Naturbelassene Strände, unberührte Landschaft, Erholung fern von Massentourismus – wer das sucht, ist auf El Hierro genau richtig. Die kleine Kanareninsel gilt zudem als Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit und Naturschutz.
Die Deutschen lieben die Kanarischen Inseln. Zusammen mit den Briten sind sie die wichtigste Gruppe für die Touristik des Archipels. Die meisten verbringen ihre Zeit auf einer der größeren Inseln, Fuerteventura, Gran Canaria oder Teneriffa. Doch nach El Hierro, der kleinsten und abgelegensten der Kanarischen Inseln, kommen nur wenige Touristen. Rund 25.000 waren es 2024, das ist nichts im Vergleich zu den insgesamt 1,5 Millionen deutschen Urlaubern, die ihren Urlaub auf den Kanarischen Inseln verbrachten. Das liegt vielleicht daran, dass es hier nicht allzu viele Badestrände gibt, und auch die Anreise ist aufwendig, entweder mit der Fähre von Teneriffa aus oder per Flugzeug via Gran Canaria oder Teneriffa. Doch El Hierro hat viel zu bieten: Die Insel gilt als Vorreiterin für Nachhaltigkeit und Naturschutz. Sie vereint atemberaubende Natur mit innovativen Umweltschutzmaßnahmen und lädt zu einem entspannten, umweltbewussten Urlaub ein.
Fülle natürlicher Highlights
El Hierro bietet eine Fülle natürlicher Highlights, die durch ihre Unberührtheit bestechen. Ein ganzes Netz von Wanderwegen durchzieht die Insel; die Wege sind alle gut ausgeschildert und für jeden Schwierigkeitsgrad angelegt. Auf dem Mirador de la Llanía etwa schaut man über die Wolken. Hier oben scheint immer die Sonne, ebenso auf dem Mirador de la Peña – er thront auf 1.400 Metern Höhe und gewährt spektakuläre Panoramen über die zerklüftete Landschaft bis zum Meer. El Hierro hat durchaus auch eine spannende Geschichte: Bis ins 14. Jahrhundert lebten die sogenannten Bimbaches, die Ureinwohner, unentdeckt, denn die Insel war auf keiner Karte zu finden. Doch dann kamen die Spanier, und diese legten auf El Hierro den „Null-Meridian“ fest. Die Insel galt als Ende der Welt – aber nur bis 1492, als Kolumbus Amerika entdeckte. Heute erinnert ein Denkmal am Faro del Orchilla, einem Leuchtturm, an die Geschichte des „Null-Meridians“. Die Abgeschiedenheit der Insel hatte ihren Preis: Das Leben war früher hier sehr beschwerlich. Einen Eindruck davon kann man sich im Ecomuseo Guinea machen – hier wird das Leben der Ureinwohner vor vielen Hundert Jahren in einzelnen Steinhütten gezeigt.
Die Natur des Eilands wirkt wild und urwüchsig – auf Wanderungen fühlt man sich in Fantasy-Filme versetzt, hier könnte „Herr der Ringe“ oder „Harry Potter“ gedreht worden sein. Oft begegnet man dem Garoé-Baum, einem heiligen, Wasser spendenden Lorbeerbaum der Bimbaches, umringt von Moosbewuchs. Er symbolisiert die traditionelle Wasserversorgung der Insel. Wer auf seinem Instagram-Kanal etwas angeben will, sollte nach El Sabinar im Nordwesten der Insel fahren und hier ein Foto machen – das tun auch viele Touristen. Hier ist der größte zusammenhängende Bestand des sogenannten Phönizischen Wacholders zu finden. Passatwinde haben einzelne Bäume so zur Seite gedrückt, dass sie nunmehr seitwärts wachsen. Bis zu zwölf Meter lang schlängeln sich die knorrigen Äste am Boden. Ein eindrucksvolles Bild, das viele als Foto-Hintergrund benutzen.
Was man leicht übersieht: Der Boden hier ist zwar fruchtbar, aber nicht ganz so mineralisch wie auf den anderen kanarischen Inseln. Die Insel ist mit 1,2 Millionen Jahren die jüngste des Archipels, daher ist die landwirtschaftliche Ausbeute hier geringer. Bauern und Teilzeit-Landwirte bauen hier Ananas, Mango, Kartoffeln oder Tomaten an – sogar Wein wächst hier. Der ist sogar erstaunlich gut und hat schon eine Reihe von Preisen gewonnen. Wer sich über den Weinbau informieren will und auch mal die – meist weißen – Weine kosten will, sollte einen Abstecher in die Casa del Aguardiente, das Weinmuseum in La Frontera, machen. Hier kann man sich über die verschiedenen Weine der Insel informieren, auch eine Verkostung wird angeboten.
Auch Aloe Vera wird auf El Hierro angebaut. Bei Hierro Aloe führt Ricardo Casañas durch seine kleine Aloe-Anlage. „Ein Blatt alleine kann bis zu 1,5 Kilo wiegen“, erzählt Casañas. Die Pflanzen fühlen sich hier wohl und benötigen mehrere Monate, um zu wachsen. Die Aloe-Blätter werden mit einem Messer filetiert, das innere, dicke, feuchte Filet dann zu allerlei Produkten verarbeitet. Auch eine entzündungshemmende Wirkung soll die Aloe entfalten, selbst Säfte werden daraus hergestellt. Wer probieren oder Nachschub ordern möchte – Casañas und seine Frau verschicken ihre Produkte auch nach Deutschland.
Auch ein Paradies für Taucher
Auf El Hierro ist alles klein und übersichtlich – da erstaunt es nicht, dass hier eines der kleinsten Hotels der Welt steht. Das „Hotel Puntagrande“ hat nur fünf Zimmer und ist liebevoll mit allen möglichen maritimen Gegenständen eingerichtet. Selbst der berühmte Architekt César Manrique, der auf Lanzarote lebte, kam öfter vorbei und ließ das eine oder andere Objekt da.
Betrieben wird das Hotel seit 2018 von Davide Nahmias, einem gebürtigen Italiener, der das Hotel Stück für Stück modernisiert hat. „Das Haus besteht seit 1830, war am Anfang ein Haus für Fischer, dann wurde hier Schnaps hergestellt, auch ein Zollhaus war es mal – und heute ist es unser Hotel“, erzählt Nahmias. Etwas Abenteuerlust gehört schon dazu, hier abzusteigen, die Wellen kommen bis ganz nah ans Haus. „Einmal waren sie bis zu zehn Meter hoch, da mussten wir evakuieren“, erzählt Nahmias. Aber das komme zum Glück nur sehr selten vor.
El Hierro – das ist auch ein Paradies für Touristen, die baden und tauchen wollen. Im Charco Azul, einem smaragdgrünen Naturpool in der Macizo-de-Tigaday-Region, der durch Lava und Meereswellen entstand, ist es ideal zum Baden inmitten schwarzer Lavaklippen. Unter Wasser begeistert El Hierro als Tauchparadies, was man erst mal gar nicht vermuten würde: Das Wasser fällt hier bis auf 3.500 Meter unter den Meeresspiegel ab. Wer geübter Taucher ist, kann die Marine-Reservate vor der Küste von La Restinga im Süden der Insel entdecken: Sie beherbergen Korallenriffe, Hai- und Delfinpopulationen.
Energie aus Entsalzungsanlage
Schon seit 2000 ist El Hierro zu 90 Prozent ein Unesco-Biosphärenreservat: Die Insel verfolgt einen Nachhaltigkeitsplan, der Energieautarkie, sanften Tourismus und Null-Abfall-Politik umfasst. Besonders stolz ist man auf das 2014 eingeweihte Wind-Wasserkraftwerk „Gorona del Viento“: Es erzeugt bis zu 100 Prozent des Stroms aus Wind und Wasser – 2019 hielt die Insel sogar 24 Tage lang den Weltrekord mit reiner Ökostromversorgung. Technik-Nerds können sich nach Voranmeldung das Wind-Wasserkraftwerk sogar ansehen. Zwei Techniker erklären den Besuchern, dass es bei einer Windflaute zum Einsatz des Wasserkraftwerks kommt: Aus zwei höher gelegenen Teichen wird das Wasser dann mehrere Hundert Meter abgelassen und wieder hochgepumpt, und so wird Energie erzeugt. Die Insel spart so jährlich viele Tonnen CO2 und fossiler Brennstoffe und strebt Energieautarkie an, die bislang noch nicht ganz erreicht ist. Ganz nebenbei wird mit der Energie auch noch eine Entsalzungsanlage betrieben – ganz wichtig auf der eher trockenen Insel, deren Wasserproblem durch den Klimawandel eher größer denn kleiner wird.
El Hierro schützt nicht nur einen Großteil seines Territoriums als Reservat, was auch endemischen Arten wie dem kanarischen Laubfrosch zugutekommt. Ökologische Landwirtschaft dominiert: Jeder zweite Bauer setzt auf Bio-Anbau, Fischer nutzen nur kleine Boote mit Angelhaken, um Überfischung zu vermeiden. Der sanfte Tourismus vermeidet Massentourismus – naturbelassene Strände müssen aber ohnehin keinen Touristenansturm befürchten, denn bislang kommen nicht so viele Interessierte auf die Insel. All diese Schutzmaßnahmen machen El Hierro aber zum Vorzeigemodell für Inseln in anderen Regionen der Welt.
Ein Besuch von El Hierro lohnt sich für Naturliebhaber und Umweltbewusste in jedem Fall – fernab von Bettenburgen und Übertourismus.