Litzmannstadt, einem der größten im sogenannten Dritten Reich.
160.000 Menschen in KZ deportiert
Ab 1941 karrten die Nazis Juden und Roma aus ganz Europa dorthin, von wo aus sie von 1942 bis 1944 in die Konzentrationslager nach Auschwitz, Sachsenhausen, Ravensbrück oder Kulmhof am Ner deportiert wurden. Nur knapp 900 überlebten das Ghetto. In der ehemaligen Bahnstation Radegast, dem sogenannten Verladebahnhof, erinnert seit 2005 eine Holocaust-Gedenkstätte an die 160.000 Menschen, die von hier aus in die Gaskammern geschickt wurden.
Anlässlich des 60. Jahrestages der Auflösung des Ghettos im August 1944 entstand auf Initiative der Überlebenden Halina Elczewska auf einer 8,4 Hektar großen Brache eine sehr besondere Erinnerungsstätte: der Park der Überlebenden. Hier pflanzten Ghetto-Überlebende oder deren Nachkommen aus aller Welt Erinnerungsbäume. Rund 700 sind es bereits und jedes Jahr kommen weitere hinzu.
Ein Denkmal im Park erinnert seit 2019 an fast 7.000 Polen, die von der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem mit dem Titel „Gerechte unter den Völkern“ ausgezeichnet wurden.