Es gibt Orte, an denen wir uns besonders wohlfühlen und solche, die gar nicht zu uns passen. Die Astrologin Kristine Biehl verspricht für ihre Klienten passende Städte und Länder berechnen zu können. Kann das funktionieren? Ein Selbstversuch.
Wer eine Reise plant, neue Vertriebsgebiete sucht oder eine Zeit lang im Ausland leben will, überlegt sich vorher gut, wo es hingehen soll. An manchen Orten fühlt man sich einfach wohler als an anderen; es scheint, als würden die Dinge dort besser gelingen. Kristine Biehl ist Astrologin in Hamburg und führt das auch auf die Sternenkonstellation zurück. Mithilfe der sogenannten Astrokartografie errechnet sie für ihre Klienten deren magische Orte – zum Leben, zum Arbeiten, zum Verlieben. Vertreter der Astrokartografie führen auch immer wieder prominente Beispiele an. So soll beispielsweise Wimbledon-Sieger Boris Becker eine sportliche Erfolgskonstellation durch London/Wimbledon und Bergsteiger-Legende Reinhold Messner eine passende Konstellation durch den Himalaya haben.
Ist Astrologie also mehr als nur das meist recht willkürlich wirkende Zeitschriftenhoroskop? Kann man mit ihrer Hilfe tatsächlich berechnen lassen, wo man gut aufgehoben ist und welche Orte man besser meiden sollte? Ich wage den Selbstversuch. Dafür muss ich Kristine Biehl zunächst meinen Geburtstag, den Geburtsort und die genaue Geburtsminute schicken. Mehr weiß sie anfangs nicht über mich.
Da ich ein großer Freund der Wissenschaft bin und der Astrologie eher skeptisch gegenüberstehe, recherchiere ich erstmal, wie das Ganze funktionieren soll. Den Astrologen zufolge kann man die magischen Orte errechnen, indem man bestimmte Teile aus dem Geburtshoroskop nimmt und sie als sogenannte Planetenlinien auf Landkarten einzeichnet. Die Planetenlinien repräsentieren bestimmte Anlagen, Charakterseiten und Fähigkeiten. Diese kommen – abhängig vom Verlauf der Linien – an bestimmten Orten anders zum Ausdruck. Aus astrologischer Sicht können an bestimmten Orten spezielle Energien in uns angestoßen werden, zu denen wir sonst vielleicht keinen oder nur erschwert Zugang haben. Die Grundsteine der heutigen Astrokartografie wurde Anfang des 19. Jahrhunderts von Gustav Schwiekert und Donald Bradley gelegt. Jim Lewis arbeitete deren Verfahren in den 70er-Jahren weiter aus und entwickelte daraus die Astrokartografie, mit der heute die meisten Astrologen arbeiten.
Nichts von dem, was sie ausführt, ist unzutreffend
Vor unserem Gespräch schickt mir Frau Biehl verschiedene Landkarten zu: von der Welt, von Amerika, Europa, Asien, Australien und von bestimmten Ländern wie Italien, Frankreich oder der Schweiz. Ich sehe zunächst nur bunte Linien und dazugehörige Zeichen. Unsere Sitzung verläuft übers Telefon, vorab erwähnt die Astrologin, dass Merkur rückläufig sei, was immer wieder zu technischen Störungen führen könne. Ich lache und sage, solange das nicht auf unser Interview zutreffe, könne Merkur sich bewegen wie er wolle. Frau Biehl geht dann auf einige Dinge ein, die sie in meinem Horoskop ablesen kann. Ich sei sehr empathisch, kreativ und besäße eine hohe Kommunikationsfähigkeit. Stören würde ich mich an sozialer Ungerechtigkeit, und veraltete Muster und Regeln würde ich stark hinterfragen. So weit, so zutreffend. Sie beschreibt noch weitere Dinge, die sie in meinem Horoskop lesen kann, und ich denke: Wie und woher kann sie das wissen? Solche persönlichen Details kann sie weder von meiner Berufswahl ableiten noch über mich recherchiert haben. Nichts von dem, was sie ausführt, ist unzutreffend – wie auch immer das funktioniert.
Kritiker der Astrologie behaupten immer wieder, Dinge, die Astrologen sagten, seien rein zufällig, könnten praktisch auf jeden zutreffen oder wären absichtlich vage gehalten. Für Kristine Biehl jedoch ist die Astrologie weit mehr als unwissenschaftlicher Humbug. Zunächst als Lehrerin für Mathe und Physik gestartet, hat sie später BWL studiert und ist schließlich bei der Astrologie gelandet. Sie sieht in ihr „ein Navi für das Leben", eine Möglichkeit, tiefgreifende Antworten und Sinn zu finden. „Die Astrologie ist wissenschaftlich nicht bewiesen, aber die Erfahrung zeigt: Es funktioniert. Wir Astrologen gehen davon aus, dass es kosmische Gesetzmäßigkeiten gibt, denen die Welt und die Menschen unterliegen. Es gibt so vieles zwischen Himmel und Erde, was wir noch nicht erklären können, aber in meiner Berufspraxis habe ich oft gesehen, dass es hilfreich ist", erzählt sie mir.
Jugendliche, die einen guten Platz für ihr Auslandsjahr suchen, Geschäftsleute, die planen, neue Filialen zu eröffnen, oder Außendienstler, die optimal eingesetzt werden wollen, kommen zu ihr, um den perfekten Ort zu finden. Auch bei Umzügen oder Urlaubsreisen wird die Astrokartografie zu Rate gezogen. „Wo wir gute Linien haben, haben wir Erfolg, fühlen uns wohler und mögen die Menschen dort", erklärt die Astrologin. Wo ich am besten aufgehoben bin, schauen wir uns anhand der verschiedenen Karten an, die sie mir geschickt hat. Über die Welt ziehen sich unterschiedliche Linien, die jeweils eine eigene Bedeutung haben. So steht den Astrologen zufolge die Sonnenlinie für Lebensfreude, Gesundheit, Vitalität und Selbstverwirklichung, die Venuslinie für Schönheit, Liebe, Genuss, Harmonie und Partnerschaft und die Merkurlinie für Kommunikation und geistige Beweglichkeit. Die Marslinie gibt Aufschlüsse über Energie, Wille und Durchsetzungsvermögen und ist gut für sportliche Aktivitäten. Die Jupiterlinie steht für Wachstum, Wohlwollen, Fülle und Weisheit und die Mondlinie für Gefühl, Geborgenheit, Verbundenheit mit den Menschen und der Umgebung. Es gebe aber auch Linien, auf denen man nicht leben sollte, erklärt mir Kristine Biehl. Dazu zählen etwa die Saturnlinie, die für Widerstände und Hemmungen steht, die Uranuslinie, die oft viel Aufregung und ungewollte Überraschungen bereithält, aber für Abenteuerurlaube gut sein kann, sowie die Neptunlinie, die große Verunsicherung bringen kann, aber auch die künstlerisch-kreative Seite sowie Mitgefühl und Hilfsbereitschaft fördert. Auf Plutolinien sei Vorsicht geboten, sie forderten uns extrem zu Veränderungen heraus und brächten uns in Kontakt mit Macht- und Ohnmachterfahrungen. So viel zur Theorie. Was aber kann die Astrologin anhand meines Geburtshoroskopes und dieser Planetenlinien tatsächlich erkennen?
Für größtmöglichen beruflichen Erfolg bräuchte ich Deutschland nicht zu verlassen, weil meine Sonne mitten in Deutschland am Zenit stehe, erläutert sie mir. Allerdings solle ich mich besser nicht rechts von der Sonnenlinie bewegen. Berlin, Dresden oder München beispielsweise seien nicht meine Städte. Tatsächlich war ich beruflich mal ein paar Monate in München, und was soll ich sagen: Es war nicht meine Stadt. Gut hingegen seien Städte auf oder links dieser Linie wie Köln, Bonn, Düsseldorf oder auch der Raum um Frankfurt bis hin nach Koblenz. Auch mein aktueller Wohnort (liegt auf der Merkurlinie) und mein Studienort Mainz (im Kraftfeld zwischen Merkur- und Mondlinie) seien geeignet.
Besonders für Fortbildungen, neuen Input oder Impulse sei Kalifornien mein absoluter place to be. Schön, da ist es je nach Jahreszeit warm und sonnig, da kann ich ruhig mal hinreisen, denke ich. Auch gut geeignet seien Kanada mit Vancouver, Vancouver Island und der ostkanadischen Atlantikprovinz Nova Scotia. Letztere muss ich erstmal googeln, kann mich mit den Bildern aber sofort anfreunden. Erst kürzlich hatte mir eine Freundin Bilder von ihrem Kanada-Trip geschickt. Ich hatte geantwortet, Kanada sei eines der Länder, die mir – ohne es je gesehen zu haben – grundsympathisch seien.
Urlauben könnte ich auch besonders gut in Florida, auf den Kanaren und den Balearen (kann ich bestätigen), in Brasilien und Dubai, denn durch das Emirat verläuft meine Venuslinie. Auch hervorragend geeignet seien die Seychellen und Mauritius. Dorthin könne ich ja meine Hochzeitsreise machen, empfiehlt Kristine Biehl. Na, wer will sich dagegen wehren? Ich werde es dem Zukünftigen vorschlagen.
Orte, die ich besser meiden sollte, weil Pluto am Deszendenten steht und das unangenehme Erfahrungen oder gefährliche Begegnungen bergen könne, sind Kolumbien, Ecuador und Peru. Ebenso von Pluto beeinflusst sind Kapstadt, Namibia, Angola und Tunesien. An diesen Orten sei ebenfalls Vorsicht geboten. An keinen der genannten hat es mich bislang verschlagen. Auch in Asien habe sie so gar nichts finden können, was für mich attraktiv sei, erklärt mir Frau Biehl. Tatsächlich habe ich bislang alle Angebote mit anderen nach Thailand, Laos, Kambodscha, Bali und wie die ganzen Hotspots heißen zu reisen, ausgeschlagen. Ich konnte es mit nichts Besonderem begründen, außer: Es reizt mich so gar nicht.
Für gute Orte aber müsse ich gar nicht so weit reisen, auch Europa biete einiges für mich. Das Tessin in der Schweiz, Norwegen etwa mit Stavanger und Bergen sowie Korsika und Sardinien seien Kraftorte für mich, da meine Sonnenlinie durch sie verläuft. Dank meiner Venuslinie über Exeter sei auch Südengland ein schönes Reiseziel. Das trifft sich gut, denn meinen Sommerurlaub dieses Jahr habe ich auf Sardinien geplant.
Die Astrologin gibt auch Tipps, wohin man am besten in Urlaub fährt
Was dann passiert, traue ich mich fast nicht aufzuschreiben. Wir müssen unser Gespräch kurz unterbrechen, denn der Akku meines Telefons gibt den Geist auf und ich muss aufs Handy umsatteln. Kristine Biehl lacht – der rückläufige Merkur und die Technik. Tatsächlich bin ich etwas irritiert, das Gerät hatte die ganze Nacht geladen und bei Hunderten von Interviews bislang problemlos funktioniert. Alles irgendwie spooky. Ist also doch mehr dran an der Astrologie, als man gemeinhin glauben mag?
Einen letzten Versuch muss ich noch starten. Ich will Frau Biehl nach dem einzigen Ort fragen, an dem ich bislang war und dachte: „Nie wieder fahre ich hierhin." Hätte die Astrologin mir vorher sagen können, dass ich dort nicht gut aufgehoben bin? Ich frage sie nach Russland, denn im Zuge einer Ostseereise war ich mal in St. Petersburg. Alles an dieser Stadt hat mir widerstrebt, die prunkvollen Bauten, die (zumindest nach meinem Erleben) unfreundlichen Menschen, die Stimmung in der Stadt. Dort habe ich mich maximal unwohl gefühlt. „Das gesamte Baltikum als auch St. Petersburg und Helsinki liegen zwar nicht uninteressant im Kraftfeld zwischen Merkur- und Mondlinie, da diese Region aber keine speziellen Linien für Sie haben, sind sie auch kein besonderer Kraftort", beschreibt Kristine Biehl. Tatsächlich hat mir der Rest der Reise ganz gut gefallen, St. Petersburg bleibt dennoch mein persönlicher No-Go-Ort. Wie gesagt, es sei mittelmäßig geeignet, meint die Astrologin. Ich hätte aber selbst ein sehr gut funktionierendes inneres Navi, was sowohl für Orte als auch für das Leben als solches gelte.
Bislang hat es mich jedenfalls nahezu ausschließlich an Orte verschlagen, die der Sternenkonstellation zufolge für mich freundlich und gut sein sollen. Diesen Sommer werde ich das Ganze in Sardinien erneut auf die Probe stellen, und es ist gut möglich, dass es mich danach mal nach Kalifornien, Norwegen oder ins Tessin zieht. Falls Sie also in den nächsten Jahren Reiseartikel von mir über diese Regionen lesen sollten, wissen Sie, ich bin losgezogen, um meine (astrologischen) Traumorte zu erkunden.