In der EU stehen weniger als fünf Prozent der weltweiten KI-Rechenleistung, in den USA rund 75 Prozent. Ein Expertenpapier zeigt, wie Europa trotzdem Einfluss gewinnen könnte.
Während in den USA die Techbosse über eine langsamere KI-Entwicklung sprechen, schweigen die chinesischen Konkurrenten Z.AI, Moonshot, MiniMax, Alibaba und Tencent. Lediglich die chinesische Regierung kritisierte die US-Warnungen als „Panikmache“ und „bösartigen Wettbewerb“. Und Europa? Steht vor einer historischen Entscheidung. Die Strategie lautet: Sicherheit durch Regulierung, Einfluss durch eigene Infrastruktur sowie Unabhängigkeit durch verhandelte Zugänge zu den führenden KI-Modellen.
In dem Papier „A Transformative AI Strategy for Europe“ vom September 2026 schlagen europäische Expertinnen und Experten ausdrücklich keinen romantischen europäischen Alleingang vor – für einen technologischen Quantensprung ist es zu spät, die Anlaufinvestitionen sind exorbitant teuer. Es warnt vielmehr: Europa kontrolliert heute nur wenige entscheidende Teile der KI-Wertschöpfungskette und könnte wirtschaftlich und politisch an Gewicht verlieren, wenn es sich selbst keinen verlässlichen Zugang zu den leistungsfähigsten Modellen sichert. Das Papier wurde unter anderem von der ehemaligen Wirtschaftsweisen Monika Schnitzer, der ehemaligen EU-Exekutiv-Vizepräsidentin Margrethe Vestager, dem Ifo-Institut-Chef Clemens Fuest und Wolfgang Ischinger von der Münchner Sicherheitskonferenz verfasst. Die EU besitzt laut dem 207 Seiten starken Papier einen Trumpf, den weder die USA noch China in vergleichbarer Form haben: Der AI Act enthält spezielle Pflichten für besonders leistungsfähige Modelle mit „systemischem Risiko“: Anbieter müssen Risiken bewerten und begrenzen, Modelle testen, schwere Vorfälle melden und ihre technische Infrastruktur absichern. Das KI-Büro der EU kann Informationen anfordern, Prüfungen durchführen oder veranlassen und im Ernstfall Gegenmaßnahmen verlangen.
Die EU sollte demnach diese Regeln nun nicht flächendeckend und bürokratisch auf jedes KI-Produkt anwenden, sondern sich auf die wenigen Unternehmen und Modelle konzentrieren, von denen die größten Gefahren ausgehen, die sich in den Vorfällen der jüngsten Zeit widerspiegeln: Anthropic meldet fünf Fälle mit potenziell biowaffenrelevanter Claude-Nutzung und räumt selbst ein, dass daraus kein realer Waffenbau belegt ist. Genau darin liegt die Lehre aus den derzeitigen Sicherheitsdiskussionen: Es sollte nicht ausreichen, dass Unternehmen allgemein versprechen, sicher zu entwickeln; sie müssen nachweisen, dass ihre Modelle auch unter realistischen Bedingungen kontrollierbar bleiben.
Dafür braucht die EU allerdings massiven Sachverstand, ein starkes und vor allem unabhängiges KI-Büro, derzeit mit 125 Mitarbeitern ausgestattet, mit ausreichend technischem Personal und politischer Rückendeckung. Die Autoren des Papiers gehen sogar noch weiter: Langfristig könnte eine eigenständige europäische Aufsichtsbehörde sinnvoller sein als eine Einheit innerhalb der Kommission.
Regulierung alleine aber verschafft der EU keine Machtoptionen. Diese entstehen durch den großen Binnenmarkt mit circa 450 Millionen Menschen, verfügbarer Energie, Rechenzentren, Unternehmen. Dazu zählen auch Schlüsselunternehmen der Branche wie der Halbleiterhersteller ASML. Die Empfehlung sei deshalb, öffentliche Förderung und den Ausbau großer Rechenzentren an konkrete Gegenleistungen zu knüpfen. Wer in Europa Rechenkapazitäten, Energie oder Netzanschlüsse erhalte, solle europäischen Behörden, Unternehmen und Forschungseinrichtungen vertraglich gesicherten Zugang zu den dort entwickelten oder betriebenen Modellen gewähren. Ein solcher Zugang könne auch die Teilnahme an begrenzten Modelltests oder Frühstarts umfassen.
Regulierung als Standortfaktor
Gleichzeitig sollte die EU nicht versuchen, kurzfristig mit den USA oder China bei den größten allgemeinen KI-Modellen gleichzuziehen. Die dafür notwendigen finanziellen Kosten würden mit geschätzten 800 Milliarden Euro über drei Jahre jeden Rahmen sprengen. Gleichzeitig sei ein halbherziger Nachbau die schlechteste Option, weil zu teuer für echte Unabhängigkeit, aber zu schwach, um Europas Abhängigkeit zu beenden.
Sinnvoller wäre ein Doppelansatz: Europa entwickle ein leistungsfähiges „Fast-Follower“-Modell, das nicht zwingend Weltspitze sein muss, aber für Behörden, Forschung und kritische Anwendungen verfügbar bleibe. Die EU könnte besonders geschützte Rechenzentren für sensible Modelle und staatliche Anwendungen errichten. Europäische Unternehmen würden sich auf Felder konzentrieren, in denen sie über Daten und industrielles Know-how verfügen – etwa Maschinenbau, Medizin, Autoindustrie, Robotik oder Energie. Die Mitgliedstaaten fördern dann spezialisierte Chips für den Betrieb von KI-Modellen, statt den aussichtslosen Frontalangriff auf längst enteilte branchendominierende Unternehmen wie Nvidia und TSMC zu versuchen.
So könnte bis 2028 ein europäisches Hochsicherheits-Rechenzentrum erbaut werden, schlagen die Autorinnen vor. Es könne sensible Modellgewichte verwahren, KI für Behörden und Verteidigung betreiben sowie gefährliche Modelle unter kontrollierten Bedingungen testen. Die Autoren sehen darin nicht nur eine Sicherheitsmaßnahme, sondern auch ein wirtschaftliches Angebot an US-Unternehmen, die ihre wertvollsten Modelle nicht beliebiger ausländischer Infrastruktur anvertrauen wollen. Damit könnte Europa eine eigenständige Rolle zwischen Washington und Peking einnehmen: nicht als Entwickler, sondern als sicherer, regulierter und wirtschaftlich attraktiver Standort für den Betrieb leistungsfähiger KI.
Dafür müsste die EU jedoch einheitliche Sicherheitsstandards für Rechenzentren schaffen, Sicherheitsüberprüfungen verlangen und den Diebstahl beziehungsweise das unerlaubte „Distilling“ fremder Modelle konsequent verfolgen. Beim Distilling wird ein Modell mit den Ausgaben eines anderen trainiert.
Infrastruktur für Modellzugang
Letztlich könnte Europa sich als „sicherer Importeur“ von Frontier-Modellen zertifizieren. Diese Position wäre gegenüber den USA durchaus selbstbewusst: Amerikanische Anbieter bekämen Zugang zum europäischen Markt und zur europäischen Infrastruktur, müssten dafür aber Sicherheitsstandards erfüllen und transparente Regeln akzeptieren. Gegenüber China wäre sie eine Abgrenzung, denn hierbei zählen neben Vertrauen vor allem die Rechtssicherheit und der Schutz sensibler Daten.
Eine glaubwürdige europäische Strategie darf sich allerdings nicht auf Wettbewerbspolitik und Rechenzentren beschränken. Das Papier warnt vor erheblichen Folgen für den Arbeitsmarkt. Europa könnte die Kosten einer schnellen Automatisierung tragen, während ein großer Teil der Gewinne und Steuereinnahmen in den USA oder China anfalle – so wie es die Plattformökonomie im schlechtesten Sinne vormachte.
Deshalb sollte die EU frühzeitig erkennen, wo KI Arbeitsplätze ersetzt oder Tätigkeiten verändert. Vorgeschlagen werden regelmäßig aktualisierte Daten zu Löhnen, Beschäftigung, Stellenausschreibungen und KI-Nutzung sowie Vereinbarungen mit den großen Anbietern über die Weitergabe von Nutzungsdaten.
Für betroffene Beschäftigte empfiehlt das Papier, dass diese schneller Unterstützung, Weiterbildung und Einkommenssicherung erhalten. Zwar ist dies angesichts der raschen Veränderungen politisch heikel, könnte aber deutlich realitätsnäher sein als der Versuch, jede bestehende Tätigkeit dauerhaft vor Automatisierung zu schützen.
Nun gilt aber nach wie vor die von Kommissionspräsidentin von der Leyen ausgerufene strategische Unabhängigkeit. Trotz des immensen Fortschritts bei KI-Systemen in den USA und China darf die EU nicht von Entscheidungen abhängig sein, die in San Francisco, Seattle, Peking oder Shenzhen in der Regel von einer Person getroffen werden. In einer Reaktion darauf bleibt die EU-Kommission vage: Innovation und Sicherheit müssten Hand in Hand gehen, sagte ein Sprecher, ohne sich inhaltlich auf die konkreten Vorschläge zu beziehen. Wirtschaftsnahe Thinktanks wie Bruegel griffen die Strategie ebenfalls auf, betonten aber, die EU-Regeln beruhten bislang vor allem auf Risikobewertungen vor dem Markteintritt. Es brauche zusätzliche Aufsicht und Haftungsregeln für Schäden nach der Markteinführung.
Die entscheidende Frage lautet daher: Wird die EU Regulierung als Verhandlungsmasse nutzen, um sich, ihren Behörden und 450 Millionen Konsumenten Zugang und Einfluss zu sichern? Nur diese Variante würde aus Europas bisheriger Stärke eine geopolitische Macht formen.