Fast 30 Jahre wartete Alexander Zverev auf Grand-Slam-Erfolge. Nach dem Matchball zu seinem zweiten GS-Titel verpasste er glatt seinen eigenen Sieg. Weil er sich verzählte. Passiert jedem Tennisspieler. Zumindest das Verzählen.
In dem Moment war ich total fokussiert. Ich habe überhaupt nichts gehört. Ich war in so einer Art Tunnel, wo ich einfach nichts mehr wahrgenommen habe“, sagte der US-Open-Sieger von 2026, als er schließlich realisiert hatte, dass er sein zweites Grand-Slam-Finale innerhalb eines Jahres gewonnen hatte. Am selben Ort, wo Alexander Zverev 2020 ein Quäntchen Glück gefehlt hatte, um in der Partie gegen Dominic Thiem seinen lebenslangen Traum von einem Grand-Slam-Gewinn zu erfüllen.
2020 fehlte ein Quäntchen Glück
Diesmal war der 29-Jährige hingegen komplett bei sich. Obwohl 24.000 Menschen im größten Tennisstadion der Welt um ihn herum so gerne einen US-Amerikaner auf dem Treppchen gesehen hätten. Was Zverev auch zu hören bekam, während er den entscheidenden Ball übers Netz schlug. Im Stimmengewirr sah er einen weiteren Grund, warum er danach erst mal zurück zur Grundlinie ging und versehentlich weiterspielen wollte: „Natürlich ist es bei einer lauten Zuschauermenge unmöglich, die Schiedsrichterin zu hören.“
Erst der Blick zur Box, zu seiner ihn trainierenden und flankierenden Familie, brachte die Nachricht: Es war vorbei und es war vollbracht. Zwei Grand-Slam-Titel in der Saison 2026, die ersten seines Tennislebens. Australien-Halbfinale, Pariser Edelsand-Titel, Wimbledon-Finale und nun der Grand-Slam-Titel von New York. In einem Jahr fürs persönliche Geschichtsbuch der Nummer zwei aus Hamburg, dem Olympiagold allein als Karrierehighlight nie genug war. Erst jetzt ließ Zverev Bälle, Schläger und alle Beschwernis von sich abfallen und reckte die Arme in den Himmel über dem Big Apple. Die Odyssee war am Happy End angelangt. Seine persönliche und die des deutschen Herren-Tennis, das in diesem Jahrtausend noch keinen Grand-Slam-Sieger gesehen hatte.
Sechs Jahre zuvor hatte Zverev in New York gegen Dominic Thiem zwei Sätze geführt, im fünften Satz sogar zum Matchgewinn aufgeschlagen. Und verloren. Damals sagte er unter Tränen: „Ich wünschte, ich könnte eines Tages den Pokal mit nach Hause nehmen.“ In diesem Jahr erfüllte er sich seinen Wunsch.
Trotz Ben Shelton, der die 23-jährige Grand-Slam-Durststrecke der US-Herren seit Andy Roddick 2003 hätte beenden können. Der 23-jährige Amerikaner holte den dritten Satz mit 7:5 und ließ das Stadion noch einmal glauben, dass hier ein Heimheld geboren werde. Doch Zverev nahm Shelton im vierten Satz sofort den Aufschlag ab, später ein zweites Mal, ließ sich auch von einer Verwarnung wegen Zeitüberschreitung nicht herausziehen. „Wenn es zählt, spielt er sein bestes Tennis“, sagte Boris Becker. „Das ist sinnbildlich für sein ganzes Jahr. Es ist das beste Jahr in seiner Karriere.“
Große Dramen hatte der 29-Jährige schon im Juni in Paris hinter sich gelassen. Im Finale der French Open besiegte er Flavio Cobolli in fünf Sätzen. Auf dem roten Sand von Roland Garros hatte Zverev 2022 im Halbfinale gegen Rafael Nadal einen Knöchelbruch erlitten, der ihn für lange Zeit körperlich und mental bremste. Zwei Jahre später verlor er auf demselben Platz ein Grand-Slam-Finale gegen Carlos Alcaraz. Wieder zwei Jahre später stand er dort und hielt endlich selbst die Coupe des Mousquetaires in Händen: „Ich hatte die besten Momente meines Lebens auf diesem Platz. Ich hatte den schlimmsten Moment meines Lebens auf diesem Platz. Ich lag vor vier Jahren dort drüben in der Ecke mit sieben gerissenen Bändern und zwei gebrochenen Knochen. Ich verlor vor zwei Jahren hier ein Grand-Slam-Finale, aber jetzt, endlich, ist es ein Happy End.“
„Gott weiß, wie hart wir gearbeitet haben“
Vorbei war das ewige Warten auf den ersten Grand-Slam-Titel. Und weil große Befreiungen entspannt und hungrig machen, folgte ein zweiter in New York drei Monate später. „Wir sind fast 30 Jahre ohne Grand-Slam-Titel geblieben und haben jetzt zwei in drei Monaten gewonnen. Ich bin stolz auf meine Familie“, freute sich der unermüdliche Weiterspieler. „Gott weiß, wie hart wir gearbeitet haben und wie sehr wir gelitten haben. Das ist der Lohn.“
Der emotionalste Teil der New Yorker Siegerrede galt seiner Mutter. „Wenn Ihr vierjähriger Sohn Diabetes diagnostiziert bekommt und die Ärzte Ihnen sagen, dass das Leben und der Sport für dieses Kind sehr, sehr eingeschränkt sein werden“, sagte Zverev, „dann braucht es eine sehr, sehr starke Mutter, die sagt: Mein Sohn wird sein, wo immer er sein will.“ Irina Zvereva, selbst frühere Profispielerin, trainierte ihren jüngeren Sohn bis etwa zu dessen 13. oder 14. Lebensjahr. Von ihr, sagt Zverev, habe er die Technik bekommen, die ihn geprägt habe.
Zu Zverevs Grand-Slam-Glückssaison gehört auch ein enervierendes Geräusch: Tok, tok, tok, tok, tok. Shelton monierte nach dem Finale, er solle nicht gezwungen sein, schon an der Linie zu warten, wenn Zverev den Ball 20- bis 25-mal auftippe. Karen Khachanov hatte nach dem Halbfinale ähnlich geklagt: „Das nervt nicht nur mich, sondern natürlich viele Spieler, weil es so viel Zeit kostet.“
Eine ESPN-Grafik soll vor dem Endspiel gezeigt haben, dass Zverev den Ball vor seinen Aufschlägen in sechs Matches mehr als 12.000 Mal aufspringen ließ. Becker klagte im Sporteurope.tv-Studio: „Dieses ewige Balltippen beim zweiten Aufschlag, bitte. Ich wurde hektisch beim Kommentieren.“
Zverev weiß selbst nicht, wie er zu diesem „Tick“ kam. Doch das Warten auf die Erlösung, selbst in diesem Jahr, könnte ihn zum Geduldsspiel für seine Gegner motiviert haben. Schauen wir zurück: In einem dramatischen Fünfsatz-Krimi über 5:27 Stunden musste er sich nach einer 2:0-Satzführung dem Weltranglistenersten Carlos Alcaraz bei den Australian Open mit 4:6, 6:7, 7:6, 7:6 und 5:7 geschlagen geben. In Wimbledon stieß Sascha Zverev zum ersten Mal in seiner Karriere bis ins Finale vor: Im Endspiel unterlag er dem Titelverteidiger Jannik Sinner in vier Sätzen.
Die ATP hob hervor, dass Zverev drei Major-Finals auf drei verschiedenen Belägen erreichte: Sand, Rasen, Hartplatz. Seit die US Open 1978 auf Hartplatz gespielt werden, war dies nur elf Männern zuvor gelungen. Alle diese wenigen Auserwählten, so die ATP, hätten ihre Karrieren als mehrfache Major-Champions und Mitglieder des Nummer-eins-Clubs beendet.
Greg Rusedski zog die Folgerung: „Was die Ergebnisse bei den Grand Slams in diesem Jahr angeht, ist Zverev in diesem Jahr der beste Spieler der Welt.“ Und weiter: „Wir haben nun eine Big Three im Tennis, weil Zverev sich gesteigert hat.“ Mit den neuen „großen Drei“ meint der ehemalige Champion Sinner, Alcaraz und Zverev. Doch selbst Zverev bremst. Auf die Frage, ob er nun der beste Spieler der Welt sei, antwortete er: „In diesem Moment, jetzt gerade, wahrscheinlich ja.“ Wenn alle gesund seien, liege Jannik Sinner seiner Meinung nach aber immer noch vorne.
Im „Race to Turin“ führt Zverev bereits. Bei den ATP-Finals vom 15. bis 22. November sind maximal 1.500 Punkte zu holen. Fast so viele Punkte, wie Zverev noch fehlen, um Sinner zu überholen und selbst Nummer eins der Welt zu werden. Und es stehen zuvor weitere Turniere an. John McEnroe traut Zverev den Sprung an die Spitze zu.
Ernüchternde Momente in Motreal
Zwischen den Höhepunkten gab es auch ernüchternde Wochen. Beim Masters in Montreal verlor Zverev bereits in der zweiten Runde gegen Tallon Griekspoor. Er sprach von seinem „schlechtesten Match der Saison“. In Cincinnati scheiterte der Hamburger im Viertelfinale an Tommy Paul, nachdem er einen Matchball vergeben hatte.
Für Deutschland ist Zverevs Doppelsieg mehr als ein schöner Tennis-Sommer. Boris Becker hatte 1989 als letzter männlicher Deutscher die US Open gewonnen. Sein einziges Mal. Steffi Graf holte mit fünf Trophäen die meisten deutschen Grand-Slam-Titel in New York. Angelique Kerber stand zehn Jahre vor Zverev auf dem Siegerpodest und es regnete goldenen Glitter auf sie.
DTB-Präsident Dietloff von Arnim nannte Zverevs US-Open-Sieg eine „Sternstunde für Tennis-Deutschland“ und einen der größten Erfolge in der Geschichte des Sports. Davis-Cup-Kapitän Michael Kohlmann sprach vom „besten und konstantesten Spieler dieses Jahres“. Nach Becker und Michael Stich hat das deutsche Männer-Tennis lange auf einen neuen Grand-Slam-Champion gewartet. Zverev hat die Leerstelle in diesem Jahr gleich doppelt gefüllt, indem er einfach immer weiterspielte. Der nunmehr zweifache Grand-Slam-Sieger bilanzierte: „2026 ist das Ergebnis all der Jahre, die davor kamen.“