Als einzige Mannschaft der Liga nach sechs Spieltagen noch ungeschlagen, grüßt sie von der Tabellenspitze. Hertha BSC hat einen Senkrechtstart in die neue Saison hingelegt. Angefangen bei den Experten bis hinunter zum gemeinen Fan reibt man sich bei dieser Vorgeschichte verwundert die Augen.
Die Lizenz für die Saison 2026/27 wurde frühzeitig erteilt. Formal bestand Planungssicherheit, „gleichzeitig bleibt Kostendisziplin für uns das Gebot der Stunde“, wie Ralf Huschen, Herthas Geschäftsführer Finanzen, mehrfach äußerte. Zudem belastet ein Schuldenberg von etwa 49,5 Millionen Euro die Handlungsfähigkeit. Bei der Zusammenstellung des Kaders mussten kostenschonende Lösungen gefunden werden. Alles andere als gute Voraussetzungen für eine erfolgreiche Spielzeit. So wurde als Saisonziel „ein einstelliger Tabellenplatz mit einer maximalen Ambition nach vorne“ ausgegeben. Das Wort „Aufstieg“ soll dabei nicht in den Mund genommen werden.
Die Finanzen konsolidieren sich und sportlich scheint es bergauf zu gehen. Die Hertha-Truppe präsentierte sich bisher als verschworene Gemeinschaft. Trainer Stefan Leitl hat es verstanden, eine grundlegende Spielidee zu vermitteln. In der vergangenen Saison wurde das Fehlen dieser Idee häufig kritisiert. Deutlich wurde das vor allem in den Heimspielen, in denen sie ihrer Favoritenrolle viel zu selten gerecht werden konnte. Weniger Probleme gab es auf fremden Plätzen. So wurden auswärts mehr Punkte geholt als im Olympiastadion.
Hertha spielt effektiver
Hertha spielt angriffsorientierter und vor allem ballsicherer als in der vergangenen Saison. Ein Blick in die Statistik soll diese Aussage bestätigen. Es kann mit statistischen Daten nicht alles erklärt werden, sie spiegeln aber genau das Geschehen auf dem Rasen wider. Das alles Entscheidende beim Fußball ist nun einmal das Erzielen von Toren. Wie effektiv dabei eine Mannschaft agiert, kann am xG-Wert (Expected Goals) abgelesen werden. Expected Goals oder erwartbare Tore werden kurz gesagt aus der Qualität der Angriffshandlungen ermittelt. Nach sechs Spielen weist Hertha hier einen xG-Wert von 14,6 auf, besser in dieser Wertung ist nur der 1. FC Heidenheim mit 15,6. Keine andere Mannschaft hat bisher mehr Tore erzielt als Hertha, und der xG-Wert verdeutlicht eine gute Chancenqualität. Es hätten also durchaus noch ein paar Tore mehr sein können als die aktuell 17 Treffer.
Wie Phönix aus der Asche – Jón Dagur Thorsteinsson
Gewachsene mannschaftliche Geschlossenheit ist das eine; weiter überraschten einige Akteure mit nicht unbedingt zu erwartenden Leistungssprüngen. In allererster Linie ist hier der Isländer Jón Dagur Thorsteinsson zu nennen. Er wurde zu Beginn der Saison 2024/25 nach Berlin geholt und hatte mit großen Startproblemen zu kämpfen. Verpflichtet, um für mehr Torgefahr zu sorgen, galt er bei den Fans zuletzt als Chancentod, ihm wurde sogar die Zweitligatauglichkeit abgesprochen. Der Verein verlieh ihn Anfang des Jahres in die norwegische Liga zu Brann Bergen. Es gab nur wenige, die ihm eine weitere Zukunft bei der Hertha zugetraut hätten. Ein Wechsel wäre nicht überraschend gewesen. Der Cheftrainer sah das anders: „Ich habe gesagt, dass ich diesen Spieler unbedingt behalten möchte, weil es nicht nur um seine Qualität geht, sondern es geht auch um seinen Charakter. Jón ist ein ganz wichtiger Spieler für unsere Kabine. Er ist immer gut drauf, immer positiv.“
Wurde er in den ersten beiden Saisonspielen sowie im Pokal noch eingewechselt, stand er seit dem dritten Spieltag in der Anfangsformation. Gleich bei seinem ersten Start in Braunschweig gelangen ihm ein Tor und zwei Vorlagen. Sein Glanzstück folgte am sechsten Spieltag, an dem er mit zwei Treffern in Dresden den Sieg sicherte und so zusätzlich für allerbestes Feeling in der bevorstehenden XXL-Ligapause sorgte. „Jón ist einer der besten Abschlussspieler, die wir haben.“ Nicht nur der Hertha-Trainer ist von seinen Fähigkeiten überzeugt. Islands Nationaltrainer Arnar Gunnlaugsson beorderte ihn für die bevorstehenden Spiele in der Uefa Nations League wieder in seinen Kader. Im Spiel gegen Estland stand er in der Startformation.
Kevin Sessa – endlich verletzungsfrei
Er wechselte 2024 vom damaligen Erstligisten 1. FC Heidenheim zur Hertha. In Berlin warfen ihn Verletzungen immer wieder zurück. In den ersten beiden Spielzeiten absolvierte der vielseitig einsetzbare Mittelfeldspieler 41 Einsätze in der 2. Bundesliga. Aktuell war er bei allen sieben Pflichtspielaufgaben bereits beim Anpfiff auf dem Platz und kann so in der Liga auf 531 Einsatzminuten verweisen. Im Pokalspiel – im Drama von Saarbrücken – verwandelte er seinen Elfer. Mit Paul Seguin bildet er die Doppelsechs vor der Viererabwehrkette. Der Rechtsfuß übernimmt meist den etwas offensiveren Part im Zusammenspiel mit Seguin auf der Sechserposition. Seine Performance steht sinnbildlich für die so erstaunlich erstarkte Hertha.
Insgesamt 27 Profis, darunter drei Torhüter, umfasst der Kader. Der Trainer sieht seine Aufgabe auch darin, jedem Einzelnen zu vermitteln, dass er gebraucht wird. Der Star ist die Mannschaft. Im Vergleich zur Vorsaison sind neben Thorsteinsson und Sessa weitere Profis aus dem Schatten getreten. Zum neuen Kapitän wurde Josip Brekalo bestimmt. Er ging gleich mit gutem Beispiel voran und avancierte zum Top-Performer. In seiner Bilanz stehen bislang vier Tore und drei direkte Vorlagen. Die externen Neuzugänge erwiesen sich sofort als die erhoffte Stabilisierung und Verstärkung des Kaders. Die Leihspieler für die Offensive, Oluwaseun Adewumi und Farid Alfa-Ruprecht, konnten sich bereits in die Liste der Torschützen einschreiben. Verteidiger Mads Pedersen fügte sich nahtlos ins Spielsystem ein.
Die Erfolgsbilanz sorgte dafür, dass ein Spieler wie Gustaf Nilsson, der im WM-Kader Schwedens stand, als Leihspieler zur Hertha wechselte. Er muss die Pause nutzen, um eine muskuläre Verletzung im Oberschenkel auszukurieren. Aus diesem Grund konnte er auch nicht zur schwedischen Nationalmannschaft reisen. Herthas namhafte Neuzugänge kamen spät und wohldosiert. Es war der eingangs erwähnten Kostendisziplin geschuldet, dass in Anlehnung an eine Aussage des neuen Bundestrainers Jürgen Klopp erst einmal nach dem Motto gehandelt wurde: „Ich habe nicht geschaut, was wir nicht haben. Sondern was wir haben.“ Anstatt Mängel zu beklagen, besinnt man sich auf das vorhandene Potenzial und richtet die Konzentration auf die Talente aus der Hertha-Akademie.