„Die Vierte Kränkung – Menschlicher Geist im Schatten der Künstlichen Intelligenz“ heißt das von Rüdiger Safranski kürzlich erschienene Buch. Der Literaturwissenschaftler, Philosoph und Schriftsteller befasst sich mit der Frage, wie Künstliche Intelligenz unser Selbstverständnis als Menschen verändert.
Herr Safranski, der Titel Ihrer Betrachtung „Die vierte Kränkung“ löste bei mir die Überlegung aus: Welche drei gehen voran? Eine einzige ist mir eingefallen: der Tod. Was kommt, Ihrem Buchtitel gemäß, vor dem Algorithmus?
Ich knüpfe an ein Wort von Freud an. Der hat einmal von den drei Kränkungen des Menschengeschlechts gesprochen: Die erste Kränkung ist die kopernikanische – unsere Welt, unser Planet, ist nicht im Mittelpunkt. Die zweite Kränkung war aus seiner Sicht die biologische – wir stammen vom Affen ab oder haben mit den Affen gemeinsame Vorfahren. Und die dritte verband Freud mit seinem eigenen Projekt, der Entdeckung des Unbewussten, und dem Grundsatz, dass das Bewusstsein nicht Herr im eigenen Hause ist. Ich hatte den Gedanken, die Künstliche Intelligenz als vierte Kränkung zu bezeichnen. Die KI ist ja nun tatsächlich eine gigantisch neue Technik, die ganz große Herausforderung, die, wie ich meine, auch eine Kränkung darstellt.
Warum sollte der Mensch über seine Schöpfungen gekränkt sein? Ich war nicht beleidigt, als der Texas-Instruments-Taschenrechner im Klassenzimmer erlaubt war, im Gegenteil.
Sie haben vollkommen recht. Das ist der große Unterschied zu den drei anderen Kränkungen. Diese vierte Kränkung ist – wenn es denn eine ist, eine selbstgemachte – das von der Menschheit, vom Erfindungsgeist des Menschen erzeugte Produkt. Jetzt kommt aber das Interessante dazu. Man könnte sagen: Die Technik hat immer an Organen angesetzt, an körperlichen Organen, die sie gesteigert hat – die Wurfkraft, die Hebekraft, wir sehen weiter, wir kommunizieren weiter. Aber von der KI lässt sich sagen, sie setzt nicht nur körperlich an, sondern am Geist. Nun gut, kann man sagen, er gehört natürlich zu unserem Körper, aber es ist doch noch mal eine andere Sphäre. Wenn wir bemerken, dass unser Bewusstsein, unser Geist, nicht einfach nur – wie Freud das gesehen hat – vom Unbewussten regiert wird, sondern dass der Geist, den wir in der Maschine erzeugen, der Maschinen-Geist, uns selbst überlegen ist, dann ist das für mich eine Kränkung. Wenn man dem weiter nachspürt, ist es ja viel mehr.
„Der menschliche Geist ist mit schöpferischer Spontaneität“ ausgestattet. Das ist die KI nicht, sie schöpft aus dem menschlichen Fundus. Der menschliche Geist gebiert aber auch viel Blödsinn.
Ja, das ist es ja. Ich würde sogar so weit gehen, zu sagen: Da, wo die KI halluziniert und nicht immer verlässlich ist, da kommt sie mir besonders menschlich vor. Wir sind einen großen Teil unserer wachen Existenz eigentlich auch voller Halluzinationen (lacht) – das ist nicht der Punkt. Anfang 2022 habe ich mir ChatGPT installieren lassen. Ich bemerkte die ungeheure Suggestionskraft und in der Wirkung eine ganz große Ähnlichkeit mit dem menschlichen Geist.
Was, oder wen, würden Sie bevorzugen: einen gut gelaunten Roboter oder ein schlecht gelauntes menschliches Gegenüber?
Ein schlecht gelauntes menschliches Gegenüber! Mein entscheidender Punkt ist: Wir müssen uns klarmachen, die KI – so menschenähnlich sie wirkt – ist etwas Totes! Ich will mir nicht das Tote als lebendig vorspiegeln lassen. Wenn das KI-Produkt aktiv vom Hersteller so konditioniert wird, dass ich in der Emotionalität richtig betrogen und hinters Licht geführt werde, und man sich dadurch in einer Pseudokommunikation befindet – dann wird es für mich obszön.
Mit der KI drohe der „Ernstfall des Verschwindens des Autors“. Solange der Buchkäufer weiß, dass ein Text von der KI zusammengesetzt wurde, bitte schön. Plagiiert wurde schon vor der KI. Moralisch wie rechtlich ist beides problematisch. Welche Konsequenz zeitigt das „Verschwinden des Autors“?
Ich möchte mich nicht in einen Text einfühlen, der von einer Maschine stammt. Mittlerweile gehen wir auf eine Zeit zu, wo die Texte der KI immer besser werden. Für mich ist das eine Situation, wo wir in ein Zwielicht gelangen und das Lebende nicht mehr vom Toten unterscheiden können. Das Tote bietet sich dar, als sei es etwas Lebendiges. Ich stelle für mich den Grundsatz auf, dass das, was nach 2022 entstanden ist, den Anfangsverdacht erfüllt, nicht von einem Menschen zu stammen, sondern von einer Maschine. Dann halte ich mich, soweit es geht, davon fern. Ich weiß, es geht nicht weit, weil man von diesem ganzen Zeug überschüttet wird. Aber ich will kein Leichenfledderer werden.
Ja, aber wenn Ihnen vorab angezeigt wird, dass der Buchinhalt von der KI stammt …
Bei einem maschinengenerierten Text habe ich ein Beklemmungsgefühl und ein Gefühl von verminderter Neugier. Ich weiß, man muss sich zurechtfinden, aber ich zögere. Ich habe nichts dagegen, wenn eine KI Gebrauchsanleitungen schreibt. Aber stellen Sie sich vor, und das ist ja auch geschehen, dass ein Ministerpräsident bei einem Holocaustgedenktag eine Betroffenheitsrede hält, die von einer KI formuliert ist. Oder in der Kirche Predigten, die von der KI stammen. Oder KI spielt den Seelenarzt bei uns. An solchen Beispielen merken Sie, welche Grenze da überschritten wird.
„Wenn die Maschinen den Menschen simulieren, dauert es nicht lange, bis die Menschen sich den Maschinen angleichen, indem sie wie diese funktionieren – oder durchdrehen.“ Herr Safranski, glauben Sie das wirklich?
Ja. Und zwar gerade deswegen, weil ich glaube, dass die Annäherung an die Maschine bereits erfolgt ist, die innerliche. Wir haben immer mit Maschinen zu tun, aber diese innerliche Annäherung an das Maschinelle, die Selbstverdinglichung, Selbstmechanisierung, die schreitet tatsächlich voran. Es ist schön, dass Sie diese provokative Äußerung zitiert haben, weil ich damit auch wirklich provozieren will. Der zweite Aspekt dabei ist auch noch der, dass, wenn wir vermehrt die Maschine für uns denken lassen, und wir das dauerhaft machen, müssen wir ja auch damit rechnen, dass sich Organe, die man nicht mehr nutzt, zurückbilden. So ist das auch mit dem Denken. So ist das auch mit dem Imaginären. Wenn wir uns nur noch von den Bildern füllen lassen, die bereits erzeugt sind von den Maschinen, dann bildet sich unser inneres bildgebendes Verfahren zurück. Es bildet sich unsere Fantasie zurück. Kurzum, die Maschinen werden wohl immer intelligenter, und wir werden immer dümmer. Wenn wir als Zivilisation mit dem Seelenlosen immer weiter Umgang haben, dann sage ich Ihnen: Wir werden immer mehr und mehr innerlich absterben. Das ist für mich ein zentraler Satz: Mit der KI wächst für mich der Anteil des Toten in der Zivilisation. Wenn wir uns damit zufriedengeben, dann beweisen wir nur, dass unsere Sensibilität schon dramatisch abgenommen hat.
Sie nennen die KI „ein bewusstloses Monstrum, das Intelligenzdienste verrichtet“. Haben wir demnach aus Ihrer Sicht das Ungeheuer bereits erschaffen? Kommt es nicht einzig darauf an, wie wir mit der Innovation umgehen und sie einsetzen?
Ja, da gebe ich Ihnen recht. Wir haben das auch noch gar nicht angesprochen. Das Kardinalproblem ist tatsächlich, ob wir klug genug sind, die Kontrolle zu behalten, was zwei Aspekte beinhaltet: sowohl den individuellen als auch den gesellschaftlich-politischen. Behalten wir noch den Kopf oben, oder stecken wir den Kopf in die Maschine?
Das ist tatsächlich ein kardinales Problem, ob die Demokratie diesen obszönen Tatbestand auf die Dauer ertragen kann, dass der monopolistische Kapitalismus so eine Technik beherrscht, oder ob sie stark genug ist, die Gemeinwohldienlichkeit dieser Technik wieder zurückzuerobern. Und individuell muss man auch Lebenskunst entwickeln. Man muss aufpassen, dass man von diesen neuen Techniken nicht benutzt wird, sondern sie auf kluge Weise selbst nutzt und die Souveränität behält. Das kann man auch in seinem eigenen Leben, obwohl wir von all diesem Zeug überschwemmt werden, da muss man aber eben sein geistiges Immunsystem stärken. Das ist eine existenzielle Aufgabe, die jeder zu leisten hat, sonst wird der Mensch der Maschine nicht nur ähnlich – sonst wird er wie die Maschine.